texte zum film - Dr. phil. José Garcia - Aachen
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WOHNE LIEBER UNGEWÖHNLICH

(C?est quoi cette famille?!) Frankreich, 2017
 
Filmische Qualität:   
Regie: Gabriel Julien-Laferrière 
Darsteller: Julie Gayet, Thierry Neuvic, Julie Depardieu, Lucien Jean-Baptiste, Claudia Tagbo, Philippe Katerine, Chantal Ladesou, Arié Elmaleh, Nino Kirtadze, Caterina Murino, Teilo Azaïs, Violette Guillon, Lilian Dugois, Chann Aglat, Luna Aglat, Benjamin Douba Pari 
Laufzeit: 95 Minuten
Genre:  
Publikum: ab 12 Jahren 
Einschränkungen:  
 

José Garcia

 

Sophie (Julie Gayet) und Hugo (Lucien Jean-Baptiste), die bereits den gemeinsamen Sohn Gulliver (Sadia Diallo) haben, heiraten. Aber Sophies Sohn aus einer früheren Ehe Bastien (Teilo Azaïs) sieht schon die Trennung kommen, denn er hat schon zu viele Väter kommen und gehen sehen. Nicht nur Sophie hat nach drei Ehen drei Kinder — auch die Väter heiraten wieder. Aus den ganzen Patchwork-Familien hat Bastien sechs Halbgeschwister. Die insgesamt acht Erziehungsberechtigten führen wegen der Tätigkeiten ihrer Stief- und richtigen Kinder eine komplexe Freizeitlogistik. Dies bedeutet aber, dass die Kinder immer unterwegs sind. Bis Bastien auf eine revolutionäre Idee kommt: Gemeinsam besetzen sie eine große Wohnung. Die Eltern müssen nun ihren Lebensmittelpunkt verschieben, denn die Kinder wollen endlich ein Zuhause haben.

"Wohne lieber ungewöhnlich" verweist auf komödiantische Art auf die Schattenseiten moderner Patchwork-Familien: Die Kinder werden nicht nur durch ganz Paris hin- und hergefahren. Was eine Familie ist, kennen sie kaum. Denn sie haben nur auseinandergegangene und irgendwie wieder zusammengesetzte "Familien" erfahren. Gabriel Julien-Laferrière erzählt seine mit viel Humor gespickte Geschichte aus der Sicht der Kinder. Anders als die meisten Familienfilme stehen deshalb die Erwachsenen eher im Hintergrund. Dennoch wird es immer wieder deutlich, dass ihre hedonistische Suche nach Selbstverwirklichung eigentlich zu Lasten der Kinder geht.


Interview mit Regisseur Gabriel Julien-Laferrière


Die Idee, dass die Kinder eine feste Wohnung haben wollen, und die geschiedenen Eltern sie dort betreuen, ist ja ganz originell. Wie kam sie zustande?

Nun, es war nicht meine, sondern die Idee der Drehbuchautoren Camille Moreau und Olivier Treiner. Interessanterweise ist keiner von uns ein Scheidungskind. Das Drehbuch lag allerdings einige Jahre in der Schublade, als mein Produzent darauf stieß. Er gab es mir, weil ich gerne sowohl mit Kindern als auch mit Ensembles arbeite. Ich fand darin eine Vielzahl sehr gut gezeichneter Figuren und eine witzig, emotional und feinfühlig erzählte Geschichte.

Sie schildern auf witzige Weise ein sehr ernstes Thema, beispielsweise als Bastien sagt, er habe seit zehn Jahren seine Sachen nicht mehr zusammen am selben Ort ...

Es werden darin sehr harte Dinge gesagt, aber mit Humor und Ironie. Ich habe 1999 bei "Pola X" als Regieassistent von Leos Carax gearbeitet. Als ich bei der Premiere den fertigen Film sah, bin ich sehr deprimiert daraus — und direkt ins Kino gegangen, um mir eine Komödie anzuschauen. Damals habe ich die Entscheidung getroffen, keine deprimierenden Filme zu machen. Aus meinen Filmen sollen die Zuschauer mit einem Lächeln auf den Lippen herauskommen.

Aber Sie sprechen diese Themen an: Kinder leiden unter der Scheidung ihrer Eltern, sind verwirrt, wenn sie nicht mehr wissen, wer ihre Geschwister oder Halbgeschwister sind ...

Es spiegelt die Realität in der heutigen französischen Gesellschaft wider, in der es viele Menschen gibt, die nicht richtig erwachsen werden wollen. Einerseits wollen sie Kinder, Familie haben. Andererseits wollen sie aber nicht ihre "Jugend" aufgeben. Sie wollen weiterhin ausgehen, Menschen kennenlernen, vielleicht allein in Urlaub fahren ... all diese Dinge, die man nicht mehr so kann, wenn man ein strukturiertes Familienleben hat. Dagegen wehren sich die Kinder. Dafür gibt es sogar ein neues Wort: adulescent, eine Mischung aus adulte (Erwachsener) und adolescent (Heranwachsender).

Das Ensemble des Films besteht aus 19 Figuren, davon die Hälfte Kinder. War es schwierig, sie zu managen?

Wir haben drei Monate lang Castings veranstaltet. Ich wollte außerdem nicht, dass alle weiß sind. Ich habe zunächst die Kinder gesucht, und musste danach die zu ihnen passenden Eltern finden. So sollte Gulliver eine weiße Mutter und einen schwarzen Vater haben. Bei Bastian hingegen mussten beide Eltern weiß sein. Als die Kinderdarsteller feststanden, haben wir ein Wochenende zusammen verbracht. Wir haben Karten gespielt, Musik gehört... Die Kinder haben alle in einem großen Raum geschlafen. Dadurch hatten sie gemeinsame Erlebnisse, eine gemeinsame Erinnerung, die sie zusammengeschweißt hat.

Inwiefern spielt die große Wohnung eine Rolle im Film?

Für die Wohnung habe ich auch Kritiken einstecken müssen, weil sie unbezahlbar ist. Deshalb würde ich, so hieß es, einen Film über reiche Menschen drehen. Diese Geschichte gibt es aber nur, weil es diese Wohnung gibt. Auch die Scheidung findet eher unter begüterten Menschen statt. Ärmere Ehepaare, die sich nicht verstehen, bleiben zusammen, weil sie sich die Scheidung nicht leisten können.

Ihr Film ist ziemlich unkonventionell erzählt. Ist es in Frankreich schwierig, dass ein Drehbuch gefördert wird, wenn es sich nicht an gewisse Regeln hält?

Seit einigen Jahren gibt es jede Menge Drehbuch-Kurse. Diejenigen, die über die Geldmittel für Filme verfügen, haben diese Kurse besucht. Alle haben dasselbe Raster im Kopf, so dass von einem Drehbuchautor erwartet wird, dass er sich an die Regeln hält. Ich habe auch in den Vereinigten Staaten gearbeitet, und dort ist es noch schlimmer. Viele amerikanische Filme sind getaktet: Man weiß etwa, dass in der soundsovielten Minute eine Wendung geschehen wird und so weiter. Früher gab es Prototype, originelle Geschichten. Heute geht es mehr darum, ein Erfolgsmodell zu finden und es en masse zu wiederholen.

 

Foto: Neue Visionen

Im Kino: 5/2018 - Auf DVD: 0/0.