texte zum film - Dr. phil. José Garcia - Aachen
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THE RAIN

(The Rain) Dänemark, 2018
 
Filmische Qualität:   
Regie: Jannik Tai Mosholt, Esben Toft Jacobsen, Christian Potalivo 
Darsteller: Alba August, Lucas Lynggaard Tonnesen, Mikkel Boe Folsgaard, Angela Bundalovic, Jessica Dinnage, Sonny Lindberg, Lukas Lokken, Lars Simonsen, Bertil De Lorenzi 
Laufzeit: 330 Minuten
Genre:  
Publikum: ab 16 Jahren 
Einschränkungen:  
 

José García

 

"Netflix" hat die erste dänische Serie ins Netz gestellt, die für den Plattformanbieter produziert wurde. "The Rain" gehört zum sogenannten postapokalyptischen Genre. Dessen Grundtenor: Nach einer "apokalyptischen" Katastrophe ist so gut wie alles menschliche Leben auf der Erde vernichtet worden. In "The Rain" geschieht der Zusammenbruch menschlicher Zivilisation durch ein für die Menschen tödliches Virus, das vom Regen — daher auch der Serientitel — verbreitet wird. Ob dies ganz Dänemark, lediglich einen Teil des Landes oder aber ebenfalls weitere Länder betrifft, bleibt absichtlich im Ungewissen. Denn die aus acht Folgen bestehende Serie erzählt stets aus der Sicht der Protagonisten — der Zuschauer bleibt immer auf demselben Kenntnisstand wie sie.

Die Protagonisten sind zunächst einmal ein Geschwisterpaar: Die Teenagerin Simone (Alba August) muss sich allein in einem Bunker jahrelang um ihren kleinen Bruder Rasmus (Bertil De Lorenzi als Zehnjähriger, Lucas Lynggaard Tonnesen als 16-Jähriger) kümmern, nachdem die Mutter gestorben und der Vater Frederik (Lars Simonsen) mit dem Versprechen verschwindet, sobald wie nur möglich zurückzukommen. Rätselhaft bleibt Frederiks Aussage, Rasmus sei der "Schlüssel" für die Bekämpfung des Virus. Nicht weniger rätselhaft nimmt sich Frederiks Rolle bei der ganzen Geschichte aus. Die Filmemacher — die Idee zur Serie stammt von Jannik Tai Mosholt, Esben Toft Jacobsen und Christian Potalivo, dazu kommen verschiedene Drehbuchautoren und Regisseure — setzen geschickt solche mysteriöse Andeutungen ein, um die Handlung voranzutreiben. Denn Simone und Rasmus möchten endlich ihren Vater suchen, als nach sechs Jahren ihre Vorräte zu Ende gehen.

Sie machen sich allerdings nicht alleine auf den Weg. Denn zu ihnen stoßen fünf weitere junge Menschen: Martin (Mikkel Boe Folsgaard), der eine halbautomatische Waffe besitzt und als der Wortführer auftritt, Beatrice (Angela Bundalovic), Lea (Jessica Dinnage), Jean (Sonny Lindberg) und Patrick (Lukas Lokken). Wie sie zueinandergefunden beziehungsweise wie sie sich in diesen Jahren verändert haben, erzählt "The Rain" in Rückblenden. Dies bringt eine gewisse Ruhe in die teilweise sehr actionreiche Haupthandlung. Die zumeist mit Musik unterlegten, lichtdurchfluteten Rückblenden kontrastieren mit den düsteren Bildern der durch die Katastrophe verursachten Zerstörung der Zivilisation, in der die Hauptbeschäftigung der Menschen die Lebensmittelbeschaffung geworden ist, sowie einer bedrohlichen Natur. Die Einbettung der persönlichen Geschichten der Hauptfiguren verhindert, dass sie zu bloßen Abziehbildern werden. Sie dient aber darüber hinaus als Folie für die interessanten zwischenmenschlichen, auch Liebes-Beziehungen unter ihnen. Denn "The Rain" verknüpft verschiedene Filmgenres miteinander: Im angesprochenen postapokalyptischen Milieu entwickelt sich eine Mischung aus Road-Movie und Junge-Erwachsene-Dynamik. Darin kommen aktuelle Themen zur Sprache wie die Sorge um den Zustand der Natur und der Klimawandel, aber auch eine verwirrte Jugend, die mit den Problemen alleingelassen wird.
Allerdings fehlt in "The Rain" — wenigstens in der ersten Staffel — ein Element, das eigentlich zum postapokalyptische Genre gehört: Wenn nur wenige Menschen eine solche Katastrophe überlebt haben, stellt sich mehr oder weniger ausdrücklich die Frage, ob es sich lohnt, eine neue menschliche Zivilisation überhaupt aufzubauen, beziehungsweise die untergegangene wieder herzustellen. Damit geht eine ethisch-politische Suche nach tragfähigen Grundlagen für eine menschliche Zivilisation einher. "The Rain" bleibt insofern oberflächlicher, als es eher um die Selbstbestimmung innerhalb einer von äußeren Regeln befreiten Gruppe geht — in der allerdings dieselben menschlichen Empfindungen wie vor dem apokalyptischen Vorfall herrschen.

"The Rain" konzentriert sich auf das Verhältnis zwischen Mensch und Natur: Wenn der Mensch die absolute Kontrolle über die Natur erringen will, schlägt diese zurück. Die Serie sagt freilich auch etwas über die Bedrohungen aus, denen sich die Menschen heute ausgesetzt sehen, und auch darüber, dass diese Bedrohungen Angst verbreiten. Eine Angst, die in "The Rain" permanent zu spüren ist.

 

Foto: Netflix

Im Kino: 6/2018 - Auf DVD: 0/0.