texte zum film - Dr. phil. José Garcia - Aachen
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UNBEKANNTE MÄDCHEN, DAS

(La fille inconnue) Belgien / Frankreich, 2016
 
Filmische Qualität:   
Regie: Luc Dardenne, Jean-Pierre Dardenne 
Darsteller: Adèle Haenel, Olivier Bonnaud, Jérémie Renier, Fabrizio Rongione, Olivier Gourmet, Thomas Doret, Morgan Marinne, Christelle Cornil  
Laufzeit: 106 Minuten
Genre:  
Publikum: ab 12 Jahren 
Einschränkungen:  
 

José García

 

Die belgischen Regisseure Jean-Pierre (geb. 1951) und Luc (geb. 1954) Dardenne gehören zu den Dauergästen im Wettbewerb der Filmfestspiele Cannes. Deren Goldene Palme gewannen sie bislang zweimal: 1999 mit "Rosetta" und 2005 mit "Das Kind". In Cannes stellten sie denn auch im vergangenen Mai ihren zehnten Film "Das unbekannte Mädchen" ("La fille inconnue") vor. Erzählten die ersten Spielfilme der Dardenne-Brüder eher von Menschen am Rande der Gesellschaft, so vollzog sich teilweise mit "Der Junge mit dem Fahrrad" und vor allem mit "Zwei Tage, eine Nacht" insofern eine Kehrtwende, als nicht mehr krasse Außenseiter im Mittelpunkt dieser Filme standen. In "Zwei Tage, eine Nacht" kämpfte eine einfache Arbeiterin um ihren Arbeitsplatz, aber der Film gewährte auch einen Einblick in die Mittelschicht einer mitteleuropäischen Stadt.

Dies wird im aktuellen Film der Dardenne-Brüder "Das unbekannte Mädchen" noch deutlicher. Denn die Hauptfigur im zehnten Dardenne-Film ist eine junge Ärztin, Dr. Jenny Davin (Adele Haenel). In den ersten Szenen folgt ihr die Kamera bei der Untersuchung eines älteren Herrn oder bei Hausbesuchen, wenn sie etwa zu einem krebskranken Jungen gerufen wird. Zurzeit vertritt die junge Ärztin einen älteren, im Krankenhaus liegenden Kollegen. Ob sie dessen in einem Lütticher Vorort liegende Praxis übernimmt, steht aber noch nicht fest. Denn Jenny scheint sich vielmehr für eine feste Anstellung in einem modernen Gesundheitszentrum entschieden zu haben. Mit ihrem jungen Praktikanten Julien (Olivier Bonnaud) ist sie darüber hinaus nicht zufrieden. "Ein guter Arzt muss immer stärker als seine eigenen Emotionen sein", tadelt sie ihn, nachdem Julien wie gelähmt dastand, als in der Praxis ein kleiner Junge einen Anfall bekam.

Die Missstimmung zwischen der Ärztin und ihrem Praktikanten wird nicht nur dazu führen, dass Julien den Arztberuf an den Nagel hängen will und sich in sein Heimatdorf zurückzieht. Sie hat noch weiterreichende Folgen. Denn als es spät am Abend in der Praxis klingelt, herrscht Jenny den Praktikanten an: "Mach nicht auf. Wir haben seit einer Stunde geschlossen." Später wird die Ärztin zugeben, dass sie dies nur gesagt hat, um Julien deutlich zu machen, wer hier das Sagen hat. Am nächsten Morgen kommt die Hiobsbotschaft von der Kriminalpolizei: Die Frau, die bei ihr geklingelt hatte, wurde tot aufgefunden. Im Überwachungsvideo vor dem Praxiseingang ist eine verängstigt wirkende, junge Afrikanerin zu sehen, die sofort losrennt, als ihr nicht aufgeschlossen wird. Augenscheinlich wird sie verfolgt. Unabhängig davon, ob es sich dabei um einen Unfall oder um Mord gehandelt hat, fühlt sich Jenny schuldig. Denn hätte sie der jungen Frau die Tür geöffnet, dann wäre diese wohl nicht zu Tode gekommen.

Jenny Davin beginnt, auf eigene Faust Nachforschungen anzustellen. Sie kann sich mit dem Gedanken nicht abfinden, dass das unbekannte Mädchen anonym bestattet wird und niemand von ihrem Tod erfährt. Auch wenn die Ärztin auf offener Straße von mutmaßlichen Zuhältern oder Drogendealern bedroht und von der Polizei ermahnt wird, sich nicht in deren Ermittlungen einzumischen, kann es Jenny nicht lassen. Sie muss herausfinden, wer die Tote war. Erstaunlicherweise erfährt sie denn auch mehr von ihr und von deren Todesumständen als Kriminalkommissar Ben Mahmoud (Ben Hamidou). Denn ihr junger Patient Bryan (Louka Minnella) scheint etwas darüber zu wissen...

Zwar entwickeln die Drehbuchautoren und Regisseure Jean-Pierre und Luc Dardenne aus dem Tod der geheimnisvollen Frau einen intelligent konstruierten Kriminalfall. Dennoch ist "Das unbekannte Mädchen" kein Krimi. Dazu führt Jean-Pierre Dardenne aus: "Wir wollten keinen Genre-Film drehen. Also entwickelten wir eine zweifache Ermittlungsgeschichte. Jenny versucht vehement, den Namen des Mädchens, das tot aufgefunden wurde, herauszufinden, jedoch weiß niemand darüber Genaueres. Sie möchte zudem verstehen, warum die Frau sterben musste, wofür sie sich teils mitverantwortlich fühlt." Der Film zeichnet vielmehr das Psychogramm einer jungen, idealistischen Frau, die durch ein plötzliches Ereignis, bei dem sie wenigstens subjektiv eine gewisse Schuld trifft, aus der Bahn geworfen wird.

Im Vergleich zu ihren früheren Filmen setzen Jean-Pierre und Luc Dardenne in "Das unbekannte Mädchen" eine konventionellere Filmsprache ein. Stand die Handkamera etwa in "Rosetta", aber auch in "Der Sohn" und teilweise in "Das Kind" den Protagonisten buchstäblich im Nacken, wodurch klaustrophobisch wirkende Bildausschnitte sowie ein Gefühl ständiger Ratlosigkeit entstanden, so filmt Kameramann Alain Marcoen mit seiner Handkamera Jenny eher von der Seite als unmittelbar von hinten, wodurch die Bilder viel ruhiger wirken. Weitere Markenzeichen ihrer Filme, etwa der Verzicht auf Filmmusik oder ein elliptisches Erzählen, bleiben bestehen. Ohne die Atemlosigkeit ihrer ersten Filme entfacht "Das unbekannte Mädchen" dennoch ein Gefühl der ständigen Bewegung.

Das Autoren- und Regieduo erzählt weiterhin von authentischen Menschen in einfachen Verhältnissen. Selbst bei der Ärztin fällt die Kargheit ihrer Wohnung ? die sie später sogar aufgibt, um in einem Praxisraum ihr Lager aufzuschlagen ? und die Schlichtheit ihrer roten oder blauen Pullover ohne jede Verzierung auf. Etliche ihrer Patienten gehören zu den Sozialfällen im postindustriellen Belgien. In dieser Hinsicht bleiben sich die Dardenne-Brüder treu.

 

Foto: Pandora

Im Kino: 12/2016 - Auf DVD: 0/0.