texte zum film - Dr. phil. José Garcia - Aachen
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Ü 100 - ACHT ÜBER HUNDERTJÄHRIGE UND IHRE LEBENSWELT

(Ü 100 - Acht über Hundertjährige und ihre Lebenswelt) Deutschland, 2016
 
Filmische Qualität:   
Regie: Dagmar Wagner 
Darsteller: (Mitwirkende): Erna Rödling, Franz Xaver Schmid, Hella Müting, Ernst Strunz, Ruja Diebold, Anna Pöller, Gerda Skowronek, Theresia Steinberger 
Laufzeit: 83 Minuten
Genre:  
Publikum: ab 12 Jahren 
Einschränkungen:  
 

José García

 

In Deutschland leben zurzeit etwa 17 500 Hundertjährige. Und die Gesellschaft altert weiterhin. Jedes zweite der seit dem Jahr 2000 geborenen Kinder wird wahrscheinlich ein dreistelliges Alter erreichen, so dass sich diese Zahl bis 2060 mehr als verzehnfachen wird. Wie leben Hochbetagte heute? Einen kleinen Einblick in ein Leben mit hundert Jahren (und mehr) gibt der Dokumentarfilm "Ü 100 ? Acht über Hundertjährige und ihre Lebenswelt" von Dagmar Wagner.

"Ich spüre gar nicht, dass ich älter werde", sagt etwa die 102-jährige Ruja Diebold. Eigentlich wollte sie im Film nicht mitmachen, denn dann wüsste ja jeder, wie alt sie sei. Allerdings war sie bereit, als Klavierspielerin mitzuwirken. Ihr Spiel bildet denn auch eine Art Rahmenhandlung für den Film. Dagmar Wagner zeigt sie manchmal in Halbtotale, manchmal richtet Kameramann Thomas Beckmann sein Objektiv auf Ruja Diebolds Hände, die zwar zerfurcht aussehen, aber noch immer flink über die Klaviatur wandern. Noch eine Art Rahmenhandlung: Das Fußballspiel von Bayern München, das sich die Älteste der Mitwirkenden im Fernsehen anschaut. Die 104-jährige Erna Rödling lebt seit neun Jahren in einer Seniorenresidenz am Starnberger See. Seitdem ist sie zu einem großen Fußball- und insbesondere Bayernfan geworden. Ein genauerer Blick auf den Bildschirm verrät die Entstehungszeit des Filmes: Diese Aufnahmen entstanden vor August 2015, weil Dante zu diesem Zeitpunkt zu VfL Wolfsburg wechselte.

Eine 53-minütige Kurzversion von "Ü100" feierte ihre Premiere bereits im August 2014 auf dem FünfSeenFilmfestival in Starnberg. Die 83-minütige Fassung startete am 6. April im Kino. Die DVD-Veröffentlichung ist für den Herbst 2017 geplant, später soll der Dokumentarfilm auch im Fernsehen ausgestrahlt werden. Laut Drehbuchautorin, Regisseurin und Produzentin Dagmar Wagner wurden die Protagonisten gar nicht "ausgewählt". Sie habe die acht Mitwirkenden über persönliche Kontakte gefunden, drei hätten sich auf einen Presseaufruf hin gemeldet. "Eine Auswahl zu treffen kam für mich von vornherein nie in Frage: Die Hundertjährigen, die bereit waren, mich zu treffen, und danach auch das Interview für den Film mit mir führen wollten, waren einfach dabei. Das ging nur, weil ich den Film selber mit eigenen Mitteln produziert habe." Entgegen Wagners Aussage bedeutet dies allerdings schon ein "Auswahlkriterium": Sie leben samt und sonders in der Gegend des Starnberger Sees: "Viele hier in meiner Gegend kennen mich von meiner Arbeit als Dokumentarfilmerin, Privatbiografin und Vortragsrednerin", führt sie selbst aus. Auf die Frage, ob regionale Unterschiede eine Rolle spielen, kann die Dokumentation deshalb keine Antwort geben.

Zu den Dreharbeiten sagt Dagmar Wagner: "Eigentlich habe ich alle über ihre Räume charakterisiert, weil sie darin die meiste Zeit verbringen. Ich habe meine Protagonist(inn)en nicht zu bestimmten Handlungen veranlasst, die sie nicht selber im Alltag ausüben. Einige von ihnen sind aktiver, andere weniger." So ist die 101-jährige Theresia Steinberger seit einem Jahr bettlägerig. Dennoch verliert sie nicht ihren Lebensmut: "Es geht schon noch a bisserl weiter." Sozusagen am anderen Ende der Mobilitätsskala befindet sich die 102-jährige Hella Müting: Sie geht selbstständig zu Friseur und zum Einkauf.

Der 102-jährige Ernst Strunz kommt in seinem Haus ganz gut zurecht. Er hat sogar Aufregendes zu berichten: Eines Tages entdeckte er einen blutenden Einbrecher in seinem Haus. Erst verarztete er ihn und dann warf er ihn aus dem Haus. Stolz zeigt er auf die Titelseite einer Boulevardzeitung: "Der 102-Jährige, der einem Einbrecher Erste Hilfe leistete".

Für die meisten der Interviewten besteht die Abwechslung allerdings in Kaffeekränzchen im Seniorenheim. Besonders schwierig wird es etwa für den 100-jährigen Franz Xaver Schmid, der sich durch seine Seh- und Hörbehinderung vom Leben abgeschnitten fühlt. Er glaubt zwar an einen Schöpfer: "Ich rede jeden Tag mit ihm", aber ihm scheine es, dass Gott "halt nicht alles mitbekommt, was ich mir wünsche". Die Einstellungen zu Leben und Tod sind auch unterschiedlich. So fühlt sich die 103-jährige Anna Pöller "reif für den Untergang", und die 100-jährige Gerda Skowronek möchte positiv eingestellt bleiben, "solange, bis für mich ein Einzelzimmer im Himmel frei wird."

Trotz Einschränkungen ? jeder möchte alt werden, niemand alt sein ? versprühen die meisten Protagonisten Lebensfreude, ja sogar Humor. Dazu Dagmar Wagner: "Ich war sehr überrascht, wie tapfer und humorvoll selbst die sehr eingeschränkten Hundertjährigen ihr Leben meistern. Sie sind von sich aus zufrieden, da können wir von den Hundertjährigen viel lernen." Obwohl der Zuschauer nicht allzu viel vom Leben der Einzelnen erfährt, vielleicht einfach, weil sie zu viele sind, und außerdem die angesprochenen Gesprächsthemen willkürlich wirken, strahlt "Ü 100" Zuversicht aus. In einer Gesellschaft, die Jugendlichkeit preist und Alte eher abschiebt, ist dies ein hoffnungsvoller Ansatz, sich mit dem Altwerden zu beschäftigen.

 

Foto: Konzept+Dialog

Im Kino: 4/2017 - Auf DVD: 0/0.