texte zum film - Dr. phil. José Garcia - Aachen
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HUND BEGRABEN, DER

(Der Hund begraben) Deutschland, 2016
 
Filmische Qualität:   
Regie: Sebastian Stern 
Darsteller: Justus von Dohnányi, Julianne Köhler, Georg Friedrich, Ricarda Viola Zimmerer, Ben Cervilla Fischer, Irina Sulaver, Christian Hoening 
Laufzeit: 87 Minuten
Genre:  
Publikum: ab 16 Jahren 
Einschränkungen:  
 

José García

 

Was ist Glück?", fragt die Off-Stimme eines Mannes in den besten Jahren. Die Stimme gehört Hans Waldmann (Justus von Dohnányi), der sich — wie diese Frage verrät — mitten in einer Midlife-Crisis befindet. Zu Hause scheint er unsichtbar geworden zu sein. Jeder Versuch, ein Gespräch zu beginnen, wird von seiner Ehefrau Yvonne (Juliane Köhler) oder von seiner pubertierenden Tochter Laura (Ricarda Viola Zimmerer) im Keim erstickt. Diese hat ohnehin nur Zeit und Interesse für ihren Freund Fabi (Ben Cervilla Fischer). "Was stimmt nicht mit mir?" will Hans von seinem Hausarzt wissen. Dieser winkt aber ab, und bescheinigt dem verdutzten Hans, gesund zu sein. Wo der Hund begraben liegt, wüsste Hans nur allzu gern in der deutschen Komödie "Der Hund begraben" von Sebastian Stern.

Als Hans dann seine Arbeit in der Papierfabrik verliert, weil sie von einer finnischen Gruppe übernommen wurde, die ihr eigenes Personal mitbringen wird, verliert Hans jeden Halt. Wie soll er seiner Frau etwas sagen, wenn sie ihn gar nicht wahrnimmt? Was noch schlimmer geworden ist, seitdem ein streunender Hund der Familie zugelaufen ist. Yvonne schenkt dem Mischling viel mehr Aufmerksamkeit als ihrem Mann. Sie lebt so richtig auf, wenn sie sich beispielsweise auf einer Wiese zusammen mit anderen Hundebesitzerinnen trifft und mit dem Hund Stöckchenwerfen übt.

Hans beschließt, jeden Morgen einfach wie immer aus dem Haus zu gehen und so zu tun, als fahre er zur Arbeit. Eines Tages gerät Hans in einen esoterisch angehauchten Vortrag von irgendeinem Selbsthilfeguru. Der Vortrag hilft Hans auch nicht weiter, aber bei der Gelegenheit lernt er Mike (Georg Friedrich) kennen, der ihm seine Hilfe anbietet, falls Hans sie einmal braucht. Darauf wird der brave Familienvater bald zurückkommen. Denn mit dem Geld der Abfindung verwirklicht er sich einen Traum: Er kauft ein Cabrio, mit dem er dann den Hund überfährt. Nun weiß Hans, wo der Hund begraben liegt — weil er ihn im nahegelegenen Wald selbst begraben hat. Wie soll er es aber seiner Frau Yvonne beibringen, da sie nicht einmal von der Existenz des Cabrios weiß? Da fällt Hans der mit österreichischem Akzent redende Mike wieder ein. Dieser willigt ein, den Unfall auf sich zu nehmen. Als Mike aber Yvonne davon erzählen will, bringt er es nicht übers Herz. Er nistet sich immer mehr in die Familie ein. Sowohl Yvonne als auch ihre Tochter und deren Freund sind von Mike recht angetan. Die Situation wird immer absurder. Denn als Hans Mike an sein Versprechen erinnert, verbittet sich dieser jeden Druck: "Sonst erzähle ich ihr die ganze Wahrheit."

"Der Hund begraben" verdeutlicht, wie eins zum andern führt, wie eine alltägliche Situation einfach aus dem Ruder geraten kann. Dazu führt Drehbuchautor und Regisseur Sebastian Stern aus, "Der Hund begraben" sei "ein Film über Nicht-Kommunikation und den Umgang mit Problemen, die man so lange nicht ausspuckt, bis sie sozusagen zu Ungeheuern werden. Mir persönlich gefällt es, wenn Humor an der Grenze zum Tragischen wandert, man darüber lachen kann, das Lachen aber immer auch ein bisschen weh tut. Ich mag es sehr, wenn Geschichten dem Zuschauer am Anfang die Hand reichen und ihm scheinbar vertrautes Leben suggerieren und dann, sobald er sich drauf einlässt, immer absurder werden. Solch eine Sprungschanze ins Absurde wollte ich erzählen. Wenn man den Zuschauer über eine Alltagsgeschichte in die Handlung hineinzieht, geht er auch in den späteren Abgrund mit."

Als schwarze Komödie kann "Der Hund begraben" wohl bezeichnet werden. So hanebüchen manche Situation auch erscheinen mag, Regisseur Stern gelingt es, sie glaubwürdig einzufädeln. Sebastian Stern hält sich zurück, wenn die Handlung eine gewisse Wendung zum Makabren nimmt. Ebenso zurückhaltend gestaltet Justus von Dohnányi den Mann ohne Eigenschaften, der nicht nur bei der Arbeit, sondern auch in der Familie überflüssig wird. Überdrehter spielt schon Juliane Köhler ihre Yvonne, ohne sie jedoch zur bloßen Karikatur verkommen zu lassen.

Zum Schauplatz seines Filmes sagt Sebastian Stern: "Mir war es wichtig, eine relativ losgelöste, stilisierte Vorstadt-Welt zu schaffen, die eher an die Filme der Coen-Brüder erinnert, als an Bayern. Visuell sollte der Film kein Sozialdrama über eine Kündigung und familiäre Krise werden, sondern eine mit Augenzwinkern erzählte Welt. Ich wollte eine gestaltete Oberfläche haben. Es sollte kein Naturalismus von der Straße sein, weil es wichtig ist, dass die Geschichte als solche erkennbar ist. Es heißt ja auch schon im Untertitel ,Die Geschichte von einem Mann, der überflüssig wurde? und es gibt am Anfang und am Schluss die Erzählstimme von Hans, der das Ganze eindeutig auf eine Erzählebene führt." — Was ist also Glück? In einem inneren Monolog, der als Off-Stimme wiedergegeben wird, sinniert Hans darüber, ob Glück nicht einfach die Abwesenheit von Unglück ist. Der Zuschauer würde diesem Durchschnittsmenschen, der gegen alles und alle anzukämpfen scheint, alles Glück der Welt wünschen.

 

Foto: movienet/ Hendrik Heiden

Im Kino: 3/2017 - Auf DVD: 0/0.