texte zum film - Dr. phil. José Garcia - Aachen
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LIEBE

(Amour) Frankreich / Österreich / Deutschland, 2012
 
Filmische Qualität:   
Regie: Michael Haneke 
Darsteller: Jean-Louis Trintignant, Emanuelle Riva, Isabelle Huppert, Alexandre Tharaud, William Shimell, Ramón Agirre, Rita Blanco 
Laufzeit: 126 Minuten
Genre: Dramen 
Publikum: Erwachsene 
Einschränkungen:  
 

José García

 

Nachdem der österreichische Regisseur Michael Haneke im Jahre 2008 beim Filmfestival Cannes mit der Goldenen Palme für „Das weiße Band – Eine deutsche Kindergeschichte“ (Siehe Filmarchiv) ausgezeichnet wurde, hat er dieses Jahr mit seinem nächsten Film „Liebe“ erneut die Goldene Palme gewonnen. In „Liebe“ („Amour“) erzählt Haneke von einem älteren Ehepaar, in dessen langes gemeinsames Leben sich eine tückische Krankheit einmischt, die zum körperlichen und seelischen Verfall der Frau führt. Dass die Krankheit tödlich verläuft, nimmt der Film bereits in der ersten Sequenz vorweg: Die Feuerwehr bricht eine Wohnungstür auf. Die Eintretenden halten sich ein Taschentuch vor die Nase: Der Verwesungsgeruch kommt aus einem Schlafzimmer hinter einer mit Klebeband abgedichteten Tür. Auf dem Bett liegt eine in Blumen eingebettete ältere Frau, die offenkundig schon länger tot ist.

Darauf folgt eine Rückblende. In einem Konzert sitzt ein älteres Ehepaar jenseits der 80 Jahre: Georges (Jean-Louis Trintignant) und Anne (Emmanuelle Riva). Dies ist übrigens die einzige Szene, die sich außerhalb der Pariser Wohnung abspielt, die sie bewohnen. Eine altmodisch eingerichtete Wohnung, in der sich die Vergangenheit eines Bildungsbürgertums widerspiegelt: Viele Bücher, Landschaftsmalereien und ein Flügel. Denn Anne war Klavierlehrerin: Es war ein Konzert ihres ehemaligen Schülers und nun zum bekannten Pianisten aufgestiegenen Alexandre (Alexandre Tharaud), das sie zusammen mit Georges besuchte.

In realistischen Bildern zeichnet Michael Haneke den Krankheitsverlauf nach. Es fängt unvermittelt an, als Anne beim Frühstück auf einmal ins Leere starrt und auf die Ansprache ihres Mannes gar keine Reaktion zeigt. Der Arzt entdeckt eine verstopfte Schlagader, die operiert werden soll – eigentlich eine Routineoperation mit 95 Prozent Erfolgsquote. Hier misslingt jedoch der Eingriff, und Anne kehrt halbseitig gelähmt im Rollstuhl aus dem Krankenhaus nach Hause zurück. Anne verlangt Georges das Versprechen ab, sie nie wieder in ein Krankenhaus zu bringen. Zunächst einmal scheint sich die Frau zu erholen: Mit Hilfe ihres Mannes wagt sie sogar, einige Schritte zu gehen. Nach einem Rück- oder zweiten Schlaganfall, den der Film nicht ausdrücklich zeigt, verschlechtert sich indes Annes Zustand rapide. Sie wird bettlägerig. Nach und nach verliert sie die Kontrolle über ihren Körper und ihren Geist: Es folgen Inkontinenz und Demenz bis zum Verlust der Sprache. Irgendwann einmal muss Georges sie dazu zwingen zu trinken, damit sie nicht verdurstet. Aber urplötzlich erstickt er sie mit einem Kissen.

Die hervorragenden Schauspieler und die beachtliche Kameraführung von Darius Khondji, die bei aller Nähe zu den Figuren immer eine gewisse Distanz wahrt, wodurch auch jeglichem Voyeurismus ein Riegel vorgeschoben wird, vermögen nicht darüber hinwegzutäuschen, dass sich die Dramaturgie aufgesetzt ausnimmt. Zwar stellt sich Georges zwischendurch die Frage, ob er an sein halbherziges Versprechen, Anne nicht in ein Krankenhaus zu bringen, wirklich gebunden ist. Sie selbst zu pflegen wird jedoch für ihn mehr und mehr zu einer fixen Idee. Daran hat nicht wenig Anteil die karikaturhafte Pflegerin, die Anne beim Kämen quält und völlig taktlos behandelt, so dass sich der Zuschauer unweigerlich fragt, ob es in einer Stadt wie Paris keine erfahrenen und feinfühligen Pflegerinnen gibt. Für Georges’ Gefühl, mit Annes Pflege allein und deshalb irgendwann einmal überfordert zu sein, spielt eine ebenso bedeutende Rolle die gemeinsame Tochter Eva (Isabelle Huppert), die in London lebt und sich selbst mit Eheproblemen herumschlägt. Bei einem ihrer Besuche, die zwar Anteilnahme, aber keine eigentliche Hilfe darstellen, fragt Eva ihren Vater in einem entscheidenden Dialog: „Wie soll das weitergehen?“, woraufhin Georges antwortet: „Es geht so weiter wie bisher, bis es irgendwann zu Ende ist.“

Merkwürdig mutet ebenfalls die (selbst auferlegte?) Isolation an. Von Evas zwei Kindern ist zwar die Rede, aber nicht ein einziges Mal besuchen die Enkelkinder ihre kranke Großmutter. Von Freunden ebenfalls keine Spur. Der einzige Besucher außer der Tochter ist der ehemalige Schüler Alexander, der allerdings bis dahin von Annes Erkrankung nichts wusste. Offenbar empfindet Anne selbst ihren Zustand als menschenunwürdig. Sich so sehen zu lassen, und sei es von der eigenen Tochter, erlebt sie als Demütigung. Hanekes Dramaturgie zielt offensichtlich darauf hin, Demenzkranken die Menschenwürde abzusprechen. Wer in seiner Verwandtschaft, im Bekannten- oder Freundeskreis je erlebt hat, wie sich jemand gemäß dem Diktum von Kardinal König („Menschen sollen an der Hand eines anderen Menschen sterben, und nicht durch die Hand eines anderen Menschen“) bis zuletzt aufopferungsvoll um den sterbenden Ehepartner gekümmert hat, kann Hanekes Versuch, Tötung (auf Verlangen?) als Akt der „Liebe“ darzustellen, jedenfalls nicht anders denn als empörend empfinden. Die imaginierte Szene, in der beide Ehepartner gemeinsam die Wohnung verlassen, mutet deshalb verlogen an, und zwar unabhängig davon, ob George aus egoistischen Gründen, weil er sich überfordert fühlt, oder aber aus „Liebe“ gehandelt haben soll, um Anne von ihrer „menschenunwürdigen Existenz“ zu erlösen.

 

Foto: X Verleih

Im Kino: 9/2012 - Auf DVD: 2/2013.