texte zum film - Dr. phil. José Garcia - Aachen
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TRANSIT

(Transit) Deutschland, Frankreich, 2018
 
Filmische Qualität:   
Regie: Christian Petzold 
Darsteller: Franz Rogowski, Paula Beer, Godehard Giese, Barbara Auer, Justus von Dohnányi, Matthias Brandt, Maryam Zaree, Sebastian Hülk 
Laufzeit: 102 Minuten
Genre:  
Publikum: ab 12 Jahren 
Einschränkungen:  
 

José García

 

"Yella", "Jerichow", "Barbara", "Phoenix". Für seine Spielfilme wählt der deutsche Regisseur Christian Petzold in der Regel einen kurzen Filmtitel, zumeist einen Personen- ("Yella", "Barbara") oder einen Ortsnamen ("Jerichow" -"Phoenix" ist der Name eines Berliner Clubs). Über den Ein-Wort-Filmtitel hinaus haben die Filme des inzwischen 57-jährigen Regisseurs einen besonderen Stilwillen außerhalb des Mainstreams gemeinsam.

Aus dem letztgenannten Grund mag Petzold eher einem cineastisch interessierten als einem breiten Publikum bekannt sein, obwohl er zu den wenigen deutschen Filmregisseuren gehört, die regelmäßig zum Berlinale-Wettbewerb eingeladen werden - mit seinem achten, nun anlaufenden Kinofilm "Transit", der beim diesjährigen Wettbewerb der Berliner Filmfestspiele uraufgeführt wurde, nahm Christian Petzold nun nach "Gespenster" (2005), "Yella" (2007) und "Barbara" (2012) zum vierten Mal am Berlinale-Wettbewerb teil.

Die Filme von Christian Petzold zeichnen sich durch eine ausgesuchte Ästhetik aus, die eine gewisse Kargheit nicht nur in den schlichten Szenarien, sondern auch etwa in einer durch lange Kamerafahrten und wenige Schnitte gekennzeichneten Kameraführung sowie in den spärlichen Dialogen ausdrückt. Durch diese filmischen Stilmittel wird die Aufmerksamkeit des Zuschauers auf die Figuren konzentriert.

Die Figurenzeichnung steht denn auch im Mittelpunkt seiner Filme. Deren Hauptfiguren zeichnen sich durch eine schwierige Vergangenheit sowie durch den Wunsch aus, ein neues Leben anzufangen. Ob es sich um Außenseiterinnen wie Nina und Toni in "Gespenster", um die aus einer unglücklichen Ehe flüchtende junge Frau in "Yella", um gebrochene Figuren wie Thomas und Laura in "Jerichow", um die Ärztin Barbara im gleichnamigen Film, deren Ausreiseantrag aus der DDR abgelehnt wurde, oder um die nach dem Krieg aus Auschwitz mit entstelltem Gesicht zurückgekehrte Nelly in "Phoenix" handelt: Sie suchen verzweifelt, sich aus den Schatten der Vergangenheit zu befreien, ein neues Glück zu finden.

Christian Petzold gelingt es, dem Zuschauer seine Figuren nahezubringen, ohne jedoch ihre ganzen Biografien, ihre letzten Beweggründe offenzulegen. Die "Leerstellen", die etwa durch Ellipsen erreicht werden, führen in manchen Petzold-Filmen zu einem offenen Ende: Der Zuschauer wird eingeladen, diese Leerstellen zu füllen. Zur Einheitlichkeit in Petzolds Filmoeuvre trägt wesentlich auch bei, dass die weibliche Rolle der bislang bekanntesten Petzold-Filme von Nina Hoss verkörpert wurde: Sie gestaltet Yella, Laura in "Jerichow", Barbara im gleichnamigen Film sowie Nelly in "Phoenix".

Dies ist im aktuellen Film von Christian Petzold "Transit" anders. Nicht nur weil die weibliche Hauptfigur von Paula Beer gespielt wird, sondern auch weil der eigentliche Protagonist - anders als in den erwähnten früheren Filmen Petzolds - nicht eine Frau, sondern ein Mann ist: Georg (Franz Rogowski), der auf der Flucht vor den deutschen Truppen in Marseille ein Visum für die Emigration in ein amerikanisches Land zu ergattern versucht, und dabei eher zufällig die Identität eines verstorbenen Schriftstellers annimmt.

Seine Pläne ändern sich jedoch, als er Marie (Paula Beer), der Frau des toten Dichters, begegnet. "Transit" basiert zwar auf dem gleichnamigen Roman von Anna Seghers aus dem Jahre 1944. Das Besondere an Petzolds Film: Die Figuren aus der Vergangenheit bewegen sich jedoch im heutigen Marseille. Dort treffen die Flüchtlinge von damals auf die Geflüchteten von heute, die freilich in die entgegengesetzte Richtung flüchten. So ist zwar die Rede von vorrückenden deutschen Truppen, zu sehen sind aber heutige Polizisten, die auf der Suche nach Flüchtlingen sind. "Transit" behandelt ein damals wie heute brisantes gesellschaftspolitisches Thema, ohne aber ideologisch zu werden.

Trotz dieses Kniffs, der "Transit" auf den ersten Blick so anders als die bisherigen Filme von Christian Petzold macht, finden sich darin die bekannten Merkmale seiner Filme wieder. Nicht nur die Kargheit, die sich etwa im zurückgenommenen Spiel der Protagonisten niederschlägt. Darüber hinaus sind sie ebenfalls zerrissene Menschen. Sie wollen aus der Vergangenheit ausbrechen und hoffen auf ein neues, glückliches Leben. Dazu führt Christian Petzold aus: "Die Menschen in ,Transit´ wollen zurück in den Strom, in die Brise, in die Bewegung. Sie wollen eine Geschichte haben."

Allerdings stecken sie in einem zeitlosen Niemandsland zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Petzold erklärt hierzu: "Die Menschen in ,Transit´ hängen fest in Marseille, sie warten auf Schiffe, Visa, Transits. Sie sind auf der Flucht. Es wird für sie kein Zurück mehr geben, und kein Vorwärts. Niemand will sie aufnehmen, niemand will sich kümmern um sie, niemand nimmt sie wahr. Sie sind im Begriff, Gespenster zu werden, zwischen Leben und Tod, zwischen dem Gestern und dem Heute." Dieses ewige Dasein auf der Durchreise zwischen verlorener Geschichte und dem Hoffen auf ein neues Glück haben sie mit den Protagonisten der früheren Petzold-Filme gemeinsam. Auch wenn sich seine Filmästhetik weiterentwickelt hat: Der Regisseur Christian Petzold bleibt sich in "Transit" treu.

 

Foto: Schramm Film / Christian Schulz

Im Kino: 4/2018 - Auf DVD: 0/0.