texte zum film - Dr. phil. José Garcia - Aachen
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VERSCHWINDEN, DAS

(Das Verschwinden) Deutschland, 2017
 
Filmische Qualität:   
Regie: Hans-Christian Schmid 
Darsteller: Julia Jentsch, Johanna Ingelfinger, Saskia Rosendahl, Elisa Schlott, Mehmet Atesci, Nina Kunzendorf, Sebastian Blomberg, Teresa Harder, Vedat Erincin, Godehard Giese 
Laufzeit: 360 Minuten
Genre:  
Publikum: ab 16 Jahren 
Einschränkungen:  
 

José Garcia

 

In Forstenau, einer fiktiven Kleinstadt nahe der tschechischen Grenze, verschwindet die 20-jährige Janine Grobowski (Elisa Schlott). Die Polizei glaubt, sie wollte einfach aus der Provinz ausbrechen, auch wenn ihr Auto im Graben gefunden wurde und die Wohnungstür offen stand, und legt den Fall schnell zu den Akten. Ganz anders ihre Mutter Michelle (Julia Jentsch). Obwohl das Verhältnis zwischen Mutter und Tochter nicht zum Besten bestellt ist — Michelle weiß etwa nicht, dass ihre Tochter ihre Praktikumsstelle gekündigt hat — ist Michelle davon überzeugt, dass Janine etwas zugestoßen sein muss. Michelle fährt über die Grenze nach Tschechien, wo sie etwas Verstörendes entdeckt, und recherchiert unter den besten Freundinnen ihrer Tochter, Manu (Johanna Ingelfinger) und Laura (Saskia Rosendahl). Stutzig macht sie etwa, dass Manus Eltern Steffi (Nina Kunzenberg) und Leo Essmann (Sebastian Blomberg) ihr den Kontakt zu deren Tochter verwehren. Als Michelle herausfindet, dass Janines Freund Tarik (Mehmet Atesci) in Drogengeschäfte verwickelt ist, fürchtet sie das Schlimmste. Eine Miniserie mit einer Gesamtdauer von sechs Stunden erlaubt es, eine Vielzahl von Figuren und Beziehungen zu zeichnen.

Visuell steht die Miniserie "Das Verschwinden" mit ihrer düsteren Stimmung den hohen Maßstäben der Kinofilme von Hans-Christian Schmid in nichts nach. Dies gilt sowohl für die stimmungsvolle Kameraarbeit als auch für eine Dramaturgie, in der insbesondere auch der Schnitt eine wichtige Rolle spielt. Für seine erste Fernseharbeit hat der mehrfach ausgezeichnete Filmregisseur Hans-Christian Schmid zusammen mit Bernd Lange ein Drehbuch verfasst, das mehrere Genres miteinander verbindet: Im Zentrum steht Michelles Suche nach ihrer Tochter, eine Krimihandlung, die mit einer Drogengeschichte angereichert wird. Damit verknüpfen die Autoren aber auch ein Familiendrama, in dem sich Eltern und Kindern ratlos gegenüberstehen. Denn je mehr Michelle über ihre Tochter und deren Umfeld in Erfahrung bringt, desto mehr stellt sich die Frage nach einem Netz von Lügen und Geheimnissen der Erwachsenen.

Interview mit Regisseur Hans-Christian Schmid und Hauptdarstellerin Julia Jentsch

Sie haben bekannte Spielfilme fürs Kino gedreht, etwa "Lichter" (2002) oder "Sturm" (2009). "Das Verschwinden" ist aber Ihre erste Miniserie. Was hat Sie dazu bewogen?

Hans-Christian Schmid: Ich würde sagen, dass es Neugier war, dieses Format nach zwanzig Jahren Kino auszuprobieren. Meinem Mit-Drehbuchautor Bernd Lange und mir wurde in den letzten Jahren immer deutlicher, dass dieses Format viele Möglichkeiten bietet. Bei einem Kinofilm fühlt man sich manchmal eingeengt. Man hat den Eindruck, dass man sich in Bezug auf Nebenfiguren beschneiden muss. Allerdings möchte ich beide Formate nicht gegeneinander ausspielen. So zwingt ein Kinofilm zur Genauigkeit, einige Figuren mit wenigen Pinselstrichen zu skizzieren.

Und wie haben Sie das Arbeiten bei einer Miniserie empfunden? Gibt es einen großen Unterschied zur Arbeit an einem Spielfilm?

Julia Jentsch: Durch die Länge ist die Anzahl der Personen, mit denen diese Figur zu tun hat, viel größer als in einem Spielfilm. Ich musste mir über viele Personenkonstellationen Gedanken machen. Am Anfang hatte ich gedacht: Werde ich irgendwann einmal müde, diese Figur weiterzuspielen? Dies hat sich nicht eingestellt. Im Laufe der Zeit hatte ich auch mehr Erfahrung mit der Figur. Durch die längere Drehzeit konnte ich mit der Figur wachsen.

Was hat Sie an der Rolle der Michelle interessiert?

Julia Jentsch: Es hat mich gereizt, eine Figur über einen so langen Zeitraum zu spielen, was ich vorher nie gemacht hatte. Wie gestaltet man eine solche Figur? In der Serie gibt es viele andere Personen und spannende Beziehungen. Spannend fand ich auch, dass sie einerseits recherchiert und gleichzeitig emotional involviert ist. Diese Mischung fand ich sehr interessant.

Trotz der Vielzahl an Figuren steht im Mittelpunkt das Verhältnis zwischen Michelle und Janine. Ist das der Kern der Geschichte?

Hans-Christian Schmid: Janine erleben wir kaum, sie zeigt sich eher in den Personen, die sich auf die Suche nach ihr machen. Michelle ist der Kern dieser Geschichte. Ihre Suche nach Janine ist der Motor. Aber es war uns auch wichtig, zusätzlich zum Krimiplot ein Gesellschaftsporträt zu erzählen, einen genauen Blick auf die Familien in der Kleinstadt zu werfen. Für diese Verknüpfung bietet die Miniserie genug Raum, das ist ein Teil des Reizes, der dieses Format ausmacht.

Michelle und Janine unterhalten eine eher gestörte Mutter-Tochter-Beziehung. Wie haben Sie die Figur insbesondere in der Beziehung zur Tochter angelegt?

Julia Jentsch: Ich habe mir eine Vergangenheit für sie überlegt. Sie wird zwar nicht beschrieben, aber es ist klar, dass sie von dieser Vergangenheit stark beeinflusst ist. Wie sie in die Firma kommt oder auch in die Diskothek geht ... fand ich von den beiden Autoren super geschrieben. Diese Momente beschreiben sehr gut ihr Verhältnis. Dass sie die Tochter überraschen will, hat etwas Herzliches, etwas Aufmerksames, etwas Liebevolles. Aber gleichzeitig entsteht der Eindruck: Vielleicht ist das der Tochter nicht recht. Denn es hat auch etwas Übergriffiges. Wo ist die Grenze der Mutterliebe, wo mischt sie sich zu stark ein?

Was für ein Gewicht haben Kamera und Schnitt am Gesamteindruck von "Das Verschwinden"?

Hans-Christian Schmid: Der Editor Hansjörg Weißbrich denkt strukturiert und klar. Er liest nicht nur die Bücher und kommentiert sie, sondern begleitet auch die Dreharbeiten mit seinen Anmerkungen. In "Das Verschwinden" etwa gab es ein Motiv, zu dem er meinte: "Ich glaube, das braucht ihr nicht." Als wir es aus dem Buch nahmen, stellten wir fest, dass die Geschichte sogar besser funktionierte. Nach den Dreharbeiten hatte Hansjörg ein Anschlussprojekt und ich habe mit Bernd Schlegel weiter geschnitten. Früher Hansjörgs Assistent, mittlerweile aber absolut auf Augenhöhe mit ihm und ebenso genau. Was die Kameraarbeit angeht, haben wir uns immer gesagt: "Wir machen Kino", es darf einen etwas düsteren Look geben. Mein Kameramann Yoshi Heimrath arbeitet mit sehr präziser Auflösung, das hat uns geholfen, das Pensum zu bewältigen. Es gab für jede Einstellung eine Skizze, die die Position und Bewegung der Kamera zeigte, so dass alle am Set den Überblick hatten, woran wir gerade arbeiten.

Leo sagt über die Jugendlichen: "Wir checken nicht, was sie von uns wollen." Es hätte aber genauso gut ein Jugendlicher über die Eltern sagen können. Wie ist das zu verstehen?

Hans-Christian Schmid: Ich kann nur erahnen, woher diese Konflikte kommen. Als Jugendlicher denkt man, die Eltern hätten einen guten Plan fürs Leben, sie wären souveräner. Jetzt als Erwachsener und auch als Vater merke ich, dass dies nicht stimmt, wie sehr man um die eigenen Probleme kreist. Ich glaube schon, dass Leo recht hat, dass man sich nicht genug Zeit nimmt, um auf die Kinder einzugehen, dass man mit den eigenen Dingen beschäftigt ist. Irgendwann einmal haben sie angefangen, nicht die Wahrheit zu sagen, sie lügen — das ist Teil des Meta-Themas in "Das Verschwinden". Die kleinen und großen Lügen beeinflussen das Leben der nachfolgenden Generation.

Julia Jentsch: Die Eltern haben ein Bild, vielleicht aus ihrer Vergangenheit. Dies trifft für alle zu, für die eher gläubige und für die eher karriereorientierte Familie. Sie möchten, dass sich die Kinder in dieses Bild, in ihre Vorstellung hineinfügen, wie das Leben ihrer Kinder aussehen sollte. Entweder passt das Kind da hinein, oder die Beziehung scheitert. Es fehlt bei ihnen eine unvoreingenommene Haltung, nur die Person zu sehen. Darüber hinaus haben sie auch ihre Geheimnisse, bei ihnen mangelt es an Aufrichtigkeit. Sie verlangen Vertrauen von ihren Kindern, das sie aber ihnen nicht geben, weil sie glauben, durch ihre Geheimnistuerei ihre Kinder zu schützen.


Die Miniserie "Das Verschwinden" wird am 22., 29., 30. und 31. Oktober, jeweils um 21.45 Uhr in der ARD ausgestrahlt

 

Foto: ARD