texte zum film - Dr. phil. José Garcia - Aachen
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UNSICHTBAREN - WIR WOLLEN LEBEN, DIE

(Die Unsichtbaren - Wir wollen leben) Deutschland, 2017
 
Filmische Qualität:   
Regie: Claus Räfle 
Darsteller: Max Mauff, alice Dwyer, Ruby O. Fee, Aaron Altaras, Victoria Schulz, Florian Lukas, Andreas Schmidt, Laila Maria Witt, Sergej Moya 
Laufzeit: 110 Minuten
Genre:  
Publikum: ab 12 Jahren 
Einschränkungen:  
 

José Garcia

 

Am 16. Juni 1943 wurde Berlin offiziell für "judenrein" erklärt. Die letzten in der Hauptstadt als Zwangsarbeiter verbliebenen Juden waren ab Februar verhaftet und deportiert worden. Dennoch: Etwa 7 000 Juden gelang es, in der Stadt unterzutauchen. Auch wenn eine letzte Deportation nach Theresienstadt am 27. März 1945 drei Wochen vor dem endgültigen Zusammenbruch des Naziregimes durchgeführt wurde, überlebten 1 700 von ihnen Verfolgung und Krieg. Einen Eindruck der Schwierigkeiten, die mit dem Verstecken und Versorgen der Menschen im Untergrund einherging, vermittelte Roman Polanskis Spielfilm "Der Pianist", der das Leben des Pianisten Wladyslaw Szpilman in Warschauer Untergrund während der deutschen Besatzung schildert. Für das Überleben eines einzigen Untergetauchten waren mindestens zehn Menschen nötig.

Claus Räfle, der bislang fürs Fernsehen mehr als 40 Dokumentationen als Autor und Regisseur verantwortet hat, interviewte mit seiner Co-Autorin Alejandra López vor Jahren einige dieser Zeitzeugen. Diese Interviews bilden die Grundlage für seine Doku-Fiktion "Die Unsichtbaren ? Wir wollen leben", die nun im Kino startet. Das Format einer Doku-Fiktion oder eines Doku-Dramas wird vor allem im Fernsehen eingesetzt. Es besteht aus einer Verknüpfung von Spielszenen mit Interviews mit den "echten" Protagonisten sowie mit Archivmaterial. Im Kino ist diese Form zwar selten. "Die Unsichtbaren - Wir wollen leben" legt jedoch nicht nur Wert auf eine kinotaugliche Kameraführung, sondern auch auf die entsprechende Dramaturgie. Denn die Spielszenen machen nicht bloß den größten Teil der Filmlänge aus. Werden in einem Fernseh-Dokudrama die Spielszenen oft lediglich als Veranschaulichung eingesetzt, so besitzen sie bei Räfle eigenständigen Charakter. Sie könnten auch ohne die Gespräche mit den Überlebenden, die den Spielfilm immer wieder unterbrechen und teilweise als Off-Stimme die Spielhandlung untermalen, bestehen.

"Die Unsichtbaren - Wir wollen leben" erzählt die parallel zueinander verlaufenden Schicksale vier junger Berliner. Die 17-jährige Vollwaise Hanni Lévy (Alice Dwyer) verbringt viel Zeit einfach auf der Straße, insbesondere auf dem Kurfürstendamm, wo sie bevorzugt im dunklen Kinosaal gerne abtaucht. Dadurch weckt sie die Aufmerksamkeit einer Kinokassiererin, die sie jedoch nicht denunziert. Stattdessen nimmt die ältere Dame, deren Sohn gerade eingezogen wurde, Hanni zu sich. Fortan leben sie "wie Mutter und Tochter". Mit ihren blondierten Haaren macht sich Hanni für ihre Verfolger unsichtbar.

Cioma Schönhaus (Max Mauff) nimmt eine andere Identität an. Der Zwanzigjährige gibt sich als Durchreisender aus, der gerade eingezogen wurde. So kann er durch die offizielle Zimmervermittlung jeweils eine Nacht in einem privaten Haus übernachten. Am Morgen muss er aber wegen der Meldepflicht weiterziehen? bis Cioma an eine Vermieterin kommt, die es mit der Meldepflicht nicht so genau nimmt. Bald beginnt der technische Zeichner, zusammen mit seinem Freund Ludwig Lichtwitz (Sergej Moya) und dem Elektriker Werner Scharff (Florian Lukas) für eine vom ehemaligen Oberregierungsrat Dr. Franz Kaufmann (Robert Hunger-Bühler) koordinierte Untergrundgruppe Pässe zu fälschen, um viele andere Verfolgte zu retten. Dank seines durch die Passfälschung erzielten Einkommens kann er sich sogar ein Segelboot leisten.

Auch der 16-jährige Eugen Friede (Aaron Altaras) wird gezwungen, sich zu verstecken. Sein nichtjüdischer Stiefvater verschafft ihm ein Versteck bei einer bekannten Familie. Als aber die junge Tochter der Familie den "Cousin" auszufragen beginnt, muss er weiterziehen. Eugen kommt zu einer anderen Familie, und beginnt sogar mit der Tochter seiner Gastgeber zu flirten, ehe er dieses Versteck aufgeben muss. Schließlich kommt Eugen mit einer Widerstandsgruppe um Hans Winkler (vom kürzlich verstorbenen Andreas Schmidt dargestellt) in Berührung, die Flugblätter zu drucken und zu verteilen beginnt.

Die Arzttochter Ruth Arndt (Ruby O. Fee) träumt zusammen mit ihrer Freundin Ellen (Victoria Schulz) von einem Leben in Amerika. Ein hoher Wehrmachtsoffizier (Horst Günter Marx), den ihr Vater behandelt hatte, stellt die beiden, die sich als Kriegswitwen ausgeben, sogar als Haushaltshilfen ein. So bedienen sie beispielsweise bei einem Abendessen mit lauter NS-Offizieren.

Claus Räfle gelingt eine spannende Parallelmontage der vier Schicksale. Denn sie begegnen einander nie. Zum Format der Doku-Fiktion führt der Regisseur aus: "Wir haben dieses Hybridformat gewählt, weil wir die Geschichten dieser vier Menschen so glaubwürdig, authentisch und wahrhaftig wie möglich erzählen wollten. Die kurzen Statements der echten Protagonisten geben der Handlung zusätzliche Kraft, Wahrhaftigkeit und auch Tempo. Die Ebenen greifen ineinander, das funktioniert sehr gut. Unsere Helden, die das damals erlebt haben, sind alte Menschen am Ende ihres Lebens. Trotzdem erzählen sie voller Vitalität und mit einem Leuchten in den Augen." Die Interviews hemmen denn auch die Handlung nie. Sie geben ihr vielmehr Authentizität und emotionale Tiefe.

Anhand dieser Schicksale verdeutlicht "Die Unsichtbaren - Wir wollen leben", wie in Berlin, aber auch anderswo Menschen in dem Bewusstsein lebten, dass sie jederzeit verhaftet und deportiert werden könnten. Erfindungsgeist, manchmal eine gehörige Portion Chuzpe, aber auch die Hilfsbereitschaft ihrer nichtjüdischen Mitbürger gaben ihnen die Hoffnung, es doch noch zu schaffen.

 

Foto: Tobis

Im Kino: 10/2017 - Auf DVD: 0/0.