texte zum film - Dr. phil. José Garcia - Aachen
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AUS DEM NICHTS

(Aus dem Nichts) Deutschland, 2017
 
Filmische Qualität:   
Regie: Fatih Akin 
Darsteller: Diane Kruger, Denis Moschitto, Numan Acar, Rafael Santana, Samia Chancrin, Johannes Krisch, Hanna Hilsdorf, Ulrich Friedrich Brandhoff, Adam Bousdoukos, Torsten Lemke, Ulrich Tukur 
Laufzeit: 106 Minuten
Genre:  
Publikum: ab 16 Jahren 
Einschränkungen:  
 

José García

 

In einem Gefängnis wird ein türkischstämmiger Mann bejubelt, als würde er gerade entlassen. Aber nein, Nuri (Numan Açar) heiratet. Die Braut Katja (Diane Kruger) ist keine türkischstämmige, sondern eine blonde, blauäugige Deutsche und — wie der Zuschauer später erfahren wird — aus gutbürgerlichem Haus. Ihre gut sichtbaren Tattoos deuten allerdings darauf hin, dass sie mit ihrer Herkunft längst abgeschlossen hat. Die Hochzeitsszene stellt freilich eine Art Prolog zum Spielfilm "Aus dem Nichts" dar, den Regisseur Fatih Akin und sein Co-Autor Hark Bohm in drei Kapitel unterteilen.

Im ersten Abschnitt "Die Familie", der offensichtlich mehrere Jahre später angesiedelt ist, wohnen Nuri, Katja und der sechsjährige Sohn Rocco (Rafael Santana) in einem Hamburger Vorort. Der inzwischen resozialisierte Nuri arbeitet in einem Übersetzungs- und Reisebüro mitten in einem türkisch geprägten Hamburger Kiez. Katja hat gerade den kleinen Rocco bei seinem Vater abgegeben, als ihr eine junge Frau auffällt, die ein neues Fahrrad unabgeschlossen abstellt. Sie spricht sie darauf an, und hört nur, als sich die Frau entfernt: "Ich komme gleich zurück". Eine alltägliche Szene, könnte man denken. Als aber Katja später ihren Mann und Sohn abholen möchte, findet sie eine Polizeiabsperrung vor. "Aus dem Nichts" hat sie ihre Familie verloren: Ein Bombenattentat hat Mann und Kind weggerafft. Obwohl Katja der Polizei von dem Vorfall mit dem nagelneuen Fahrrad erzählt sowie von der Vermutung, dass hinter dem Anschlag ein fremdenfeindlicher Hintergrund steht, nehmen sie die Kripobeamten gar nicht ernst. Die Polizisten denken vielmehr an eine Vergeltungstat im Drogenmilieu, kam Nuri doch als Drogendealer vor Jahren ins Gefängnis. Einige Tage später stehen die Beamten sogar mit einem Durchsuchungsbeschluss vor Katjas Tür, um das Haus nach Drogen abzusuchen. Sie werden zwar fündig. Die verzweifelte Frau besteht aber darauf, dass die geringe Menge für ihren Eigenbedarf bestimmt sei.

Plötzlich, als Katja aufzugeben scheint, erhält sie eine Nachricht von ihrem Anwalt Danilo Fava (Denis Moschitto), der Nuris bester Freund und bei der Hochzeit im Gefängnis als Trauzeuge dabei war. Die Polizei hat das Neonazi-Paar Edda (Hanna Hilsdorf) und André Möller (Ulrich Friedrich Brandhoff) verhaftet, die durch die vorgelegten Beweise schwer belastet werden, wobei Andrés Vater (Ulrich Tukur) der Polizei den entscheidenden Hinweis gegeben hat. So beginnt das zweite Kapitel "Gerechtigkeit". Auch wenn der Prozess Katja emotional alles abverlangt, hofft sie auf Gerechtigkeit. Doch Verteidiger Haberbeck (Johannes Krisch) gelingt es geschickt, Zweifel zu säen — die belastenden Beweise sind nicht so eindeutig, wie zunächst gedacht. Katja beginnt darüber nachzudenken, ob sie eigene Rachepläne entwickeln soll. Davon handelt das dritte Kapitel "Das Meer", das in Griechenland angesiedelt ist.

Für die Drehbuchentwicklung von "Aus dem Nichts" spielt das Nagelbombenattentat von der Keupstraße in Köln-Mülheim eine wichtige Rolle. Am 9. Juni 2004 detonierte eine ferngesteuerte, auf dem Gepäckträgers eines Fahrrads montierte Bombe. Sie verwüstete den Laden (einen Friseursalon), vor dem das Fahrrad abgestellt wurde. Der Unterschied zu Fatih Akins Film: Damals wurde niemand getötet, wohl aber 22 Menschen verletzt, vier davon schwer. Erst im November 2011 konnte der Anschlag der terroristischen Organisation "Nationalsozialistischer Untergrund (NSU)" zugeordnet werden. Es dauerte so lange, bis die eigentlichen Täter gefunden wurden, weil die Behörden zunächst in Richtung Opfer ermittelten — wie eben auch in "Aus dem Nichts". Die Kriminalbeamten verdächtigten die türkischen Opfer als Täter, und ignorierten viel zu lange entsprechende Hinweise auf eine rechtsradikale Täterschaft. Autor und Regisseur Akin führt dazu aus: "Ich war geschockt, als 2011 die NSU-Morde ans Licht kamen. Dass die NSU eine ganze Reihe fremdenfeindlicher Morde zwischen 2000 und 2007 in Deutschland beging und dass sich die Polizei jahrelang in ihren Ermittlungen nur auf die Menschen im Umfeld der Opfer konzentrierte. Wegen ihrer ethnischen Herkunft verdächtigte man die Opfer, dass sie mögliche Verbindungen zum Drogen- und Spielermilieu hatten."

Über das Justiz- oder Rachedrama hinaus bietet "Aus dem Nichts" insbesondere auch das beklemmende Porträt eines zerstörten Lebens: Beim Bombenanschlag hat Katja alles verloren, was sie liebte. Der neue Film von Fatih Akin lebt größtenteils von der Darstellung der Frau, die zwischen Selbstmord und Rache schwankt, und letztlich eine moralisch fragwürdige Entscheidung trifft, durch Diane Kruger. Die deutsche Schauspielerin, die mit 15 Jahren ihre niedersächsische Heimat in Richtung Paris verließ, und seitdem vorwiegend in US-Produktionen, aber auch in französischen Filmen mitgewirkt hat, spielt erstmals in einer deutschen Produktion mit. Und sie gestaltet die Frau, die von Wut und Trauer zu zerbrechen droht, mit einer solch emotionalen Intensität, dass sie auf den 70. internationalen Filmfestspielen Cannes als beste Darstellerin ausgezeichnet wurde.

Abgesehen von der Rache-Handlung bereitet in "Aus dem Nichts" auch die Sicht auf die Familie Unbehagen. Zwar scheinen Nuri und Katja eine glückliche Ehe geführt zu haben, zu der auch die liebevolle Beziehung zum kleinen Rocco passt. Sowohl zu ihren Eltern als auch zu ihren Schwiegereltern unterhält sie aber ein genauso zerstrittenes Verhältnis wie der Vater (Ulrich Tukur) des Angeklagten André Möller zu dessen Sohn.

 

Foto: Warner

Im Kino: 11/2017 - Auf DVD: 0/0.