texte zum film - Dr. phil. José Garcia - Aachen
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MAUDIE

(Maudie) Kanada, 2016
 
Filmische Qualität:   
Regie: Aisling Walsh 
Darsteller: Sally Hawkins, Ethan Hawke, Kari Matchett, Gabrielle Rose, Zachary Bennett, Billy MacLellan 
Laufzeit: 115 Minuten
Genre:  
Publikum: ab 16 Jahren 
Einschränkungen:  
 

José Garcia

 

Maud Lewis (1903—1970) genannt Maudie lebte zeit ihres Lebens in der Provinz Nova Scotia im Osten Kanadas. Als Kind erkrankte sie an rheumatoider Arthritis, was zu einer Behinderung an Armen und Händen führte. Dennoch malte sie kleinformatige Bilder, die insbesondere am Ende ihres Lebens über die Grenzen von Nova Scotia bekannt wurden. Die irische Regisseurin Aisling Walsh setzt ihr nach einem Drehbuch von Sherry White ein filmisches Denkmal mit ihrem Spielfilm "Maudie", der nun im regulären Kinoprogramm startet. Eine erste, kurze Szene verdeutlicht die schwierige Prozedur des Malens, da die Kamera die verstümmelten Hände einer gealterten Maudie in den Blick nimmt. Nach einem Schnitt springt der Film in die 1930er Jahre zurück und erzählt Mauds Geschichte als Rückblende.

Nach dem Tod ihrer Mutter und dem Verkauf des Elternhauses wird Maud (Sally Hawkins) von ihrem Bruder Charles (Zachary Bennett) zu ihrer Tante Ida (Gabrielle Rose) abgeschoben. Dem als Vertreter stets unterwegs arbeitenden Bruder ist Maud wegen ihrer Behinderung eine Bürde. Die Tante kann allerdings mit der hinkenden, ungelenken und auch etwas wunderlichen Mittdreißigerin auch nicht viel anfangen. Maud möchte ohnehin nicht bei einer Tante bleiben, die ihr immer wieder das Gefühl vermittelt, sie sei lediglich eine Belastung. Durch einen Zufall steht Maud in einem Gemischtwarenladen, als der ebenfalls eigensinnige und minderbemittelt wirkende Everett Lewis (Ethan Hawke) einen Zettel an das Schwarze Brett heftet. Der Fischverkäufer-Hausierer, der zu Gewaltausbrüchen neigt, sucht eine Haushaltshilfe.

Als Maud den langen Weg zur winzigen Hütte Everetts zurücklegt, wird sie von ihm schroff zurückgewiesen: Er wolle keinen "Krüppel im Haus" haben. Maud bleibt aber hartnäckig, drängt sich dem sturen und griesgrämigen Mann regelrecht auf, auch wenn sie den Haushaltsarbeiten körperlich kaum nachkommen kann. Everett stellt von Anfang an klar, wie ihr Verhältnis auszusehen hat: "Erst komme ich, dann kommen die Hunde, dann die Hühner, dann du!". Diese ersten Szenen des Films, in denen Everett selbstherrlich und herrschsüchtig eine geduckte Maudie immer wieder demütigt, erinnern unweigerlich an den "großen Zampano" und Gelsomina in Federico Fellinis "La strada — Das Lied der Straße" (1954). Anders aber als im tragisch endenden Film von Federico Fellini, weil Zampano Gesolminas wahres Wesen viel zu spät erkennt, erweist sich der auf den ersten Blick grobschlächtige, gewaltsame Everett als durchaus entwicklungsfähig. Dabei spielt auch eine Rolle, dass mit ihren Bildern Maud bald mehr verdient als Everett mit dem Fischverkauf. Denn Maudie begleitet ihn nicht nur bei seinen täglichen Runden, sondern beginnt, Weihnachtskarten für die Kunden zu malen. Da die kleinformatigen Bilder großen Erfolg haben, ermutigt sie nun Everett weiter zu malen. Er kauft ihr erstmals sogar Ölfarben. Der große Durchbruch kommt, als die vornehme Sandra (Kari Matchett) aus New York auf ihre Bilder aufmerksam wird. Inzwischen haben die beiden auch geheiratet, so dass Maudie nun den Namen trägt, mit dem sie bekannt werden sollte: Maud Lewis.

Die körperlichen Einschränkungen Maudies werden von Sally Hawkins atemberaubend gestaltet. Nicht minder hinreißend nimmt sich jedoch die Darstellung ihrer inneren Kraft aus, trotz Behinderungen und der sonstigen widrigen Umstände jeden möglichen Freiraum für die Malerei zu nutzen. Auch wenn sich die Kamera vor allem auf sie konzentriert, steht ihr Ethan Hawke als Everett in nichts nach. Wie sich das Verhältnis der beiden nach und nach wandelt, ist gewiss das Verdienst eines Drehbuches mit dem richtigen Gespür für Rhythmus und einer sorgfältigen Regie, aber auch der hohen schauspielerischen Kunst der zwei Hauptdarsteller. Maudie entwickelt sich von der unterdrückten und meistens hilflosen Haushaltshilfe über die Buchhalterin, die Everetts Geschäfte überwacht und lenkt, bis hin zur Berühmtheit, die auch das meiste Geld nach Hause bringt. Everett seinerseits wird allmählich zu einem berührend fürsorglichen Ehemann. Bemerkenswert ist auch der feine Humor, der diese Figurenentwicklung begleitet, so etwa, als der einst unwirsche Fischhändler leise Kartoffeln schälen muss.

"Maudie" kontrastiert die Enge der winzigen Hütte, in der Maud und Everett hausen, und wo sie mit dem Blick durchs Fenster malt, mit der weiten Landschaft Kanadas, die Kameramann Guy Godfree von Anfang an in poetischen, sehnsuchtsvollen Bildern einfängt. Dazu kommt die Innenwelt Mauds: Sie bemalt nach und nach mit Blumen und Tieren sämtliche Wände und Fenster, bis sie ihre innere Landschaft widerspiegeln. Dazu führt Regisseurin Aisling Walsh aus: "Der Film wird von zwei Landschaften getragen. Zunächst von der Weite der kanadischen Provinz Nova Scotia. Diesem unendlichen Himmel. Den Jahreszeiten. Dazu die Schönheit. Die Trostlosigkeit. Die Isolation. Die Intimität einer rund elf Quadratmeter großen Hütte, die an einer dieser nicht enden wollenden kanadischen Straßen steht. Dieser grauen, düsteren Hütte von Everett Lewis, die Maud in ein buntes Haus verwandelt, in dem sich nicht nur jeder Zentimeter der Oberfläche verändert. Die andere Landschaft ist Mauds Interpretation von der Welt, die sie umgibt. Die Landschaft ihrer Gemälde, die Farbe und Einfachheit, naiv und immer hoffnungsvoll. In ihrer Kunst findet sich die Welt, wie Maud sie mit dem Herzen versteht. Entrückt von anderen Menschen, mit ihr und Everett im Mittelpunkt."

 

Foto: Duncan Devoung/Mongrel Media

Im Kino: 10/2017 - Auf DVD: 0/0.