texte zum film - Dr. phil. José Garcia - Aachen
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HIMMEL ÜBER BERLIN, DER

(Der Himmel über Berlin) Deutschland , 1987
 
Filmische Qualität:   
Regie: Wim Wenders 
Darsteller: Bruno Ganz, Solveig Dommartin, Otto Sanders, Curt Bois, Peter Fal, Hans Martin Stier, Elmar Wilms, Sigurd Rachman 
Laufzeit: 128 Minuten
Genre:  
Publikum: ab 12 Jahren 
Einschränkungen:  
 

José García

 

Wim Wenders "Der Himmel über Berlin" feierte auf dem Filmfestival Cannes 1987 seine Weltpremiere. Zum 30. Jahrestag der Uraufführung hat die Wim-Wenders-Stiftung den wohl bekanntesten Wenders-Film restauriert. Weil der Film größtenteils aus Schwarz-Weiß-Aufnahmen besteht, jedoch auch farbige Passagen enthält, erforderte damals die Mischung mehrere optische Duplikationen, so dass die Festivalkopie sechs "Generationen" vom Originalnegativ entfernt war ? mit entsprechenden Einbußen an Schärfe und Kontrast. Nach der Digitalisierung in 4K und in Dolby Surround 5.1 wird "Der Himmel über Berlin" nun im Kino in einer besseren Qualität vorgeführt als je zuvor.

"Der Himmel über Berlin" erzählt aus der Sicht der zwei Engel Damiel (Bruno Ganz) und Cassiel (Otto Sander), die Berlin und die Bewohner der geteilten Stadt von oben her betrachten. Die körperlosen Gestalten sind nicht für die Erwachsenen, wohl aber für Kinder sichtbar. Obwohl sie die Gedanken der Menschen hören, können sie kaum eingreifen ? Damiel und Cassiel sind keine Schutzengel, sondern eher körperlose Weise. Als Damiel die Trapezkünstlerin Marion (Solveig Dommartin) kennenlernt, wünscht er sich nichts sehnlicher, als ein Mensch zu werden. Mit Damiels Verwandlung geht der in seinen ersten 90 Minuten weitestgehend schwarz-weiß gedrehte Film in Farbe über. Gleichzeitig ändert sich auch Damiels poetische in eine alltägliche Sprache.

Obwohl "Engel" genannt, haben Damiel und Cassiel mit den christlichen Engeln wenig gemeinsam ? im Unterschied zu den Engeln in der Fortsetzung "In weiter Ferne, so nah!" (1993). "In Der Himmel über Berlin waren die Engel für mich", erklärte denn auch der Regisseur, "eigentlich eher metaphorische Gestalten poetischen Ursprungs, damals sehr durch die Literatur hervorgerufen, durch ständiges Lesen von Rilke. Sie hatten indirekt einen religiösen Ursprung, waren aber von mir eher metaphorisch gemeint. Es waren also schon transzendentale Wesen, aber nicht unbedingt im christlichen Sinne, sondern eher in einem übertragenen spirituellen Sinne. Dagegen ist in dem Film In weiter Ferne, so nah! der Engel für mich tatsächlich ein religiöses Thema geworden." Denn in der Zwischenzeit waren Wenders´ Bruder und Vater gestorben, beide zutiefst gläubige Menschen, erklärte der Regisseur 2005 in der Katholischen Akademie München.

Auch in "Land of Plenty" (2004) werden etliche religiöse Bezüge sichtbar. Der Film spiegelte Wenders Sicht eines Europäers auf den "amerikanischen Traum" wider, sowie auf die Veränderungen nach dem 11. September. Um sie zu veranschaulichen, wählte der Regisseur als Hauptfigur eine junge Frau, die nach etlichen Jahren der Abwesenheit in ihr Heimatland zurückkehrt. Die 20-jährige Lana (Michelle Williams) wuchs als Tochter eines christlichen Missionars in Afrika und im Nahen Osten auf. Als sie nun nach Los Angeles heimkommt, findet sie dort nicht die Traumfabrik, sondern eher die "Hauptstadt des Hungers" in den Vereinigten Staaten vor. Deshalb beschließt die Idealistin, statt aufs College zu gehen, zunächst einmal in der Armenküche einer Stadtmission auszuhelfen. Zu den religiösen Bezügen von "Land of Plenty" äußerte sich Wenders ebenfalls bei der oben genannten Veranstaltung 2005 folgendermaßen: "Die Bibel, das Wort, auf das wir uns berufen, ist ja ungefähr das Hoffnungsvollste, was es überhaupt gibt, worauf man fußen kann, sowohl in seinem Denken als auch in seinen Aktionen. Es ist ja eigentlich voller Lebensfreude bis dort hinaus." Die Religiosität seiner Hauptfigur setzt Wenders bewusst ein, um an den Prinzipien der US-amerikanischen Regierung, "die religiöse Belange ständig mit politischen mischt", scharfe Kritik auszuüben.

In "Every Thing Will Be Fine" (2015) nimmt der Glaube ebenfalls insofern einen großen Raum ein, als eine der Protagonisten nach einem großen Verlust ihre Trauer im Gebet knieend auf einer Kirchenbank verarbeitet. Handelt dieser Film ausdrücklich von Verlust, Schuld und Aussöhnung, so reflektieren auch die meisten seiner Filme tiefgründige Fragen der menschlichen Existenz, weil sie Menschen auf der Suche nach einer inneren Läuterung in den Mittelpunkt stellen. Darin stimmen sie mit Grundzügen des christlichen Menschenbildes überein. Zuletzt drehte der deutsche Filmregisseur einen Dokumentarfilm über Papst Franziskus: "Papst Franziskus ? Ein Mann seines Wortes" ("Pope Francis ? A Man Of His Word") startet am 14. Juni im deutschen Kino. Der Dokumentarfilm geht auf die Initiative des Vatikans selbst zurück, der über das vatikanische Fernsehen CTV als Mit-Produzent fungiere, erklärte unlängst eine Sprecherin des deutschen Regisseurs. Die Dreharbeiten basieren auf mehreren langen Gesprächen, die Wenders mit dem Heiligen Vater führen durfte, so der Weltvertrieb Focus Features, der den Filmemacher mit den Worten zitiert: "Papst Franziskus ist das lebendige Beispiel eines Mannes, der für das steht, was er sagt".

Außer "Der Himmel über Berlin" könnten in nächster Zeit weitere Klassiker unter den Wim-Wenders-Filmen erneut in die Kinos kommen: Studiocanal hat für einige Filme des deutschen Regisseurs ? "Die Angst des Tormanns beim Elfmeter" (1972), "Alice in den Städten" (1974), "Im Lauf der Zeit" (1976), "Der amerikanische Freund" (1977) ? die Kinorechte erworben.

 

Foto: Studiocanal

Im Kino: 4/2018 - Auf DVD: 0/0.