texte zum film - Dr. phil. José Garcia - Aachen
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LIEBER LEBEN

(Patients) Frankreich, 2016
 
Filmische Qualität:   
Regie: Grand Corps Malade (Fabien Marsaud), Mehdi Idir 
Darsteller: Pablo Pauly, Soufiane Guerrab, Moussa Mansaly, Nailia Harzoune, Franck Falise, Yannick Renier, Alban Ivanov, Anne Benoît  
Laufzeit: 111 Minuten
Genre:  
Publikum: ab 16 Jahren 
Einschränkungen:  
 

José García

 

Nach einem Unfall kann sich Benjamin (Pablo Pauly) gar nicht mehr bewegen. Er nimmt nur noch Lichter und unbestimmte Geräusche wahr. Nach einiger Zeit kann er seinen linken großen Zeh wieder bewegen. Ben wird in ein Rehabilitationszentrum gebracht. Dort beginnt der Tag mit dem notorisch zu gut gelaunten Pfleger Jean-Marie (Alban Ivanov). Für alles braucht Ben die Hilfe von Jean-Marie oder von der Krankenschwester Christiane (Anne Benoît), die sich allerdings als etwas tollpatschig erweist. Bald lernt er auch die anderen Patienten kennen: Farid (Soufiane Guerrab) Steeve (Franck Falise) und Toussaint (Moussa Mansaly) sind schon lange in der Reha-Klinik. Langsam macht Ben Fortschritte. Irgendwann einmal kommt der große Tag, da er erstmals im Rollstuhl Platz nehmen und durch die Klinik fahren kann. Ben spürt manchmal Hoffnung, manchmal Verzweiflung. Dagegen hilft nur ein schwarzer Humor, den er sich bewahrt hat. Und dann lernt er auch noch die bezaubernde Samia (Nailia Harzoune) kennen, in die er sich auf den ersten Blick verliebt.
"Lieber leben" basiert auf dem Roman "Patients" von Grand Corps Malade (eigentlich Fabien Marsaud), in dem er seine eigenen Erfahrungen verarbeitete. Grand Corps Malade schrieb auch das Drehbuch zusammen mit Fadette Drouard, und führte Regie zusammen mit Mehdi Idir. Steht zu Beginn Fabiens alter Ego Ben im Mittelpunkt, so erweitert sich der Blickwinkel im Laufe des Filmes auf die anderen Patienten (daher auch der Filmtitel "Patients"). "Lieber leben" zeigt sehr realitätsnah die Stimmungsschwankungen junger Menschen, deren Lebensentwurf durch einen Unfall eine einschneidende Zäsur erlebt hat, sowie die unterschiedlichen Reaktionen und den verschiedenen Umgang damit. Trotz einiger Rückschläge überwiegt letztendlich eine hoffnungsvolle Sicht.

Interview mit den Regisseuren Grand Corps Malade (Fabien Marsaud) und Mehdi Idir


Wie autobiographisch ist Ihr Film?

Grand Corps Malade: Ganz und gar, zu hundert Prozent. Alle Szenen, die im Film vorkommen, haben sich genauso zugetragen. Alle Figuren, die darin spielen, gibt es auch wirklich.


Sind diese Figuren, einschließlich Krankenschwester Christiane und Krankenpfleger Jean-Marie, realistisch gezeichnet — oder haben Sie sie etwas zugespitzt?

Grand Corps Malade: Christiane war echt so ungeschickt. Sie hat mich wirklich zu Fall gebracht! Und Jean-Marie mussten wir sogar abschwächen — sonst hätte es uns keiner abgenommen. In Wirklichkeit war er noch viel schlimmer und viel verrückter. Er hat tatsächlich alles kommentiert: "Ich mache den Fernseher an. Der Herr möchte sich aufsetzen." Das war so unerträglich, dass es uns keiner geglaubt hätte, wenn wir es so inszeniert hätten.

Mehdi Idir: Wir haben dafür gesorgt, dass die Schauspieler die echten Personen kennenlernen. Als Alban Ivanov, der Jean-Marie spielt, mit ihm zusammentraf, ist er nach einer halben Stunde rausgerannt: "So kann ich ihn nicht spielen, dass glaubt mir keiner", sagte er nur.


Welche Stilmittel haben Sie eingesetzt, um die echten Figuren und die wirklichen Vorkommnisse in einen Spielfilm umzusetzen?

Grand Corps Malade: Wir wollten so nah wie möglich an der Realität bleiben. Wir wollten das Leben, den Alltag in einer Reha-Klinik zeigen, was für eine Stimmung dort herrscht. Dazu zählt auch ein schwarzer Humor. Es ging also darum, die adäquaten Bilder dazu zu finden. So ist zu Beginn die Kamera subjektiv. Wenn man einen ganzen Monat lang nur auf die Decke gestarrt hat, dann vergisst man es nicht. Die Kamera folgt Bens Fortschritten. Am Anfang, als Bens Leben sehr eingeschränkt ist, bleibt die Kadrierung der Kamera sehr eng. Wenn er erstmals im Rollstuhl sitzt, eröffnen wir das Blickfeld — da findet zum ersten Mal Bewegung, eine Plansequenz statt. Da beginnt auch Bens soziales Leben wieder, was wir ebenfalls mit der Kamera begleiten.


Sie haben zusammen Regie geführt. Wie haben Sie sich die Arbeit aufgeteilt?

Mehdi Idir: Wir haben uns die Arbeit gar nicht aufgeteilt. Nachdem das Drehbuch fertig war, sind wir jede Szene durchgegangen, um uns abzustimmen. Lange vor der Pre-Produktion haben wir alle Details der Ausstattung, der Dialoge besprochen. Auch als wir drehten, haben wir alles zusammen getan. Das ging so weit, dass wenn ich zwischen den Szenen den Schauspielern gesagt habe: "Spiel das so oder so", die Antwort bekam: "Mann, nerv doch nicht. Dein Regiekollege hat es mir schon Wort für Wort genauso gesagt."


Haben Sie in der echten Reha-Klinik gedreht? Hatten Sie einen abgetrennten Flügel oder Ähnliches für sich?

Grand Corps Malade: Es war im selben Reha-Zentrum, wo ich vor zwanzig Jahren gewesen bin. Ich wollte auch visuell dorthin zurück. Denn ich wusste, dass die Architektur mit den elend langen, hunderte Meter langen Fluren im Film spannend wirken würde.

Mehdi Idir: Wir hatten viel Glück. Tatsächlich haben wir in einem abgetrennten Teil der Reha-Einrichtung drehen können. Denn dieser Teil sollte renoviert werden, aber die Gelder waren noch nicht eingetroffen. Deshalb stand zu dem Zeitpunkt der gesamte Flügel leer. Wir konnten also in einer vom Design der 1980er Jahre geprägten Umgebung drehen. Das war wirklich Glück!


Wie ist es, wenn sich ein ganz junger Mensch mit einer so schmerzlichen Erfahrung, mit schwerer Krankheit und sogar mit dem Tod von Mitpatienten konfrontiert sieht? Wie haben Sie selbst das erlebt?

Grand Corps Malade: Ich kann die Frage nur für mich selber beantworten. Im Film sieht man, wie diverse Figuren damit umgehen. Zum Beispiel Steeve: Er macht gar keine Fortschritte, womit er nicht klarkommt. Einmal versucht er sogar, sich mit Wodka das Leben zu nehmen. Ich habe viel mehr Glück gehabt, weil ich schon nach einigen Wochen beim Muskelaufbau Fortschritte gesehen habe. Dennoch gibt es diese Momente der Verzweiflung, genauso wie es Momente der Hoffnung gibt. Ich habe mich sehr lange an der Hoffnung festgehalten, bis zu dem Tag, als der Arzt zu mir sagte: "Jetzt werden die Fortschritte kaum merklich sein. Sie müssen akzeptieren, dass dies mit Ihrem Körper geschehen ist." Natürlich muss der Arzt psychologisch versiert sein. Denn im Heilungsprozess braucht man die Hoffnung. Aber es kam der Augenblick, als mir gesagt wurde: "Sie müssen langsam über Ihr Lebensprojekt anders nachdenken. Denn so wie Sie es sich vorgestellt hatten, wird es nicht gehen."


Menschen reagieren auf solche Vorkommnisse wie eine Krankheit oder einen Unfall unterschiedlich. Die einen wollen lieber nicht darüber reden, andere spüren eine Art Notwendigkeit, zu sprechen. War dies auch der Grund, damit Sie zunächst das Buch schrieben und dann den Film drehten?

Grand Corps Malade: Bei mir war es keine Notwendigkeit, die Geschichte zu erzählen. Ich habe erst zwanzig Jahre später angefangen, darüber zu sprechen. Meine Motivation war es, durch die Figur, die ja Ben und nicht Fabien heißt, den Alltag der Patienten zu schildern. Im Original heißt der Film ja "Patients" in der Mehrzahl. Es geht also nicht allein um meine Geschichte. Hätte ich ein Biopic drehen wollen, dann hätte die Hauptfigur Fabien geheißen, dann würde der Film "Patient" in der Einzahl heißen ... Aber das war nicht das Ziel.


Hat "Patient" auch mit "Patience" (Geduld) zu tun? Im Film wird es ganz deutlich, dass in einer solchen Rehaklinik die Uhren ganz anders gehen ...

Grand Corps Malade: Im Krankenhaus ist man gezwungen, geduldig zu sein. Man kann ja nichts selber machen. Der Patient ist von den Pflegern abhängig, um sich anzuziehen, etwas zu essen zu bekommen, ja sogar um das Fernsehprogramm umzuschalten. Man muss dreifach, vierfach geduldig sein.

 

Foto: Neue Visionen

Im Kino: 12/2017 - Auf DVD: 0/0.