texte zum film - Dr. phil. José Garcia - Aachen
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MELODYS BABY

(Melodys Baby) Belgien/Luxemburg/Frankreich, 2014
 
Filmische Qualität:   
Regie: Bernard Bellefroid 
Darsteller: Lucie Debay, Rachael Blake, Don Gallagher, Laure Roldan, Clive Hayward, Lana Macanovic, Julie Maes, Catherine Salée, Larisa Faber 
Laufzeit: 94 Minuten
Genre: Dramen 
Publikum: ab 16 Jahren 
Einschränkungen:  
 

José García

 

Das Bild einer jungen Frau in embryonaler Stellung steht symbolhaft am Anfang des Spielfilms „Melodys Baby“. Die etwa mittzwanzigjährige Französin Melody (Lucie Debay) schlägt sich durch, indem sie in Privathäusern Frauen frisiert und im Schlafsack in irgendwelchen Treppenhäusern übernachtet. Ihr Traum: Einen eigenen Friseursalon zu besitzen. Für die Anzahlung in Höhe von 5 000 Euro hat sie ihr ganzes Erspartes aufgebraucht. Auf der Suche nach weiteren Einnahmequellen stößt sie auf ein Leihmutterschaftsprogramm. Sehr schnell findet sich eine „Kundin“ aus England: Emily (Rachael Blake), eine vermögende Geschäftsfrau, die daran gewöhnt ist, sich im Beruf durchzusetzen.

Die künstliche Befruchtung muss in der Ukraine geschehen. Denn in England ist Leihmutterschaft zwar erlaubt, nicht aber, wenn die „Mutter“ Single wie Emily ist. Der belgische Regisseur und Mit-Drehbuchautor Bernard Bellefroid hält sich nur die nötigste Zeit bei der ganzen Prozedur auf. Bald ist Melody in Frankreich und Emily in England zurück. Die entscheidende Frage lautet: Hat es funktioniert? Der Schwangerschaftstest verläuft positiv. Dass Melody jedoch Emily am Telefon das Gegenteil sagt, deutet bereits darauf hin, dass sie ein anderes Verhältnis zu dem Kind in ihrem Bauch entwickelt hat. „Wer ist hier schwanger?“, heißt es denn auch etwas später. Als sich die Dramaturgie auf eine Art salomonisches Urteil hinzubewegen scheint, macht „Melodys Baby“ eine erste Wendung: Melody fährt zu Emily nach Hause. Nach der ersten Überraschung lässt Emily aber zu, dass die junge Frau bei ihr wohnt. Im Laufe der Zeit kommen sich die beiden Frauen auch näher. Irgendwann einmal entdeckt Melody, dass Emily eine Perücke trägt, weil nach einer Chemotherapie ihr Haar ausgefallen ist.

Nicht nur die Figur der Melody erinnert an die Charaktere in den Filmen der belgischen Regisseure Jean-Pierre und Luc Dardenne, die sich stets am Rande der Gesellschaft bewegen. Auch die Kameraführung von David Williamson scheint zunächst deren Stil nachzuahmen. Ähnlich in den Filmen „Rosetta“ (1999), „L enfant“ (2005) oder zuletzt „Zwei Tage, eine Nacht“ (2014) der Dardenne-Brüder folgt die Kamera Melody sehr nah. Dies legt sich zwar im Laufe des Filmes, weil in England dann die in ein weiches Licht getauchten, ausgesucht schönen Innenräume in Emilys Wohnung dominieren. Der Kontrast zwischen den Welten der zwei Frauen bleibt jedoch als ein wichtiges Element in der Inszenierung von „Melodys Baby“. Nach und nach verlagert sich die Handlung vom Sujet der Leihmutterschaft zu einem Kammerspiel zwischen den beiden ungleichen Frauen, die vom Alter her allerdings Mutter und Tochter sein könnten.

Zwar spielen für Bellefroids Film die Gefühle, die Melody immer stärker für das in ihr heranwachsende Kind empfindet, und die für sie eher überraschend auftreten, weil die junge Frau die ganze Angelegenheit lediglich als ein Geschäft sehen wollte, eine Rolle. Im Gegenzug stellt der Film Emilys Sorge in den Mittelpunkt, dass ihr, die offenkundig alles genau plant, die Kontrolle entgleiten könnte, aber auch ihre Eifersucht, weil „ihr“ Kind nicht in ihrem Körper, sondern in dem einer Fremden wächst. In dem Maße, in dem sich die zwei Frauen aber näherkommen, tritt auch ihre Vergangenheit ins Blickfeld. Denn Melody sieht ihre Mutter-Erfahrung im Spiegel ihrer eigenen Kindheit, da sie nach einer anonymen Geburt abgegeben wurde – was sie ständig begleitet hat: „Ich versuche es bei jedem, adoptiert zu werden“. Ihrerseits hat Emily eine traumatische Erfahrung gemacht, als ihr die Gebärmutter entfernt werden musste.

Der belgische Filmemacher Bernard Bellefroid hält sich mit Urteilen zurück. Eigentlich ist „Melodys Baby“ in seinem Kern kein Film über Leihmutterschaft. Offensichtlich wollte der belgische Regisseur dieses Sujet in einen größeren Kontext stellen. Dazu führt er aus: „Ich beschäftige mich mit diesem Thema nun schon seit drei Jahren, und je mehr ich mich damit befasse, desto weniger verstehe ich! Der Knackpunkt ist die Frage, ob Leihmutterschaft eher einem Aussetzen des Kindes ähnelt, oder ob sie ethisch motiviert sein kann. Ich bin mir nicht mal sicher, ob Melodys Baby ein Film über Leihmütter ist. Oberflächlich gesehen könnte man das schon sagen, aber wenn man tiefer schürft, ist Melodys Baby ein Film über die Eltern-Kind-Bindung, Adoption und zwei einsame Frauen, die allmählich eine Mutter-Tochter-Beziehung zueinander aufbauen. Das ist das eigentliche Thema des Films.“ Der Gegenstand der anonymen Geburt hat mit der Leihmutterschaft gemeinsam, dass hier die Frage nach dem Wissen um die eigene Herkunft und nach dem Recht auf ein solches Wissen gestellt wird. Obwohl die zwei Hauptdarstellerinnen, die Belgierin Lucie Debay und die Australierin Rachael Blake, eine hervorragende schauspielerische Leistung liefern, die auf dem Montreal International Film Festival 2014 mit dem gemeinsamen Preis für die beste Darstellerin ausgezeichnet wurde, geht in „Melodys Baby“ die eigentliche Fragestellung etwas verloren: Wie weit in ihrem Bestreben nach Selbstverwirklichung Menschen gehen dürfen.

Die psychischen Konsequenzen neuer Fortpflanzungstechniken werden kaum, die ethischen schon gar nicht behandelt. Angesichts eines aus dem Hut gezauberten Endes kann der Zuschauer darüber hinaus nicht umhin zu denken, dass sich der Regisseur auf eine dramaturgisch einfache Weise des Problems entledigen wollte.

 

Foto: MFA+

Im Kino: 5/2015 - Auf DVD: 0/0.