texte zum film - Dr. phil. José Garcia - Aachen
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LA MÉLODIE - DER KLANG VON PARIS

(La Mélodie) Frankreich, 2017
 
Filmische Qualität:   
Regie: Rachid Hami 
Darsteller: Kad Merad, Samir Guesmi, Renély Alfred, Zakaria-Tayeb Lazab, Tatjana Rojo, Slimane Dazi 
Laufzeit: 102 Minuten
Genre:  
Publikum: ab 12 Jahren 
Einschränkungen:  
 

José García

 

Ein arbeitsloser Musiker, der durch die Kraft der Musik das Leben von schwer erziehbaren Schülern verändert, ist nicht gerade eine originelle Handlung für einen Spielfilm. Davon handelte "Die Kinder des Monsieur Mathieu" (Christophe Barratier, 2004), der sich wiederum sozusagen als Musik-Variante des Klassikers "Der Club der toten Dichter" (Peter Weir, 1989) ausnahm. Eine weitere Spielart lieferte dann die deutsch-finnisch-estnische Koproduktion mit dem an den Ersteren angelehnten Filmtitel "Die Kinder des Fechters". Der Film schildert das Hineinwachsen eines Spitzensportlers, der mitten im stalinistischen Terror seine Karriere aufgeben muss, in den Beruf des Lehrers.

"La Mélodie ? Der Klang von Paris" von Rachid Hami (Regie) sowie Guy Laurent und Valérie Zenatti (Drehbuch) erzählt wiederum von einem arbeitslosen Musiker: Die Karriere des etwa 50-jährigen Geigers Simon Daoud (Kad Merad) kommt nicht richtig voran. Deshalb nimmt er eine Stelle als Musiklehrer an einer Schule in einer Hochbausiedlung am Rande von Paris an. Dass es sich um einen sogenannten sozialen Brennpunkt handelt, bestätigt etwa ein kurzer Einblick in die Familienverhältnisse der Schüler. Dies zeigt sich von Anfang an ebenfalls daran, dass Klassenlehrer Farid (Samir Guesmi) eher als Sozialarbeiter gefragt wird. Dass Simon strenge Lehrmethoden befolgt, stimmt Faris allerdings skeptisch.

Die Schüler haben sich zu dem Musikunterricht eigentlich freiwillig gemeldet - oder nur deshalb, weil er als Alternative zum Sportunterricht angeboten wird. Vielleicht spielt dabei auch eine Rolle, dass sie am Ende des Schuljahres ein Konzert in der Pariser Philharmonie geben sollen. Dennoch scheinen sie an der Musik kaum Interesse zu haben. Monsieur Daoud beginnt damit, in den Kindern wenigstens etwas Respekt für die Instrumente zu wecken. Schwieriger wird es mit den Umgangsformen der Schüler untereinander: Übelste Beschimpfungen und Rangeleien sind an der Tagesordnung. Eines Tages rutscht sogar Simon bei einem aufsässigen Schüler die Hand aus. Am nächsten Morgen erscheint der wütende Vater (Slimane Dazi) vor der Schule, und greift den neuen Lehrer tätlich an. Streng versucht Monsieur Daoud die rebellischen Schüler in den Griff zu bekommen. Erst als er mit Farids Hilfe anfängt, von den traditionellen Unterrichtsmethoden abzuweichen, gelingt es ihm, bei einigen Schülern Interesse und erste Erfolge zu erzielen.

Einziger Lichtblick für Simon bleibt dennoch der zurückhaltende Arnold (Alfred Renely), der später zu der Musikgruppe stößt, und der als Einziger ein wirkliches Interesse an der Musik zeigt. Der aus Senegal stammende und wie andere Kinder auch leicht übergewichtige Arnold hat sich selbst das Geigenspiel beigebracht - die Kamera von Jérôme Alméras streut immer wieder Bilder von seinen Übungen auf dem Dach des Hochhauses in den Film ein. Der ohne Vater aufgewachsene Arnold sieht in Simon womöglich einen Ersatzvater. Der Junge sorgt sogar dafür, dass seine Mutter den Musiklehrer zum Essen einlädt. Allerdings wird Arnold wütend, als sich Mutter und Lehrer beim Tanzen etwas näher kommen. Simon sieht in dem talentierten Jungen eine Art zweite Chance. Denn wegen seiner Strenge trübte er vor Jahren sein Verhältnis zu seiner Tochter. Obwohl kleine Fortschritte zu verzeichnen sind, holt ein Probespiel Simon auf den Boden der Tatsachen zurück: Wie sollen die Schüler in kürzester Zeit in die Lage versetzt werden, ein öffentliches Konzert zu geben? Just in dieser Zeit bekommt Simon ein verlockendes Angebot: Ein Mitglied des Quartetts, mit dem er sich häufig trifft, musste kurz vor Beginn einer dreimonatigen Tournee ausfallen. Ob er einspringen möchte?

Dramaturgisch setzt Regisseur Rachid Hami genreübliche Mittel ein, etwa die Parallelmontage - die probenden Schülern auf dem Dach des Wohnhauses einerseits, der Musiker bei der Probe mit dem Quartett andererseits -, die ja Simons Zerrissenheit versinnbildlichen soll. Oder auch die schnellgeschnittene Sequenz, als nach dem Brand im Proberaum die Eltern eine Garage herrichten, damit die Schüler weiterhin für das Konzert proben können. Diese Montagesequenz wird als Zeichen gesetzt, dass gemeinsam die Hindernisse überwunden werden können. Das Problem besteht freilich darin, dass sich die meisten Probleme von alleine zu lösen scheinen, so insbesondere auch die wunderbare Verwandlung der beim Probelauf völlig überforderten Schülertruppe in ein Orchester, das in der Philharmonie einen quasiprofessionellen Auftritt hinlegt. Dazu kommen die vielen Nebenhandlungen, die zwar angerissen, aber kaum vertieft werden: das bereits angesprochene, gespannte Verhältnis zwischen Simon und seiner Tochter, die ebenfalls erwähnte Annäherung zwischen Simon und Arnolds Mutter sowie eine beginnende zarte Beziehung zwischen Arnold und seiner Mitschülerin Yaël (Shirel Nataf).

Im Unterschied zu den eingangs besprochenen Spielfilmen über Lehrer und "Problemschüler" zeichnet sich "La Mélodie - Der Klang von Paris" trotz dieser Schwächen durch einen realitätsnahen Ansatz aus. Das im Gegensatz zu den komödiantischen Rollen, die er seit "Willkommen bei den Sch´tis" spielt, zurückgenommene Spiel Kad Merads überzeugt genauso wie die Natürlichkeit, mit der die jugendlichen Laiendarsteller agieren. Manchmal hat der Zuschauer den Eindruck, dass sie wirklich aus ihrer Lebenswirklichkeit berichten, ja dass sie sogar die Dialoge improvisieren.

 

Foto: Prokino

Im Kino: 12/2017 - Auf DVD: 0/0.