texte zum film - Dr. phil. José Garcia - Aachen
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ZIEMLICH BESTE FREUNDE

(Intouchables) Frankreich, 2011
 
Filmische Qualität:   
Regie: Olivier Nakache, Eric Toledano 
Darsteller: François Cluzet, Omar Sy, Audrey Fleurot, Joséphine de Meaux, Clotilde Mollet, Anne Le Ny, Alba Gaïa Kraghede Bellugi 
Laufzeit: 110 Minuten
Genre: Komödien/Liebeskomödien 
Publikum: ab 6 Jahren 
Einschränkungen:  
 

José García

 

Mit mehr als 14 Millionen Besuchern wurde der erfolgreichste Kinofilm 2011 in Frankreich keine amerikanische Super-Produktion und auch keine „Harry Potter“-Verfilmung, sondern eine einheimische Komödie: „Ziemlich beste Freunde“ (Original: „Intouchables“) von Erich Toledano und Olivier Nakache erzählt von der ungewöhnlichen Freundschaft zwischen zwei Männern, die gegensätzlicher kaum sein könnten – ein Filmsujet, das im französischen Kino in den letzten Jahren mehrfach variiert wurde. Denn nachdem Patrice Leconte in „Mein bester Freund“ (2006) einen einsamen Kunsthändler den Wert der Freundschaft entdecken ließ, handelte der erfolgreichste französische Film aller Zeiten „Willkommen bei den Sch’tis“ (Dany Boon, siehe Filmarchiv) ebenfalls von einer ungewöhnlichen Männerfreundschaft über Vorurteile und Klischees hinweg.

Frei von Klischees sind die beiden Hauptcharaktere in Toledanos und Nakaches „Ziemlich beste Freunde“ wohl kaum: Philippe (François Cluzet) führt das Leben eines Aristokraten wie es im Buche steht. Er lebt in der musealen Umgebung eines Pariser Stadtpalais, in dem etwa auf einer Kommode Fabergé-Eier aufgereiht stehen. Gebildet ist Philippe natürlich auch, mit einem Hang zu klassischer Musik und sündhaft teurer moderner Kunst. Der Aristokrat wird darüber hinaus von einer Reihe Hausangestellten umsorgt. Denn seit seiner Querschnittsverletzung kann der reiche Adlige nichts mehr ohne fremde Hilfe tun. Weil ein neuer Pfleger eingestellt werden soll, warten in Philippes feudalem Vorzimmer einige Bewerber auf das Einstellungsgespräch. Darunter befindet sich auch Driss (Omar Sy), ein junger Afrikaner, der gerade aus dem Gefängnis entlassen wurde und an der Pflegerstelle eigentlich nicht interessiert ist: Der junge Mann will lediglich den Bewerbungsstempel für seine Arbeitslosenunterstützung. Weil Driss’ unbekümmert-freche Art Philipp sofort zusagt, macht er ihm ein spontanes Angebot. Was hat schon der ehemalige Häftling zu verlieren? Aus der tristen, engen Vorstadt-Sozialwohnung der Familie hat ihn gerade seine alleinerziehende Mutter hinausgeworfen. Hier kann er ein geräumiges Zimmer mit Bad sofort beziehen. Also akzeptiert er und lässt sich darauf ein, die Arbeitsabläufe der Pflege eines vom Hals abwärts Gelähmten im Schnellgang zu erlernen.

Aus dem großen Unterschied der beiden Männer schlägt „Ziemlich beste Freunde“ zwar komödiantisches Kapital. Im Laufe der Zeit entdecken sie jedoch nicht nur Gemeinsamkeiten, etwa die Vorliebe für Spritztouren im Maserati durch das nächtliche Paris. Darüber hinaus lernen sie voneinander: Die Berührung mit moderner Kunst regt Driss dazu, sich selbst als Künstler zu versuchen. Aber auch Philippe entschließt sich dazu, endlich die Frau persönlich kennenzulernen, mit der der Witwer seit Monaten eine Brieffreundschaft führt. Vor allem eins verbindet den gelähmten Aristokraten und den vor Energie nur so strotzenden Migranten: Sie können wunderbar miteinander lachen.

Das selbstverfasste Drehbuch von Eric Toledano und Olivier Nakache reiht über weite Strecken ihres Filmes einfach Episoden aneinander, manchmal sogar in schnellgeschnittenen Sequenzen, die sich durch Situationskomik oder gar Slapstick auszeichnen, aber auch den Zuschauer bewegen. Die gute Kameraarbeit von Mathieu Vadepied liefert dazu wunderbare Bilder, die von Dorian Rigal-Ansous mit viel Gespür für Rhythmus montiert werden. Dennoch ist „Ziemlich beste Freunde“ vor allem ein Schauspielerfilm. François Cluzet kann lediglich seine Gesichtsmimik einsetzen, was er umso intensiver tut, ohne jedoch in Manierismen zu verfallen. Als Kontrapunkt dazu verwendet Omar Sy betont die Körpersprache. Beides ergänzt sich auf eindrückliche Weise.

Obwohl „Ziemlich beste Freunde“ teilweise wie ein modernes Märchen anmutet, verfällt das Drehbuch in keinem Augenblick in Sozialkitsch. Dennoch: Die Solidarität zwischen dem körperlich Behinderten und dem sozial Benachteiligten steht im Mittelpunkt des Filmes. Was Philipp an Driss so sehr imponiert, drückt er selbst in den Worten aus, dass dieser kein Mitleid mit ihm empfindet: Philippe will einfach als Mensch mit Würde angenommen werden. Denn mehr als unter seiner Lähmung leider er an Einsamkeit, nachdem seine Frau gestorben ist. Dadurch, dass Driss ihm die Möglichkeit eröffnet, wieder über sich selbst lachen zu können, seine Situation mit Humor zu ertragen, gewinnt er einen neuen Lebensmut, entdeckt er seine Lebensfreude wieder.

Der Film basiert übrigens auf einer wahren Begebenheit: Zu „Ziemlich beste Freunden“ wurden die Filmemacher durch einen Dokumentarfilm inspiriert, in dem die unwahrscheinliche Begegnung zwischen dem querschnittsgelähmten Philippe Pozzo di Borgo und seinem Pfleger Abdel, einem jungen Mann aus der Vorstadt, berichtet wurde. In diesem Zusammenhang nehmen sich die Worte besonders bezeichnend aus, die der „echte“ Philippe den Regisseuren mit auf den Weg gab: „Wenn ich Abdel nicht begegnet wäre, wäre ich gestorben“.

 

Foto: Senator

Im Kino: 1/2012 - Auf DVD: 8/2012.