texte zum film - Dr. phil. José Garcia - Aachen
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WELT SEHEN, DIE

(Voir du pays) Frankreich, 2016
 
Filmische Qualität:   
Regie: Delphine Coulin, Muriel Coulin 
Darsteller: Soko, Ariane Labed, Ginger Roman, Karim Leklou, Andreas Konstantinou, Jérémie Laheurte, Damien Bonnard 
Laufzeit: 100 Minuten
Genre:  
Publikum: ab 16 Jahren 
Einschränkungen:  
 

José Garcia

 

Die psychischen Wunden eines militärischen Auslandseinsatzes werden seit Jahren in Spielfilmen thematisiert — von Susanne Biers "Brothers - Zwischen Brüdern" bis zuletzt "Man Down". Nun befassen sich die französischen Regisseurinnen Delphine und Muriel Coulin mit einer Art Zwischenstadium, den Maßnahmen zur Prävention psychischer Erkrankungen nach einem Auslandseinsatz. Zur Vermeidung der sogenannten Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) führen die Streitkräfte verschiedener Länder solche Maßnahmen vor und nach militärischen Auslandseinsätzen durch. In der Bundeswehr sind in den Jahren nach 2005 gezielte Präventionsmaßnahmen implementiert worden.

Der Spielfilm "Die Welt sehen" ("Voir du pays"), der seine Premiere auf dem Filmfestival von Cannes in der Sektion "Un Certain Regard" feierte und dort mit dem Preis für das "Beste Drehbuch" ausgezeichnet wurde, schildert eine Maßnahme "zum Stressabbau" der französischen Streitkräfte. Eine Einheit, die in Afghanistan gedient hat, soll auf dem Rückweg drei Tage lang in einem Fünf-Sterne-Hotel auf Zypern nicht nur entspannen, sondern auch an verschiedenen Sitzungen teilnehmen, die der sogenannten "Dekompression" dienen. Der Ausdruck aus dem Militärjargon bedeutet Druckabbau oder Druckausgleich: Die Soldaten sollen darin die im Krieg erlebten Grausamkeiten aufarbeiten. Das Schwestern-Regieduo Muriel und Delphine Coulin, die vor fünf Jahren mit ihrem Spielfilmdebüt "17 Mädchen" international bekannt wurden, konzentrieren sich in ihrem zweiten Spielfilm insbesondere auf zwei Soldatinnen: Aurore (Ariane Labed) und Marine (Soko) sind seit ihrer Kindheit befreundet. Sie hatten sich gemeinsam zur Armee gemeldet, und haben zusammen in Afghanistan gekämpft.

Bei den Gruppensitzungen verwenden die Militärpsychologen eine Virtual-Reality (VR)-Technik. Der von seinen Erlebnissen jeweils Erzählende setzt eine VR-Brille auf. Während er ein bestimmtes Erlebnis als 3D-Simulation erlebt, setzen die Computerprogrammierer solche Erzählungen in Echtheit in eine Bilderfolge um, die auf eine Leinwand projiziert wird, so dass die anderen Sitzungsteilnehmer die Erzählung als eine Art Film verfolgen können. Die Computeranimation soll den Soldaten helfen, das Erlebte zu verarbeiten. Für den Zuschauer liefert eine solche virtuelle Realität die einzigen Kriegsbilder in "Die Welt sehen". Mit deren Hilfe soll er sich die Brutalität des Krieges buchstäblich vor Augen führen, und sich in die Lage der Soldaten hineinversetzen. Solche trotz geringer Auflösung beeindruckenden Kriegsbilder gehören zu den visuellen Kunstgriffen, die Muriel und Delphine Coulin in ihrem Film einsetzen. Sie kontrastieren nicht nur mit dem verspielten Vorspann, der als Landkarte-Animation den Flug der französischen Militäreinheit von Afghanistan nach Europa nachzeichnet. Einen besonderen Gegensatz stellen die Kriegsbilder zu der Umgebung, in der "Die Welt sehen" größtenteils angesiedelt ist, einem "Urlauberparadies" mit heller Architektur und immerwährendem blauem Himmel. In ihren Tarnanzügen wirken die französischen Soldatinnen und Soldaten wie ein Fremdkörper in einer Hotelanlage, in der die zumeist jungen Gäste feiern oder sich leicht bekleidet am Schwimmbadrand sonnen.

Der Ansatz der Regie-Schwestern geht trotz einiger beeindruckenden Szenen nicht ganz auf, weil die Charaktere kaum Tiefe besitzen. Dass Nebenfiguren klischeehaft gezeichnet werden, ist nur verständlich. Aber auch bei den zwei Hauptpersonen bleibt Einiges im Unklaren, etwa ob Marines diffuse Wut lediglich aus dem Einsatz herrührt, oder ob sie bereits vorher verbittert war. Uneinheitlich wirkt darüber hinaus auch die Bildersprache: Einerseits finden die Regisseurinnen starke Bilder, andererseits verfallen sie hin und wieder in ein allzu explizites Verbalisieren: "Was mache ich eigentlich in Afghanistan?", fragt sich eine der Soldatinnen.

Zu der individuellen Aufarbeitung der Kriegserlebnisse kommt das Verhältnis der Einheit untereinander. Dabei geht es nicht nur darum, dass einige besser mit dem Erlebten umzugehen scheinen als andere, die geradezu verstört wirken. Wichtig ist in diesem Zusammenhang auch der Zusammenhalt der Truppe. Bei den Sitzungen geht es denn auch konkret um einen Hinterhalt, der bei der Einheit mehrere Todesopfer forderte. Können sie einander vertrauen? Dass dies nicht immer der Fall ist, deutet etwa eine aus dem Ruder laufende Feier an, als Marine und Aurore mit zwei Einheimischen einen Ausflug machen, und sich ihnen einige (männliche) Mitglieder ihrer Einheit aufdrängen.

Delphine und Muriel Coulin reißen damit eine Frage an, die im ganzen Film unterschwellig bleibt — das Verhältnis von männlichen und weiblichen Soldaten. Für die traditionell männliche Welt des Militärs ist etwa bezeichnend, dass sich ein Vorgesetzter an die (gemischte) Truppe mit den Worten wendet: "Meine Herren" und im Laufe seiner Ausführungen von "Ihren Frauen" redet. Obwohl diese Fragestellung kaum angerissen wird, bietet "Die Welt sehen" in der Haupthandlung beeindruckende Bilder für die Schwierigkeit, Kriegserlebnisse zu verarbeiten. Dazu führen Delphine und Muriel Coulin aus: "Es ist unmöglich — und vielleicht auch nicht wünschenswert — den Krieg zu vergessen, diese Kriege, an denen wir direkt oder aus der Distanz beteiligt waren. In ,Voir du pays? geht es um diese Frage: Wie kann man überhaupt sein Leben bewältigen, wenn man solche Gewalt erlebt hat?"

 

Foto: peripher

Im Kino: 11/2017 - Auf DVD: 0/0.