texte zum film - Dr. phil. José Garcia - Aachen
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MEIN HERZ TANZT

(Dancing Arabs) Israel, Deutschland, Frankreich , 2014
 
Filmische Qualität:   
Regie: Eran Riklis 
Darsteller: Tawfeek Barhom, Danielle Kitzis, Yaël Abecassis, Michael Moshonov, Razi Gabareen, Ali Suliman, Marlene Bajali 
Laufzeit: 105 Minuten
Genre: Komödien/Liebeskomödien 
Publikum: ab 12 Jahren 
Einschränkungen:  
 

José García

 

Eran Riklis gehört zu den international bekanntesten israelischen Filmregisseuren. Deutschen Zuschauern ist Riklis besonders vertraut, weil seine Filme „Die syrische Braut“ (2004) und „Lemon Tree“ (2007) von der Kölner Produktionsfirma „Heimatfilm“ mitproduziert wurden. Seine mit verschiedenen Preisen ausgezeichneten Filme erzählen anhand eines persönlichen Schicksals sensibel von den alltäglichen Unmenschlichkeiten, welche die politische Situation im Nahen Osten von den dort lebenden Menschen abverlangt. Von der schwierigen Suche nach Identität in einem Klima der gesellschaftlichen Stigmatisierung handelt auch sein aktueller Spielfilm „Mein Herz tanzt“ („Dancing Arabs“).

„Mein Herz tanzt“ beginnt mit einer Art Prolog im Jahre 1982. Der kleine Eyad gehört zur Minderheit der in Israel lebenden Palästinenser. Eine Zwischenschrift klärt den Zuschauer darüber auf, dass die etwa 1,6 Millionen Palästinenser etwa 20 Prozent der israelischen Bevölkerung ausmachen. Als kleiner Junge fällt Eyad vom Dach, als er eine Fernsehantenne auszurichten versucht. Nach diesem Schlag ist er ein Mathe-Genie geworden, so dass er im Juni 1988 als einziger Palästinenser von einer Elite-Schule in Jerusalem angenommen wird. Eyad (Tawfeek Barhom) versucht, sich anzupassen. Dies fällt ihm jedoch nicht leicht, weil er immer als „Araber“ angesehen wird.

Sein Leben in Jerusalem nimmt eine entscheidende Wendung, als sich seine Mitschülerin Naomi (Danielle Kitzis) in ihn verliebt. Eine Liebe, die Eyad zwar erwidert, die aber gegenüber Familie und Freunden geheim bleiben muss. Eine Geheimhaltung, die an den Nerven der beiden zehrt. Gleichzeitig freundet sich Eyad mit seinem an einer unheilbaren Muskellähmung leidenden und deshalb an den Rollstuhl gefesselten Klassenkameraden Yonatan (Michael Moshonov) an. Als sich dessen Gesundheitszustand derart verschlechtert, dass er die Wohnung und bald darauf sein Zimmer nicht mehr verlassen kann, duldet er nur noch Eyad in seiner Nähe. Auch Yonatans Mutter Edna (Yaël Abecassis) sieht in Eyad immer mehr einen zweiten Sohn.

Zwei einschneidende Ereignisse für den Mittleren Osten fallen in die Zeit von Eyads Schulbesuch: 1987 die erste Intifada, 1991 der Golfkrieg. Eran Riklis zeigt, wie die Palästinenser den Angriff auf Bagdad so empfinden, als würde ihre eigene Heimat brennen. Dennoch konzentriert er sich auf das Private, auf Eyads Entwicklung. Hin und wieder verdeutlicht der Regisseur die tagtägliche Diskriminierung, mit der sich Eyad konfrontiert sieht, beispielsweise als er von einem Polizisten nach seinem Ausweis gefragt wird, weil dieser ihn Arabisch sprechen hört. Eyad braucht etwa auch nur seinen Vornamen durch einen jüdischen auszutauschen, um von Tellerwäscher zum Kellner aufzusteigen. Eyad ist hin- und hergerissen zwischen seinen traditionellen Wurzeln und der Bindung an seine palästinensische Familie, auf der einen, sowie den Chancen des modernen Israel auf der anderen Seite. In diesem Spannungsverhältnis sucht der junge Mann nach einer Möglichkeit, die gesellschaftliche Stigmatisierung hinter sich zu lassen, nach seiner eigenen Identität.

Bei der Verleihung des Prädikats „besonders wertvoll“ urteilt die Deutsche Film- und Medienbewertung (FBW): „Mit Herz und Humor greift ,Mein Herz tanzt‘ das tägliche Misstrauen und die Schikanen auf, denen sich Palästinenser ausgesetzt sehen. Aber Regisseur Eran Riklis Film klagt nicht bloß an. Mit Interesse hat die Jury wahrgenommen, dass er auch ein wenig Lachen über den Wahnsinn gestattet, der seit Jahrzehnten den Alltag der Region bestimmt. Diese Leichtfüßigkeit kann auch jenen Zuschauern den filmthematischen Zugang erleichtern, die sich mit politischen Themen eher schwer tun. Riklis zeichnet das überzeugende Portrait eines Teenagers, der sich nicht nur durch die Pubertät kämpft, sondern es auch noch mit seiner kulturellen Identität und deren Ablehnung durch seine Umgebung zu tun hat.“

Obwohl Regisseur Eran Riklis in „Mein Herz tanzt“ immer wieder lustige Situationen einstreust, so dass sein aktueller Film um einiges humoriger ausfällt als seine früheren Werke „Die syrische Braut“ und „Lemon Tree“, wird dem Zuschauer immer wieder deutlich, dass Palästinenser in Israel als Bürger zweiter Klasse angesehen werden. Riklis macht etwa an Eyads Vater Salah (Ali Suliman) deutlich, dass Gewalt keine Lösung sein kann: Obwohl Salah einen Studienplatz an der Universität hatte, arbeitet er heute als Pflücker. Denn wegen seiner politischen Aktivitäten wurde er beschuldigt, eine Bombe gelegt zu haben. Salah wurde zu zwei Jahren Gefängnis verurteil und der Universität verwiesen.

Gibt es für Eyad – und ebenso für junge Palästinenser in Israel – eine Möglichkeit, nicht als Araber oder Jude, sondern einfach als israelischer Bürger angesehen zu werden? Der ehemalige israelischer Staatspräsident Shimon Peres soll auf seiner Facebook-Seite geschrieben haben: „Nachdem ich diesen Film gesehen habe, bin ich voller Hoffnung, dass dieses Land noch schöner werden kann, wenn es ein Recht auf Vielfalt gibt, und wenn wir die Verschiedenartigkeit jedes einzelnen Menschen anerkennen.“

Schön wäre es, wenn Eran Riklis mit „Mein Herz tanzt“ wirklich einen Beitrag dazu, sowie zur Neubestimmung von Heimat leisten könnte. Sein Film zeichnet jedenfalls ein glaubwürdiges Porträts eines jungen Menschen in einer schwierigen Situation auf der Suche nach der eigenen Identität.

 

Foto: NFP

Im Kino: 5/2015 - Auf DVD: 10/2015.