texte zum film - Dr. phil. José Garcia - Aachen
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VERLEUGNUNG

(Denial) Großbritannien, USA , 2016
 
Filmische Qualität:   
Regie: Mick Jackson 
Darsteller: Rachel Weisz, Tom Wilkinson, Timothy Spall, Andrew Scott, Jack Kowden, Caren Pistorius, Alex Jennings, Harriet Walter 
Laufzeit: 110 Minuten
Genre:  
Publikum: ab 12 Jahren 
Einschränkungen:  
 

José García

 

Im Jahre 1996 verklagte der britische Historiker David Irving die amerikanische Schriftstellerin und Professorin für Jüdische Zeitgeschichte und Holocaust-Studien Deborah E. Lipstadt sowie den britischen Verlag "Penguin Books" vor einem Londoner Gericht wegen Beleidigung, übler Nachrede und Geschäftsschädigung. Denn Lipstadt hatte im in eben diesem Verlag erschienenen Buch "Denying the Holocaust", 1993 (deutsch: Betrifft: Leugnen des Holocaust, 1994) Irving einen "Lügner" genannt. Der Urteilsspruch wurde am 15. März 2000 verkündet. Deborah E. Lipstadt schrieb darüber das Buch "History on Trial. My Day In Court With David Irving" (2005), auf dem das Drehbuch von David Hare für den Spielfilm "Verleugnung" ("Denial") basiert. Regie führt Mick Jackson.

"Verleugnung" beginnt mit der Einführung der zwei Protagonisten: David Irving (Timothy Spall) macht im Fernsehen Witze über Ausschwitz, Deborah E. Lipstadt (Rachel Weisz) hält eine Vorlesung über die Holocaust-Leugnung. Abgesehen von dieser Paralleleinführung erzählt Mick Jacksons Film konsequent aus Lipstadts Sicht. Nachdem Irving plötzlich in einer Vorlesung der Professorin Lipstadt an der Emory University in Atlanta auftaucht und den Studenten eine Geldprämie bietet, wenn sie einen Beweis für den gezielten Völkermord an den europäischen Juden erbringen, sind die Sympathien im Film von Anfang an klar verteilt: Irving erscheint als aufgeblasen, Lipstadt als bescheiden. Nach der Erscheinung ihres Buchs, in dem sie Irving "einen der gefährlichsten Holocaust-Leugner" nennt, reicht der Brite eine Klage vor dem Londoner Gericht ein. Weil das britische Rechtssystem vorsieht, dass bei einer Verleumdungsklage die Beweislast nicht beim Kläger, sondern beim Beklagten liegt, müssen Verlag und Autorin beweisen, dass sie David Irving einen "Lügner", Bewunderer Hitlers und Geschichtsklitterer zu Recht bezeichnet hatten. In London heuert Lipstadt die englischen Staranwälte Richard Rampton (Tom Wilkinson) und Anthony Julius (Andrew Scott) an, die mit Hilfe einer Riege junger Anwälte nach Beweisen suchen sollen. David Irving vertritt sich dagegen selbst, so sehr ist er von sich selbst eingenommen.

"Verleugnung" handelt im Hauptstrang vom Gerichtsprozess, wobei Regisseur Mick Jackson seine Erfahrung als Dokumentarfilmer in die Waagschale wirft. Teilweise anhand der Gerichtsprotokolle filmt er den Prozess mit vermeintlich unwichtigen Detailfragen ab, die jedoch eine wesentliche Bedeutung haben. Ein Beispiel: Anhand von Bauplänen wird darüber debattiert, ob die Dächer der Krematorien Luftschächte besaßen. Denn Irving hatte argumentiert, dass ohne Entlüftungslöcher keine Vergasung hätte stattfinden können ("No holes, no Holocaust").

Eher als der konventionell inszenierte Prozessgang, der politische oder moralische Fragen ohnehin kaum behandeln kann, erweisen sich als aufschlussreich ambivalente Fragen, die außerhalb des Gerichtssaals stattfinden. Dazu zählt etwa die emotionale Frage, ob Holocaust-Überlebende als Zeugen auftreten sollen, was die Anwälte aus prozesstaktischen Gründen ablehnen. Da sie wahrscheinlich nicht alle Details behalten haben, könnten sie dem Zyniker Irving die Chance liefern, sie lächerlich zu machen.

Zu den interessanten Augenblicken von "Verleugnung" gehört außerdem ein Abendessen, zu dem Londons jüdische Gemeinde Deborah E. Lipstadt einlädt. Die exklusiven Autos auf der Auffahrt signalisieren: Die amerikanische Professorin hofft, unter ihnen Geldgeber zu finden, die den teuren Prozess mitfinanzieren könnten. Die Reaktion fällt ernüchternd aus: Sie raten ihr, sich mit Irving außergerichtlich zu einigen. Ein Besuch im Konzentrationslager Auschwitz, den Richard Rampton zur Beweisfindung anregt, ist eine der wenigen Szenen, die außerhalb des Gerichtssaals beziehungsweise der Anwaltskanzlei von Rampton und Julius stattfindet.

Die von einer zurückgenommenen Filmmusik (Howard Shore) unterstützte, eher beobachtende Kamera von Haris Zambarloukos verleiht dem Film nicht nur eine kammerspielartige, sondern auch eine halbdokumentarische Anmutung. Dennoch glänzt "Verleugnung" gerade durch die schauspielerischen Leistungen der Hauptdarsteller. Rachel Weisz gestaltet Deborah E. Lipstadt als tatkräftige Verfechterin der Wahrheit, die aber auch nach zähem Ringen mit sich selbst im Hintergrund bleiben kann. Denn zur Taktik ihrer Anwälte gehört es auch, dass sie nicht in den Zeugenstand tritt. So wird die Auseinandersetzung vor Gericht zu einem Streit zwischen Richard Rampton und David Irving. Tom Wilkinson verkörpert den Staranwalt mit einer Mischung aus Leidenschaft und sachlicher Nüchternheit. Den undankbaren Part hat Timothy Spall in der Darstellung von David Irving: Er ist ganz eindeutig der arrogante Unsympath, der überheblich daherkommt. Dass die eindimensionale Figur nicht gänzlich ins Klischee verfällt, ist eben dem Darsteller zu verdanken, der ihr wenigstens etwas Skurriles verleiht.

Trotz der Vorsehbarkeit der Handlung - hätte Irving den Prozess gewonnen, wäre der Film sicher nicht gedreht worden - schafft es Regisseur Mick Jackson, eine gewisse Spannung zu erzeugen. So fügt er eine Szene hinzu, in der sich der Richter die Argumentation von David Irving zu eigen zu machen scheint. Dies wirft die eigentliche Frage auf, die hinter einem solchen Prozess steht: Kann eine historische Wahrheit von einem Gericht festgelegt werden? Ist ein Gericht, zumal ein Einzelrichter, die geeignete Instanz, um Geschichte zu schreiben?

 

Foto: universum

Im Kino: 4/2017 - Auf DVD: 0/0.