texte zum film - Dr. phil. José Garcia - Aachen
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GRAND BUDAPEST HOTEL

(The Grand Budapest Hotel) USA/ Deutschland, 2013
 
Filmische Qualität:   
Regie: Wes Anderson 
Darsteller: Ralph Fiennes, Tony Revolori, Jeff Goldblum, Adrien Brody, Saoirse Ronan, Tilda Swinton, Edward Norton, F. Murray Abraham, Willem Dafoe, Léa Seydoux, Bill Murray 
Laufzeit: 100 Minuten
Genre: Komödien/Liebeskomödien 
Publikum: ab 16 Jahren 
Einschränkungen:  
 

José García

 

Eine junge Frau besucht einen dem größten Schriftsteller (Tom Wilkinson) der Stadt Lutz gewidmeten Park und liest in seinem 1985 erschienenen Buch „The Grand Budapest Hotel“. Damals war das Hotel aus dem fiktiven mitteleuropäischen Land Zubrowka nur noch ein Schatten seiner selbst. Die Geschichte des in der Belle Epoque in höchstem Glanz strahlenden Hotels hatte der Autor (nun von Jude Law dargestellt) im Jahr 1968 vom Besitzer (F. Murray Abraham) selbst gehört. Nach dieser ähnlich einer russischen Matroschka-Puppe ineinander geschachtelten Einführung erzählt Wes Andersons Spielfilm „Grand Budapest Hotel“ eigentlich linear die Geschichte des legendären Concierge Gustave H. (Ralph Fiennes), der den Lobby-Boy Zero Moustafa (Tony Revolori) unter seine Fittiche nimmt. Diese Geschichte nimmt sich episodisch aus, nicht zuletzt weil sie in fünf Kapitel unterteilt ist.

Lehrer und Schüler sehen sich in einen Kriminalfall verwickelt, als eine der Stammkundinnen des Hotels, die steinreiche Madame Desgoffe und Taxis (Tilda Swinton), tot aufgefunden wird – offenbar ist sie keines natürliches Todes gestorben. Madame D. hatte dem treuen Concierge ein wertvolles Gemälde vermacht, worüber sich ihr Sohn Dmitri (Adrien Brody) nicht sehr erfreut zeigt. Dank seiner Verbindungen erreicht Dmitri, dass die Polizei Gustave als Raubmörder verdächtigt. Aber für alle Fälle schickt er dem sich auf der Flucht befindlichen ungleichen Duo Gustave-Zero seinen eigenen Privatdetektiven, den Unhold Jopling (Willem Dafoe), hinterher. Es beginnt eine aberwitzige Hetzjagd einschließlich Verfolgungsjagd auf einer Schneepiste à la James Bond und einem urkomischen Gefängnisausbruch, die von immer neuen Wendungen begleitet wird. Denn ihrerseits versuchen Gustave und Zero den Fall zu lösen, um ihre Unschuld zu beweisen.

Im Hintergrund wird die politische Lage immer bedrohlicher, weil die Faschisten (die ein an die SS angelehntes „Zick Zack“-Emblem tragen) an Bedeutung gewinnen und bald ihren Einfluss ausweiten, so dass der Krieg immer näher kommt.

Der Eröffnungsfilm des diesjährigen Berlinale-Wettbewerbs zeichnet sich durch viele abstruse Situationen aus, die temporeich inszeniert werden. Angesiedelt ist „Grand Budapest Hotel“ in einer fiktiven Welt, die allerdings an die k. und k.-Monarchie deutlich angelehnt ist. Davon zeugen nicht nur die Namen, etwa der berühmte Konditor Mendl’s. Bei ihm arbeitet als Auszubildende Agatha (Saoirse Ronan), in die sich Zero verliebt. Die blau- und rosafarbenen Kreationen der Patisserie passen sich wunderbar in die bunte Welt des Filmes ein. Kameramann Robert Yeoman kontrastiert allerdings sie und die farbenfrohen Kostüme etwa des Hotelpersonals mit den grauen Uniformen der Soldaten und ZZ-Männer, bis er schließlich Schwarzweiß-Bilder einsetzt. Die Kameraführung selbst verdient ebenfalls Beachtung: Yeoman schwenkt häufig die Kamera in die Vertikale, so dass er immer wieder von oben filmt. Ebenso zeigt der Kameramann eine Vorliebe für „Bilder im Bild“: Durch eine Öffnung in einer Wand lässt er den Blick auf eine gerahmte Szene frei, was dem Film eine malerische Note verleiht. Zu den Stilmitteln von „Grand Budapest Hotel“ gehören sowohl das klassische, aber inzwischen obsolete Bildformat 4:3 als auch schnell geschnittene Sequenzen, etwa im Kapitel über die „Gesellschaft der gekreuzten Schlüssel“, das eine Reihe bekannter Schauspieler in Kleinstrollen auftreten lässt.

Wes Andersons Film stellt nicht nur eine Genremischung aus Abenteuer-, Krimi- und Liebesfilm mit einer gehörigen Portion Slapstick dar. Darüber hinaus bietet „Grand Budapest Hotel“ eine Reihe Anspielungen. So erinnert „Die Zweitschrift des zweiten Testaments“ auf die berühmte „Vertragspartner“-Szene im Marx-Brothers-Film „Skandal in der Oper“ von 1935. Der Maler des von Madame D. an Gustave vermachten Bildes heißt Van Hoytl – was an Van den Budenmayer, das Alter Ego des Filmkomponisten Zbigniew Preisner in den Filmen von Krzysztof Kieślowski, gemahnt. Die Grenzen zwischen Fiktion und Realität werden freilich fließend, nachdem eine französische Firma die Herstellung von „L’air de panache“, dem von Concierge Gustave bevorzugten Eau de Toilette, angekündigt hat.

„Grand Budapest Hotel“ gleicht teilweise einem Schaulaufen bekannter Hollywood-Stars: Tilda Swinton, Tom Wilkinson, Jeff Goldblum, Adrien Brody, Owen Wilson, Jude Law, Bill Murray, Harvey Keitel und weitere berühmte Schauspieler sind auf der großen Leinwand teilweise lediglich einige Sekunden zu sehen. Selbstredend können sich deren Charaktere dem Zuschauer kaum einprägen. Die einzigen Figuren mit durchgängiger Präsenz sind die von Ralph Fiennes und von dem Debütanten Tony Revolori verkörperten Gustave und Zero. Dazu kommt noch Saoirse Ronan als Agatha. Obwohl sich die visuellen Einfälle und die Geschichte selbst im Laufe der Zeit merklich abnutzen, ist es dem gutaufgelegten Trio und dem hohen Erzähltempo zu verdanken, dass der Zuschauer das Geschehen in der skurrilen Welt des Regisseurs Wes Anderson weiterhin gebannt verfolgt.

Trotz der Naivität, mit der Lobby-Boy Zero die Geschehnisse schildert, schleichen sich in Wes Andersons Film nicht nur nostalgische Zwischentöne wegen der zu Ende gehenden Epoche ein. Aufgrund des drohenden Zweiten Weltkriegs zieht sich durch seinen Film auch eine resignative Melancholie, die zweifelsohne aus den Werken des Wiener Schriftstellers Stefan Zweig stammt, die Wes Anderson selbst als seine Inspirationsquelle für „Gran Budapest Hotel“ bezeichnet.

 

Foto: Fox

Im Kino: 3/2014 - Auf DVD: 8/2014.