texte zum film - Dr. phil. José Garcia - Aachen
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MARIJA

(Marija) Deutschland, Schweiz, 2016
 
Filmische Qualität:   
Regie: Michael Koch 
Darsteller: Margarita Breitkreiz, Georg Friedrich, Olga Dinnikova, Sahin Eryilmaz, Elena Predueo, Mikolay Dontchev, Dmitri Alexandrov 
Laufzeit: 101 Minuten
Genre:  
Publikum: ab 16 Jahren 
Einschränkungen:  
 

José García

 

Eine junge Frau geht zügigen Schrittes auf der Straße. Die Art, wie die Kamera sie aufnimmt, wie sie sich auf ihren Nacken fixiert, kennt der Zuschauer aus den Filmen der Brüder Luc und Jean-Pierre Dardenne. Das Spielfilmdebüt von Drehbuchautor und Regisseur Michael Koch "Marija" erinnert nicht nur in visueller Hinsicht an die Filme des Regieduos aus Belgien, zuletzt "Das unbekannte Mädchen".

Im Gegensatz zu den Heldinnen in den Dardenne-Filmen, die sich der Sympathie der Regisseure sicher sein können, nimmt sich der Charakter der gleichnamigen Protagonistin von "Marija" (Margarita Breitkreiz) eher ambivalent aus. Denn gleich zu Beginn erlebt sie der Zuschauer als Diebin. Weil sie einem Hotelgast Schmuck gestohlen hat, verliert die junge Ukrainerin ihren Job als Zimmermädchen. Wie soll sie nun ihre Miete bezahlen? Als ihr Vermieter Cem (Sahin Eryilmaz) vor ihrer Wohnungstür steht, versucht sich Marija totzustellen. Doch dies hilft ihr nicht. Zunächst verlangt er von ihr einen sexuellen "Dienst". Ab dem Moment arbeitet sie für Cem. Marija dolmetscht etwa bei einem Arztbesuch für einen illegal arbeitenden russischen Einwanderer, oder sie hilft einer Migrantenfamilie beim Beantragen von Kindergeld. Davon lebt Cem nach dem Motto "Wenn du sie nicht abziehst, ziehen sie dich ab". Vor allem scheint er von den horrenden Mieten zu leben, die er für schäbige Wohnungen in heruntergekommenen Altbauten verlangt.

"Marija" erzählt zwar hauptsächlich die Geschichte der Ukrainerin, die in Dortmund ihren Traum vom eigenen Frisiersalon verwirklichen möchte und dafür bereit ist, so gut wie alles zu tun. Michael Koch beobachtet jedoch auch genau und undramatisch das Milieu, die Interaktionen zwischen Marija und ihrem Umfeld. Dafür hat sich der Drehbuchautor und Regisseur das ehemalige Arbeiterviertel Nordstadt in Dortmund ausgesucht, in dem Menschen aus mehr als 130 Ländern wohnen. Dazu führt er aus: "Aufgrund des Niedergangs von Stahl- und Kohleindustrie stehen in der Nordstadt immer wieder Häuser leer und verfallen. Auf viele Migranten, die mit wenig, teilweise überhaupt keinen finanziellen Mitteln nach Deutschland kommen, wirkt das anziehend, sie glauben, sich hier eine neue Existenz aufbauen zu können. Den lokalen Vermietern wiederum sind die neuen Arbeitsmigranten eine willkommene Klientel, weil sie ihnen in überfüllten Etagen Schlafplätze und Zimmer vermieten können und auf diese Weise an ihren maroden Altbauten was verdienen."

Diese kurzen Episoden beleuchten zwar das Milieu, in dem sich kleine Dramen abspielen, in dem die Träume von Migranten zerplatzen, die im reichen Deutschland einen Neuanfang wagten. Es sind jedoch nur kleine Beispiele am Rande. Denn "Marija" kehrt bald zu seiner Protagonistin zurück. In dem einzigen Nebenstrang, der sich durch den ganzen Film zieht, schlägt sich Marijas Freundin Olga (Olga Dinnikova) mit der Frage herum, ob sie ihrem abgeschobenen Freund Igor (Dmitri Alexandrov), der in Dortmund illegal auf einer Baustelle arbeitete, in die Ukraine folgen soll. Im Unterschied zu Marija, mit der Olga einst zusammen nach Dortmund kam, erwartet sie ein Kind. Und sie möchte, dass das Kind zusammen mit Vater und Mutter aufwächst.

Im Unterschied zu Olga lässt Marija Gefühlen, die sie von ihrem Ziel abbringen könnten, keinen Raum. Als sie aber durch Cems Vermittlung den undurchsichtigen Bauunternehmer Georg (Georg Friedrich) kennenlernt, könnte dies anders werden. Georg sucht eine Assistentin mit Russischkenntnissen, weil er befürchtet, dass seine russischen Geschäftspartner ihn übers Ohr hauen könnten. Finanziell zahlt sich der Job für Marija aus, denn damit könnte sie die Anzahlung für das Ladenlokal bezahlen. Im Laufe der Zeit kommen sich Marija und Georg aber auch persönlich näher.

Michael Koch setzt einen sehr dokumentarischen Stil ein. Die beobachtende Kameraarbeit von Bernhard Keller bleibt stets nahe an den Protagonisten, insbesondere an Marija. Die Bilder wirken teilweise sogar klaustrophobisch, ohne den Blick für größere Zusammenhänge, etwa in Totalen, zu öffnen. Unterstützt wird der dokumentarische Eindruck durch den Verzicht auf Filmmusik sowie durch den Einsatz von Laiendarstellern.

"Marija" geht über eine sozialkritische Studie hinaus. Zwar zeigt der Film den Kampf um die eigene Existenzgrundlage in der Dortmunder Nordstadt. Aber das starke Schauspiel von Margarita Breitkreiz, die selbst in Russland geboren wurde und nach der Wende mit ihren Eltern nach Deutschland zog, gerade im Zusammenspiel mit Georg Friedrich und Sahin Eryilmaz, macht aus dem Film eine regelrechte Charakterstudie. Auf ihrem Gesicht spiegelt sich Marijas Gefühlswelt wider — meistens zeigen ihre Gesichtszüge mit ihrer entschlossenen Zielstrebigkeit korrespondierende Härte und Verschlossenheit. Wenn sie aber Georg näherkommt, klären sie sich auf.

Gerade durch die Konzentration auf die Protagonistin und ihren alltäglichen Kampf ums liebe Geld rückt Michael Koch die Frage in den Mittelpunkt: "Kann man sich in einer Welt, in der zwischenmenschliche Beziehungen auf ihre ökonomische Verwertbarkeit ausgerichtet sind, Dinge wie Moral oder Gefühl überhaupt noch leisten?" Dies scheint über die Milieu- und Charakterbeschreibung hinaus die zentrale Frage zu sein, die Autor und Regisseur Michael Koch in "Marija" formuliert. Michael Kochs siedelt sein Spielfilmdebüt näher an den Dardenne-Brüdern als an den sozialkritischen Filmstudien des britischen Regisseurs Ken Loach an.

 

Foto: RealFiction

Im Kino: 3/2017 - Auf DVD: 0/0.