texte zum film - Dr. phil. José Garcia - Aachen
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SILENCE

(Silence) Mexiko, Taiwan, USA , 2015
 
Filmische Qualität:   
Regie: Martin Scorsese 
Darsteller: Andrew Garfield, Adam Driver, Liam Neeson, Tadanobu Asano, Ciarán Hinds, Y?suke Kubozuka, Yoshi Oida, Shin?ya Tsukamoto, Issey Ogata, Nana Komatsu, Ryô Kase 
Laufzeit: 161 Minuten
Genre:  
Publikum: ab 16 Jahren 
Einschränkungen:  
 

José Garcia

 

Stille, wie selten in einem Kinofilm zu vernehmen ist. Nachdem das Rauschen des Meeres abklingt, breitet sich Stille auf der noch schwarzen Leinwand aus. "Silence" heißt der neue Film von Martin Scorsese, die Verfilmung von Shusaku Endos 1966 veröffentlichtem historischem Roman "Chinmoku" (deutscher Titel: "Schweigen").

Dieses "Schweigen" bezieht sich zwar auf das Schweigen Gottes, ein bereits im Alten Testament angelegtes Motiv. Der Spielfilm "Silence" macht aber durch ein durchdachtes Sounddesign die Stille erfahrbar. Zusammen mit der Kameraarbeit von Rodrigo Prieto, der für diese Arbeit für den diesjährigen Oscar nominiert war, mit dem Szenenbild von Dante Ferreti — der bereits drei Oscars gewonnen und hier zum neunten Mal mit Scorsese zusammenarbeitet — und mit dem Schnitt der ebenfalls dreimal mit dem Oscar ausgezeichneten Thelma Schoonmaker, die seit 40 Jahren für die Filme Scorseses tätig ist, trägt die Tonspur insbesondere zu einem Gesamterlebnis in "Silence" bei.

"Silence" erzählt von der Christenverfolgung im Japan des 17. Jahrhunderts. Im Jahre 1549 war Franz Xaver als erster Jesuitenmissionar nach Japan gelangt. Der Kaiser erlaubte ihm, in ganz Japan das Christentum zu predigen. Nach Franz Xavers Abreise nach China setzten seine Arbeit andere Jesuiten fort, so dass 1576 mehr als 50 000 Menschen in Japan getauft waren, wobei die Gesellschaft Jesu 75 Mitglieder, Ausländer sowie Einheimische, zählte. Seit den 1580er Jahren setzte jedoch unter Militärdiktatoren eine politische Einigung und Zentralisierung Japans ein, die im Amt des "Shoguns" ihre institutionelle Form fand.

Per Dekret verwies der Gouverneur Hideyoshi am 25. Juli 1587 alle Jesuiten des Landes. Kirchen wurden geschlossen und wenig später zerstört. Dennoch verblieben etwa 150 Jesuiten in Japan im Untergrund. Am 5. Februar 1597 wurden der Jesuit Paul Miki und 25 andere gekreuzigt — die berühmten "Märtyrer von Nagasaki". 1614 setzte eine systematische Verfolgung und Unterdrückung in großem Stil ein. Tokugawa Ieyasu, seit 1605 Shogun, unterschrieb in Tokyo ein Edikt zur Vertreibung aller Missionare und zur Vernichtung des Christentums. Von den etwa 400 000 Katholiken in Japan wurden einige Zehntausend hingerichtet. Bis 1644 starben 93 Jesuiten. Im Zusammenhang mit der Christenverfolgung in Japan erlangte besondere Bekanntheit der Fall des portugiesischen Jesuitenprovinzials Cristóvao Ferreira, der im Oktober 1633 seinem Glauben abgeschworen haben soll.

Martin Scorsese und sein Mit-Drehbuchautor Jay Cocks lassen die Handlung von "Silence" denn auch im Herbst 1633 beginnen. Bereits die ersten Bilder zeigen die grausame Folter, der Christen auf einer japanischen Insel unterzogen werden. Im Mittelpunkt steht aber Pater Cristóvao Ferreira (Liam Neeson), der von einem "Inquisitor" zum Glaubensabfall bewegt werden soll. Gerüchte über Ferreiras Apostasie gelangen auf Umwegen erst vier Jahre später nach Portugal. Der Fall schockiert die ganze katholische Welt, besonders aber die Gesellschaft Jesu, weil bis dahin aus Japan nur Märtyrergeschichten nach Europa gelangt waren, von denen viele von Ferreira selbst verfasst wurden.

Insbesondere die jungen Jesuiten Sebastiao Rodrigues (Andrew Garfield) und Francisco Garupe (Adam Driver) wollen nicht wahrhaben, dass ihr ehemaliger Lehrer, ihr geschätzter Mentor, zum Buddhismus übergetreten sei und eine Japanerin geheiratet habe. Nachdem sie lange auf ihren Oberen Pater Valignano (Ciarán Hinds) eingeredet haben, gibt dieser nach. Sie sollen nach Japan reisen, um dem unglaublichen Gerücht nachzugehen. "Sie sind die letzten Jesuiten, die dorthin geschickt werden", sagt Pater Valignano zu ihnen zum Abschied.

Da sie nur illegal nach Japan reisen dürfen, suchen die beiden jungen Jesuitenpatres in Macau nach jemand, der sie ins Land hineinschmuggeln kann. Sie werden mit dem japanischen Fischer Kichijiro (Yosuke Kubozuka) bekanntgemacht, der allerdings einen verwahrlosten und nicht gerade vertrauenswürdigen Eindruck macht. Bald erfahren sie jedoch, dass der japanische Fischer aus einer christlichen Familie stammt, die ihrem Glauben treu blieb und deshalb hingerichtet wurde. Er überlebte, weil er seinen Glauben verleugnete. Aus Scham und Schuldgefühl floh er nach Macau. Nun möchte sich der junge Mann rehabilitieren, und so bringt er Rodrigues und Garupe zu Christen, die im Verborgenen weiterhin ihren Glauben leben. Der Dorfälteste Ichizo (Yoshi Oida) spendet das Taufsakrament und steht den Versammlungen vor. Sie sind über die Ankunft der Patres überaus glücklich: "Wir brauchen Euch, denn wir haben keine Messe und keine Beichte." Die beiden Priester hören die ganze Nacht Beichte. Rodrigues feiert die Heilige Messe "wie in den Katakomben". Tagsüber müssen sich die beiden aber verbergen. Bald erfahren auch Christen aus einem anderen Dorf von der Ankunft der Jesuiten. Diese suchen aber nach Ferreira, von dem auch weiterhin jede Spur fehlt.

"Silence" erinnert wegen der Thematik und auch wegen der filmischen Mittel an Roland Joffés "Mission" (1986). Hier werden die südamerikanischen Jesuitenreduktionen an der Grenze zwischen dem portugiesischen und dem spanischen Herrschaftsgebiet um die Mitte des 18. Jahrhunderts zum Spielball der Politik. "Mission" sticht ebenfalls durch die herausragende Fotografie von Chris Menges und die einprägsame Filmmusik von Ennio Morricone heraus. Übrigens: Bei Joffé spielte Liam Neeson einen jungen Jesuiten. Nun verkörpert er bei Scorsese den alternden Jesuitenprovinzial. Legt Joffés Film bei allen Gewissensfragen, die sich die Patres angesichts der Zwangsräumung ihrer "Reduktion" stellen müssen, den Hauptakzent auf äußere Ereignisse, so vertieft "Silence" theologische Fragestellungen. Über die philosophischen Gespräche zwischen Rodrigues und dem Inquisitor Inoue (Issei Ogata), über die Frage der Vereinbarkeit des Christentums mit der japanischen Kultur hinaus, stellt Martin Scorsese die Fragen über das Schweigen Gottes — also über die Theodizee —, aber auch über den Glauben, über die Erlösung und die Gnade in den Mittelpunkt.

Deshalb wechseln sich über die 161 Filmminuten eher actiongeladene mit kontemplativen Passagen ab, wobei der Film darin ein wunderbares Gleichgewicht findet. Scorsese zeichnet ein nuanciertes Bild der Bauern mit ihrem einfachen aber starken Glauben. Er legt das Augenmerk auf die Stellung gegenüber der Folter. Die einen haben genug Stärke, um lieber Folter und Tod auf sich zu nehmen, als ihren Glauben zu verleugnen. Die anderen schwören dem Glauben aus Schwäche ab — auch wenn sie später immer wieder Vergebung suchen. Das Verhältnis zwischen Stärke und Schwäche wird besonders deutlich an der eigenwilligen Beziehung zwischen Rodrigues und Kichijiro: Der Jesuit sucht das Antlitz Jesu, stellt sich aber die Frage, ob ihn nachahmen wollen nicht auch bedeuten könnte, ihn ersetzen zu wollen — um dies zu verdeutlichen, findet der Film auch visuelle Mittel. Der Fischer leidet unter der eigenen Schwäche — hätte er fünfzig Jahre früher gelebt, wäre er ein guter Christ gewesen.

Für die Geistlichen geht die Alternative jedoch über die Frage Schwäche oder Stärke hinaus. Bei ihnen wird die Folter insofern besonders grausam, als es auf ihre Antwort ankommt, ob die einfachen Gläubigen getötet oder verschont werden sollen. Mit diesem Dilemma müssen sie sich auseinandersetzen. Aber Martin Scorsese betont nicht nur die menschliche Schwäche oder Stärke. Sein Film bleibt auch offen für die Gnade: "Im Schweigen habe ich Deine Stimme vernommen", heißt es beispielsweise einmal. "Silence" unterstreicht, dass Gott das letzte Wort hat, dass nur er in den Menschen hineinschauen kann. Deshalb ist trotz der furchtbaren Ereignisse, die der Film schildert, das letzte Bild in "Silence" ein Bild der Hoffnung.

Dass dies kein frommes Denken ist, beweist die Geschichte: Als 1865 nach mehr als zwei Jahrhunderten Isolierung Japans wieder ein Missionar nach Nagasaki gelangte, stellte er fest, dass in der Gegend fast 20 000 japanische Christen als priesterlose Gemeinde im Untergrund die Verfolgung überlebt hatten. Sie bekannten sich nun öffentlich zu ihrem christlichen Glauben, was zu einer erneuten Verfolgung führte. Erst 1873 schaffte die japanische Regierung auf internationalen Druck die Anti-Christen-Gesetze ab und proklamierte in der Verfassung von 1889 Religionsfreiheit.

 

Foto: Concorde

Im Kino: 3/2017 - Auf DVD: 0/0.