texte zum film - Dr. phil. José Garcia - Aachen
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LION - DER LANGE WEG NACH HAUSE

(Lion) Australien, 2016
 
Filmische Qualität:   
Regie: Garth Davis 
Darsteller: Sunny Pawar, Dev Patel, Rooney Mara, Nicole Kidman, David Wenham, Abhishek Bharate, Priyanka Bose 
Laufzeit: 118 Minuten
Genre:  
Publikum: ab 12 Jahren 
Einschränkungen:  
 

José García

 

Wieder einmal handelt ein Spielfilm von einer unwahrscheinlich klingenden und dennoch wahren Geschichte. "Lion - Der lange Weg nach Hause" erzählt von einem Fünfjährigen, der in Nordindien verloren geht - laut einer Texttafel am Filmschluss werden jährlich in Indien 80 000 Kinder als vermisst gemeldet -, und mehr als zwanzig Jahre später seinen Geburtsort und seine Familie wiederfindet. Saroo Brierley veröffentlichte seine Geschichte im Jahre 2014 in Buchform: "A Long Way Home" (deutscher Titel: "Mein langer Weg nach Hause").

Der lange Weg beginnt im Jahre 1986. Saroo (Sunny Pawar) lebt mit seiner Mutter Kamla (Priyanka Bose), einer Schwester und seinem heißgeliebten älteren Bruder Guddu (Abishek Bharate) in einem kleinen Dorf in Indien. Obwohl die Mutter hart arbeitet, reicht dies für den Unterhalt der Familie kaum. Guddu unternimmt offenbar hin und wieder Fahrten in die nächste Kleinstadt, um durch nächtliche "Besorgungen" aus den Güterzügen zum Familienunterhalt beizutragen. Der fünfjährige, aufgeweckte Saroo will unbedingt mit dem älteren Bruder in die Stadt. Guddu kann es ihm nach langem Betteln nicht abschlagen. Es ist Nacht, als sie ankommen. Saroo soll sich auf einer Bank auf dem menschenleeren Bahnhof ausruhen, während sich Guddu umschaut, was er "organisieren" kann. Als Saroo aufwacht, fehlt von seinem großen Bruder jede Spur. Einige Zeit später, müde von der Suche nach Essbarem, schläft Saroo in einem leeren Zug ein, der sich dann in Bewegung setzt - und findet sich 1 600 Kilometer östlich in der Millionenstadt Kalkutta wieder. Der Fünfjährige weiß natürlich nicht, wo er ist. Er kann sich ja nicht einmal verständigen, weil Saroo nur die in seiner Region gesprochene Sprache kann.

Es beginnt eine Odyssee, um durch Betteln etwas zu essen zu bekommen sowie um eine Schlafstelle zu finden. Zunächst schließt sich Saroo einer Kindergruppe an, die in einem Tunnel direkt am Bahnhof haust. Zwischendurch wird er von einer freundlichen jungen Frau aufgelesen, die ihm zu essen und zu trinken, auch saubere Kleidung gibt. Der Junge soll in ihrer Wohnung auf einen Mann warten, der ihn am Morgen abholen wird. Als aber der Mann kommt, ahnt Saroo - vielleicht gerade deshalb, weil der Mann so sauber aussieht und so freundlich wirkt -, dass mit ihm irgendetwas nicht stimmt, und rennt gerade noch rechtzeitig weg. So kommt der Fünfjährige in ein Waisenhaus, wo ihn wohl Monate oder ein Jahr später ein australisches Ehepaar adoptiert: Sue (Nicole Kidman) und John Brierley (David Wenham) schenken ihm ein liebevolles Zuhause in Australien.

Fünfundzwanzig Jahre später nimmt Saroo (nun von Dav Patel dargestellt) in Melbourne ein Hotelmanagement-Studium auf. Dort lernt er auch seine australische Freundin Lucy (Rooney Mara) kennen. Er führt ein glückliches Leben ... bis er eines Tages bei einer Party ein indisches Gebäck wiedererkennt und ihn schlagartig Erinnerungen an seine Kindheit übermannen. Wir schreiben nun das Jahr 2012. Die Firma Google hat gerade die Software Google Earth auf den Markt gebracht. Mit deren Hilfe macht sich der inzwischen junge Mann auf die Suche nach seinem Geburtsort und seiner Familie, wobei er in keiner Weise die Gefühle seiner Adoptiveltern verletzen möchte.

Eines der auffälligen Stilmittel, die Regisseur Garth Davis in seinem Langfilmdebüt einsetzt, ist der Kontrast. Natürlich kontrastiert die westlich geprägte Stadt Melbourne mit Indien. Aber auch innerhalb des indischen Subkontinents sind die Kontraste zwischen dem kleinen Dorf und der Millionenstadt Kalkutta nicht minder ausgeprägt. Visuell drückt es Garth Davis beispielsweise dadurch aus, dass Saroo als Fünfjähriger an einem menschenleeren Bahnhof in den Zug einsteigt. Als er in Kalkutta aus dem Zug aussteigt, wimmelt es am Bahnhof nur so vor Menschen. Zusammen mit Kameramann Greig Fraser gelingt es dem Regisseur, sowohl das Verlorensein des Kindes als auch die Unbestimmtheit im Zeitenverlauf deutlich zu machen, was mit der subjektiven Empfindung des Jungen zusammenhängt, der weder mit einer Uhr noch mit einem Kalender umgehen kann.

Für die diesjährige Oscarverleihung ist "Lion - Der lange Weg nach Hause" in sechs Kategorien für den Oscar nominiert: Bester Film, Bester Nebendarsteller (Dev Patel), Beste Nebendarstellerin (Nicole Kidman), Bestes adaptiertes Drehbuch, Beste Kamera und Beste Filmmusik. Erstaunlich dabei ist jedoch, dass Dev Patel für die Rolle des etwa 30-jährigen Saroo oscarnominiert, während der kleine Sunny Pawar nicht berücksichtigt wurde. Denn die Natürlichkeit, mit der er die unterschiedlichen Gefühle, aber auch die wilde Entschlossenheit und einen außerordentlichen Überlebenswillen darstellt, macht aus der ersten Hälfte des Filmes die eindeutig Bessere und dem Zuschauer viel näher Gehende. Regisseur Davis ist ebenfalls zugutezuhalten, dass er die gefühlsduseligen Klippen im Großen und Ganzen umschifft, wenn auch hin und wieder die Filmmusik zu ein- und aufdringlich wirkt.

Nicole Kidman überzeugt wiederum in einer Rolle, die als Adoptivmutter ein schwieriges emotionales Gleichgewicht insbesondere in der Frage erfordert, wie sie auf Saroos Suche nach seiner natürlichen Familie reagiert. David Wenham bleibt als deren Filmehemann genauso im Hintergrund wie Rooney Mara als Freundin des erwachsenen Saroo.

"Lion - Der lange Weg nach Hause" überzeugt insgesamt durch die eher nüchterne Inszenierung einer berührenden Geschichte, die am Filmende durch dokumentarische Aufnahmen ergänzt wird.

 

Foto: universum

Im Kino: 2/2017 - Auf DVD: 7/2017.