texte zum film - Dr. phil. José Garcia - Aachen
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BERLINALE 2018 - RETROSPEKTIVE

(Berlinale 2018 Retrospektive) , 0
 
Filmische Qualität:   
Regie:  
Darsteller:  
Laufzeit: 0 Minuten
Genre:  
Publikum:  
Einschränkungen:  
 

José García

 

Unter dem Titel "Weimarer Kino neu gesehen" bietet die diesjährige Berlinale-Retrospektive eine Auswahl von Dokumentar- und Spielfilmen aus einer Zeit, in der trotz - oder gerade wegen - des verlorenen Weltkrieges der deutsche Film erstmals internationale Ausstrahlung erreichte. Nach der Gründung der UFA vor 100 Jahren versammelten sich in den 1920er Jahren in Babelsberg Autoren und Regisseure wie Billy Wilder, Fritz Lang und Friedrich Wilhelm Murnau, Produzenten wie Erich Pommer, Richard Eichberg und Robert Reiner, aber auch erste Stars ? Lil Dagover, Henny Porten, Emil Jannings, Werner Krauß. Das Weimarer Kino zog Filmschaffende aus dem Ausland an, die sich in Deutschland inspirieren ließen. Weder vorher noch nachher hat das deutsche Kino eine solche Weltgeltung erreicht. Denn mit der "Machtübernahme" der Nazis 1933 begann die große Emigration insbesondere nach Hollywood.

Das diesjährige Retrospektive-Programm lässt die "großen", berühmten Filmtitel außen vor. Unter den annährend 30 Lang- und 20 Kurzfilmen sind zwar bekannte Filme, etwa Riefenstahls "Das blaue Licht" sowie G.W. Pabsts "Abwege" und "Kameradschaft". Die Restaurierung trägt aber dazu bei, dass sie "neu gesehen" werden. Exotische Filme stehen neben Historienepen, die die Gegenwart durch den Rückgriff auf die Geschichte interpretieren. Darunter befinden sich Filme, die ausdrücklich auf Legenden verzichten und auf die Tatsachen verweisen, so Wilhelm Dieterles "Ludwig der Zweite, König von Bayern" (1930), sowie Werke, die einen skeptischen Blick auf Heroisierung und Verklärung werfen, etwa Gerhard Lamprechts "Der Katzensteg" (1927). Im dritten Themenbereich "Alltag" sticht "Sprengbagger 1010" (Karl-Ludwig Acház-Duisberg, 1929) auch wegen der überwältigenden Filmmusik besonders heraus.


Gespräch mit Rainer Rother, Leiter der Berlinale-Sektion "Retrospektive"


Vor 100 Jahren hatte Deutschland gerade den Krieg verloren. Darauf folgte die Novemberrevolution, die Weimarer Republik ... Hatten die Menschen in einer so aufgewühlten Zeit Interesse, ins Kino zu gehen?

Ja, sie hatten Lust, ins Kino zu gehen. Nach einer Anekdote knallten im November 1918 draußen die Gewehre, während im Kino gefeiert wurde. Es gibt aber auch einen anderen Grund, den man berücksichtigen muss. Der deutsche Film ist vor dem Krieg international überhaupt nicht konkurrenzfähig gewesen. Während des Krieges entsteht so etwas wie eine deutsche Filmindustrie, weil die französische und amerikanische Konkurrenz gar nicht ins Land kommt. 1917 wird die UFA gegründet, womit eine neue Periode der deutschen Filmgeschichte beginnt. Dies führt zur Geschichte des Films der Weimarer Republik ? sehr vielfältig, sehr interessant. Deshalb haben wir uns entschieden, relativ früh zu Beginn des Jahres 2018 mit einer Retrospektive an diese Ereignisse zu erinnern.


Wie kommt es, dass in kürzester Zeit der deutsche Film eine solche Weltstellung erreicht, dass Babelsberg die gleiche Bedeutung wie Hollywood hat?

Für die deutsche Kultur ist es eine Zeit der Unsicherheit. Man hat den Krieg verloren, es ist die Zeit der Hyperinflation ... Der Eindruck war: Es gibt nichts Sicheres mehr. Die Unsicherheit betrifft auch die Frage, wie man sich definiert, welche Kontinuität in der Geschichte noch gilt. Die Stories dazu bedienten sich verschiedener Genres. Hinzu kommt, dass mit der UFA eine große Firma entsteht, die viele Talente anzieht, und die den Anspruch hat, international konkurrenzfähig zu sein. Diesen Anspruch reklamieren aber auch kleinere Firmen, die sich mit der UFA messen müssen. Man schaut auf den Film nicht mehr wie im Kaiserreich als etwas Sittenwidriges, Gefährliches. Man entdeckt dieses Medium als Mittel zum Selbstausdruck, wobei es viele mögliche Facetten gibt.


Noch heute ist es vielerorts so, dass dem Film im Gegensatz etwa zum Theater der Kunstcharakter abgesprochen wird. Gab es auch schon in der Weimarer Republik eine solche Diskussion?

Ja, das ist eine Frage, die in der Weimarer Republik tatsächlich aufkommt: Ist das etwas, womit man sich ernsthaft beschäftigen kann. Auf diese Frage gibt es unterschiedliche Antworten: Béla Bálazs entdeckt die Großaufnahme und die Möglichkeit, Natur zu zeigen. Siegfried Kracauer findet, dass viele Filme eskapistisch sind, findet aber auch andere, realistische Filme. Walter Benjamin spricht vom "Dynamit der Zehntelsekunde", und setzt auf die Montage. Die ästhetische Fortentwicklung der filmischen Mittel inspiriert eine Diskussion, die den Film anders sichtbar werden lässt. Es gilt nicht mehr nur das Unterhaltungsmedium, schon gar nicht mehr Jahrmarkt, sondern etwas, das sich auf der Höhe der Zeit befindet, durch ästhetische Innovation eine neue, moderne Kunst geworden ist. Der Film beeinflusst nun auch andere Künste, insbesondere die Literatur. Das Medium wird erstmals als etwas wahrgenommen, dem sich seriöse Kritiker widmen sollten.


Was für thematische Schwerpunkte setzt die Retrospektive 2018?

Zunächst Exotik, die doppelgesichtig ist: Einerseits gibt es die Expeditionsfilme, die in die Fremde ausbrechen, und sich unterschiedlich dieser Fremde stellen, etwas zögerlich wie Clärenore Stinnes im Dokumentarfilm "Im Auto durch zwei Welten" oder sehr offensiv und offen wie Friedrich Dalsheim in "Menschen im Busch" oder halb fiktional, halb dokumentarisch wie in "Milak, der Grönlandjäger". Andererseits ist Exotik eine Qualität, die der Film, insbesondere der Film der frühen Weimarer Republik inszeniert, so z.B. "Opium" von Robert Reinert. Eine besondere Inszenierungsleistung ist "Die Leuchte Asiens" von Franz Osten. Osten ist ein bayerischer Filmemacher, der nach Indien geht, um dort mit indischen Darstellern eine absolut indische Geschichte zu drehen. Ein anderes große Thema für uns ist die Darstellung oder Konstruktion der Geschichte im Film. Im Geschichtsbild spiegelt sich ein Identitätsentwurf, das ist im Kino der Weimarer Republik mit einer Zeit der sehr stark umkämpften Erinnerung besonders brisant. Wenn wir an Preußenfilme denken, sind es zunächst Filme, die das Preußentum verherrlichen. Ein deutliches Gegenbeispiel ist jedoch der Film, den wir ausgesucht haben, Gerhard Lamprechts "Der Katzensteg". Er schaut auf eine ansonsten besonders heroisch dargestellte Periode, die der Befreiungskriege, mit skeptischem Blick und hinterfragt die sonst glorifizierte Einigkeit von Kirche und Staat. Wenn wir an den Weltkriegsfilm denken, haben wir mit "Die andere Seite" einen Film von Heinz Paul ausgesucht, der zu patriotischen Stoffen neigte, der aber hier ein Theaterstück vom englischen Autor R. C. Sherriff verfilmt. Deswegen ist es ihm möglich, im englischen Soldaten die deutschen Traumata zu spiegeln. Das dritte herausragende Thema ist Alltag. Im Weimarer Kino artikuliert sich in vielen Filmen und Formen ein deutlicher Bezug auf die Schwierigkeiten des Alltags. Da gibt es mit "Brüder" von Werner Hochbaum (1929) ein gutes Beispiel, oder mit den Kurzfilmen von Ella Bergmann-Michel, die die damalige Zeit ganz ungeschminkt zeigen.


Bei der Auswahl fällt auf, dass die Retrospektive nicht die ganz bekannten Filme wie "Metropolis" oder "Die Nibelungen" zeigt. Wie haben Sie diese Auswahl getroffen?

Wir haben nach weniger bekannten, auch heute noch überzeugenden Filmen gesucht und dabei Wert auf eine Vielfalt der Aspekte und auch der Künstler selbst gelegt. Die Auswahl wurde in dem Kuratoren-Team gemeinsam getroffen. Von den vom Weimarer Kino überhaupt noch vorhanden Filmen haben wir die Titel, die ohnehin weitgehend bekannt sind, bewusst ausgelassen. Aus ca. 200 Filme entstand dann unsere Auswahl. In unseren Diskussionen haben sich die fast 30 langen und 18 kurzen Filme unsere Programms herauskristallisiert. Die Zahl der Programmplätze ist beschränkt, manchen liebgewordenen Titel konnten wir also nicht berücksichtigen. Jedoch sind wir überzeugt davon, dass diese Filme "jenseits des Kanons" herausragende Beispiele des Kinos der Weimarer Republik darstellen.


Zurzeit werden viele Filme restauriert. Spielt dabei der Gedanke eine Rolle, das Kulturerbe zu erhalten?

Dieses Filmprogramm ist schon ein Beispiel dafür, was für Entdeckungen in unserem Filmerbe warten. Und: "neu gesehen" heißt ja auch, dass Filme, die man möglicherweise etwas besser zu kennen meint wie "Kameradschaft" oder "Abwege" ? beide Filme von Georg Wilhelm Pabst ? dennoch neu gesehen werden, weil sie durch restauratorische Arbeit von Archiven nun in einer besseren Qualität zu erleben sind. Meine Haltung war immer, dass sich Restaurierung und Digitalisierung nicht auf die bekannten Titel beschränken dürfen, sondern dass es darum geht, von Anfang an die ganze Vielfalt der Filmproduktion zu bearbeiten. Wir können nun die Berlinale-Retrospektive auch dazu nutzen, zu sagen: diese Titel sind nicht einfach "alte Filme", es sind vor allem gute Filme ? unser Filmerbe, das müssen wir erhalten.

 

Foto: Deutsche Kinemathek Praesens Film AG

Im Kino: 2/2018 - Auf DVD: 0/0.