texte zum film - Dr. phil. José Garcia - Aachen
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TANNBACH - SCHICKSAL EINES DORFES

(Tannbach - Schicksal eines Dorfes) Deutschland, 2017
 
Filmische Qualität:   
Regie: Alexander Dierbach 
Darsteller: Henriette Confurius, Jonas Nay, Heiner Lauterbach, Anna Loos, Alexander Held, Peter Schneider, Johanna Bittenbinder, Maximilian Brückner, Florian Brückner, Eli Wasserscheid, Mercedes Müller, Martina Gedeck, Rainer Bock, Robert Stadlober, Clemens Schick 
Laufzeit: 270 Minuten
Genre:  
Publikum: ab 12 Jahren 
Einschränkungen:  
 

José Garcia

 

Anhand des an der bayerisch-thüringischen Grenze liegenden, fiktiven Dorfes Tannbach schilderte vor drei Jahren der Dreiteiler "Tannbach" die Teilung Deutschlands von den letzten Kriegstagen bis zur Gründung der Bundesrepublik und der DDR. In diesem "Klein-Berlin" werden Familien auseinandergerissen, bestehende Dorfstrukturen zerstört. Die Miniserie zeigte im Auseinanderleben beider Landesteile die Entstehung zweier verschiedener Gesellschaftsordnungen.

Der zweite Dreiteiler, der nun ab dem 8. Januar im ZDF ausgestrahlt wird, setzt 1960 ein, als der Kalte Krieg auf seinem Höhepunkt steht. In einem Wald in der Nähe von Tannbach geschieht ein Unglück, als Kinder ein geheimes NATO-Waffenlager entdecken. In Ost-Tannbach werden die letzten freien Altbauern von Anna (Henriette Confurius) und ihren Mitstreitern zum Beitritt in die LPGs überredet. Die im Sommer 1961 angesiedelte zweite Episode steht im Zeichen des Mauerbaus. Obwohl sich Anna in der LPG darum bemüht, gegen die Mangelwirtschaft anzugehen, kehren immer mehr Menschen der DDR den Rücken. Gleichzeitig landet eine Frau wegen Sabotageverdacht im Gefängnis. Ein ranghoher Stasi-Offizier setzt sich für sie ein, weil er so an ihren Sohn zu kommen hofft, der für den BND arbeitet. Oder hat er auch ein persönliches Interesse an ihr? Sieben Jahre später steht im drittel Teil der "Prager Frühling" 1968 im Hintergrund der Handlung. Annas Sohn Felix desertiert von der NVA, weil er nicht in Prag einmarschieren will. Um Schlimmeres zu verhindern, meldet Anna ihren Sohn sofort bei der Kommandantur. Sie selbst gerät ins Visier der Partei: Weil sie sich nicht von ihrem Sohn distanziert, verliert sie ihren leitenden Posten in der LPG. Nach dem Einmarsch in Prag wird von ihr ein klares Bekenntnis zur Parteilinie erwartet.

Regisseur Alexander Dierbach gelingt es, aus all den verschiedenen Erzählsträngen ein Gesellschaftsbild zusammenzustellen, das einerseits die unterschiedliche Entwicklung auf beiden Seiten des Zaunes beziehungsweise der Mauer beleuchtet, auf der anderen Seite verschiedene persönliche Schicksale schildert. Die Figuren, die in West- und Ost-Tannbach agieren, sind keine bloßen Abziehbilder einer bestimmten Gesellschaft, sondern Menschen aus Fleisch und Blut - mit ihren Wertvorstellungen und Haltungen sowie mit ihren Leidenschaften, Fehlern und Schwächen. Darin haben neben dem Geschick des Regisseurs und des für den Schnitt verantwortlichen Simon Blasi ebenfalls großen Anteil die herausragenden Darsteller. Zum allgemeinen positiven Eindruck tragen darüber hinaus die Kamera von Ian Blumers bei, der gekonnt die unterschiedlichen Einstellungen miteinander verknüpft, sowie die Musik von Fabian Römer, dem nicht nur eine Hauptmelodie mit Wiedererkennungscharakter gelungen ist, sondern insbesondere auch einen melodramatischen Musikteppich vermieden hat, der in Fernsehproduktionen noch allzu häufig anzutreffen ist.

Die zweite Staffel von "Tannbach - Schicksal eines Dorfes" schildert den Kalten Krieg aus der Sicht eines Mikrokosmos mit gelegentlichen Ausflügen nach Berlin - insbesondere zum DDR-Ministerium für Staatssicherheit - und Prag. Die Lieferengpässe in der Kollektivierung werden dem Wirtschaftswunder im Westen gegenübergestellt ? freilich ohne Schwarzweiß-Malerei. So lässt ein westdeutsches Versandhaus seine Ware in einem Ost-Berliner Textilkombinat mit "deutscher Wertarbeit " billiger herstellen. Allerdings sollen dessen Produkte kein "VEB-Etikett", sondern eher ein "Made-in-Germany-Schild" tragen. Was eher für Vorurteile in der westdeutschen Bevölkerung als für die tatsächliche Qualität spricht. Dennoch: Der Blick nach Tannbach-Ost verdeutlicht eher die Mangelwirtschaft, unter der nicht nur die "Konsum"-Filiale, sondern vor allem die LPG leidet.

Um Ausgewogenheit bemüht sich der Mehrteiler ebenfalls in der Gegenüberstellung der zwei Gesellschaftsordnungen. Obgleich der Druck auf die Menschen in Tannbach Ost ungleich höher ist als im westlichen Teil des Dorfes, gibt es auch im Westen bedenkliche Entwicklungen, so etwa geheime Waffendepots nahe der Grenze. Wird die DDR weitestgehend als Unrechtsstaat dargestellt, so gibt es im Westen ebenfalls gesellschaftliche Entwicklungen, die aus heutiger Perspektive bedenklich erscheinen: Der Mehrteiler weist immer wieder auf die untergeordnete Stellung der Frau und in kleinerem Maße auf den Paragraphen 175 hin.

Mit dem Riss durch das Dorf geht offenbar auch eine Konfessionstrennung einher: Der westliche Teil ist katholisch, auch wenn wohl entgegen den Gepflogenheiten der Zeit von der Glaubenspraxis nur eine Beerdigung zu sehen ist. Im östlichen Teil dagegen baut der evangelische Pfarrer eine Kirche auf, die guten Zulauf erfährt. Damit wird sicherlich auf der einen Seite der Konflikt zwischen Glauben und Sozialismus thematisiert, auf der anderen Seite aber auch eine Figur, die des evangelischen Pfarrers, eingeführt, die zwanzig Jahre später bei den DDR-Bürgerinitiativen eine herausragende Rolle spielen wird.

Anhand einer Vielzahl von persönlichen und Familienschicksalen bietet die zweite Staffel der Serie "Tannbach - Schicksal eines Dorfes" einen Einblick in die unterschiedliche Entwicklung gegensätzlicher Gesellschaftsordnungen auf engstem Boden.

"Tannbach - Schicksal eines Dorfes", Teile 4 - 6. Regie: Alexander Dierbach. Montag, 8. Januar 2018, Mittwoch, 10. Januar 2018 und Donnerstag, 11. Januar 2018, jeweils 20.15 Uhr, im ZDF

 

Foto: ZDF/Julie Vrabelova

Im Kino: 1/2018 - Auf DVD: 0/0.