texte zum film - Dr. phil. José Garcia - Aachen
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BOSTON

(Patriot´s Day) USA, 2016
 
Filmische Qualität:   
Regie: Peter Berg 
Darsteller: Mark Wahlberg, Kevin Bacon, John Goodman, J. K. Simmons, Michelle Monaghan, Alex Wolff, Themo Melikidze, Rachel Brosnahan, Christopher O´Shea 
Laufzeit: 133 Minuten
Genre:  
Publikum: ab 16 Jahren 
Einschränkungen:  
 

José García

 

In seinem letzten Spielfilm "Deepwater Horizon" rekonstruierte Peter Berg detailreich einen Unfall großen Ausmaßes, der sich am 20. April 2010 auf der schwimmenden Ölbohrinsel "Deepwater Horizon" im Golf von Mexiko ereignete. Für seinen aktuellen Spielfilm, an dem Mark Wahlberg erneut als Produzent und Hauptdarsteller beteiligt ist, hat sich Peter Berg eine weitere Katastrophe ausgesucht: Am 15. April 2013 detonierten zwei Sprengsätze an der Zielgeraden des populären Bostoner Marathons. Dabei starben drei Menschen und 264 weitere wurden zum Teil schwer verletzt. Der Marathonlauf findet am sogenannten "Patriots Day" statt, weshalb Peter Bergs Spielfilm im Original diesen Filmtitel trägt. In der deutschen Fassung heißt er einfach "Boston".

"Boston" beginnt mit der Einführung verschiedener Charaktere. Nach einem verunglückten Einsatz wird Sergeant Tommy Saunders (Mark Wahlberg) vorübergehend degradiert. Als Streifenpolizist soll er zusammen mit Kollegen den Zielbereich des Bostoner Marathonlaufs sichern. Da er unter chronischen Knieschmerzen leidet, ist der Sergeant davon wenig begeistert. Während des Laufs wird er seine Frau Carol (Michelle Monaghan) bitten, ihm eine Kniestütze vorbeizubringen. Ein junges Paar, das erst vier Monate vorher geheiratet hatte, möchte den freien Tag beim Marathon verbringen. Noch kennt der Zuschauer das Schicksal nicht, das Jessica Kensky (Rachel Brosnahan) und Patrick Downes (Christopher O´Shea) ereilen wird. Beim "Massachusetts Institute of Technology" MIT arbeitet als Sicherheitsbeamter ("Transit Officer") Sean Collier (Jake Picking), der sich offensichtlich in eine Studentin verliebt und sie deshalb zu einem Baseballspiel eingeladen hat. In Watertown, einer Kleinstadt nahe Boston, die bei der Ergreifung der Attentäter eine wichtige Rolle spielen wird, hat Sergeant Jeffrey Pugliese (J. K. Simmons) an dem Montag Dienst. Eingeführt werden schließlich auch die Attentäter selbst, die Brüder Dschochar (Alex Wolff) und Tamerlan Zarnajew (Themo Melikidze), die ihre Rücksäcke mit den Sprengsätzen schultern, und sich auf den Weg zum Zielbereich des Bostoner Marathons aufmachen.

Nach der Exposition geht es sofort mit dem Attentat weiter: Plötzlich treffen im Zielbereich zwei Explosionen die Zuschauerreihen. Chaos bricht aus. Drei Menschen sterben an Ort und Stelle. Offenbar sind Hunderte verletzt. Tommy Saunders bemüht sich vor allem, den Zugang für die zahlreichen Rettungswagen freizubekommen. Gleichzeitig sucht er nach seiner Frau Carol, die er noch kurz zuvor in diesem Bereich gesehen hatte. Sehr bald steht fest: "Es ist Terrorismus". Bostons Polizeichef Ed Davis (John Goodman), der zunächst die Ermittlungen geleitet hatte, muss die Leitung an das FBI abgeben. FBI-Special-Agent Richard DesLauries (Kevin Bacon) richtet schnell eine Kommandozentrale in einer leerstehenden Fabrikhalle ein. Akribisch wird auf deren Boden der Zustand nach der Explosion der Sprengsätze rekonstruiert. Dank seinen Ortskenntnissen spielt Tommy Saunders auch hier eine entscheidende Rolle: Er benennt die Lage der Überwachungskameras, die bei der Identifizierung der Täter am meisten Erfolg versprechen. Damit werden verhältnismäßig schnell die Attentäter gefunden, die in Kirgistan geborenen Brüder Dschochar und Tamerlan Zarnajew, die der Zuschauer bereits kennt. Die Frage, mit der sich Special-Agent DesLauries konfrontiert sieht, lautet: Wann soll er diese Information an die Öffentlichkeit geben, damit die Ergreifung der Täter nicht gefährdet wird? Peter Berg fügt immer wieder Dokumentarbilder etwa aus den über die Stadt verteilten Überwachungskameras in seinen Film ein. Solche Bilder passen bestens zu dem schnörkellosen Stil, mit dem er erzählt. Dazu gehört etwa auch eine sehr bewegliche Handkamera, die sehr schnell von einem zum nächsten Tatort führt und einen Eindruck von Atemlosigkeit vermittelt. Dies gilt insbesondere auch für die wilden Verfolgungsjagden hinter den Attentätern, die immer mehr in die Enge getrieben werden.

Ein paar Szenen des allgemeinen Chaos reichen vollkommen, um ohne Effekthascherei den vorherrschenden Eindruck in der unmittelbaren Zeit nach dem Attentat zu schildern. Das Geschehen setzt sich aus den Mosaiksteinchen zusammen, die jede Figur in diesem Ensemblefilm liefert. Denn obwohl Tommy Saunders eine gewisse Hauptrolle spielt, ist er letztendlich nur einer unter den vielen Protagonisten. Er ist viel präsenter als alle anderen, weil in ihm offensichtlich viele reale Vorbilder verschmolzen sind. Das Drehbuch von Peter Berg und seinen Mitautoren Matt Cook und Joshua Zetumer konzentriert sich allerdings nicht nur auf Ermittler und Helfer. Der Film gibt auch einigen Opfern — Jessica Kensky, Patrick, Sean Collier — ein Gesicht. Weniger Interesse zeigt der Regisseur für die Beweggründe der Attentäter — was freilich auch ein Statement ist: Eine Sprengstoff-Attacke gegen unschuldige Menschen, die an einer Sportveranstaltung teilnehmen, ist ein Verbrechen, ganz unabhängig von den Motiven, die Täter anführen könnten. Anders ausgedrückt: "Boston" gibt Islamisten keine Bühne, um ihr Gedankengut auszubreiten.

Auch wenn es sich um wahre Begebenheiten mit allgemein bekanntem Ausgang handelt, gelingt Peter Berg ein spannender Thriller mit prominenten Schauspielern, einer geradlinigen Erzählung, einer teilweise fast dokumentarisch wirkender Inszenierung und wenigen, aber effektvollen Actionszenen.

 

Foto: Studiocanal

Im Kino: 2/2017 - Auf DVD: 0/0.