texte zum film - Dr. phil. José Garcia - Aachen
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TOTE MÄDCHEN LÜGEN NICHT

(Thirteen Reasons Why) USA, 2017
 
Filmische Qualität:   
Regie: Brian Yorkey 
Darsteller: Katherine Langford, Dylan Minnette, Alisha Boe, Brandon Flynn, Miles Heizer, Christian Navarro, Justin Prentice, Ross Butler, Derek Luke 
Laufzeit: 1 Minuten
Genre:  
Publikum: ab 16 Jahren 
Einschränkungen:  
 

José García

 

Selbstmord ist neben Verkehrsunfällen die häufigste Todesursache bei Jugendlichen. "Jede Nacht kommen Kinder und Jugendliche zu uns in die Klinik in die Notaufnahme, die sich umbringen wollten. 50 bis 60 sind es im Monat - vor 20 Jahren hatten wir drei, vier Fälle im Monat", zitierte die Nachrichtenagentur "dpa" bereits vor acht Jahren Prof. Gerd Lehmkuhl, Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Uniklinik Köln. Über die Ursachen gibt es inzwischen eine umfangreiche Literatur. Auch in der Fiktion wird der Suizid eines jungen Menschen darüber hinaus thematisiert - von Goethes "Die Leiden des jungen Werthers" bis zu einer Reihe Spielfilme, so etwa Caroline Links "Im Winter ein Jahr". Sehr anschaulich behandelt das Thema die "Netflix"-Serie "Tote Mädchen lügen nicht" ("Thirteen Reasons Why"), von der die Online-Plattform bisher zwei Staffeln eingestellt hat.

Basierend auf dem 2007 erschienenen gleichnamigen Roman von Jay Asher, der in mehr als 30 Ländern veröffentlicht wurde, erzählt die Fernsehserie von den 13 Kassetten, die die 17-jährige Hannah Baker (Katherine Langford) vor ihrem Selbstmord aufgenommen hat. In jeder der 13 altmodischen Kassetten legt Hannah einen Grund dar, warum sie sich das Leben nehmen will - daher auch der Originaltitel "Thirteen Reasons Why". Die Handlung setzt in dem Augenblick ein, als Hannahs Mitschüler Clay (Dylan Minnette), mit dem sie auch im lokalen Kino der Kleinstadt zusammen jobbte, die Audiokassetten erhält. Sehr bald stellt Clay fest, dass in jeder Kassette jeweils eine Person aus Hannahs Umfeld im Zentrum steht, die durch bestimmte Vorkommnisse zur Entscheidung der 17-Jährigen beigetragen hat. In fast allen Fällen handelt es sich um Mitschüler an der "Liberty High School". Von Anfang an fragt sich Clay, ob auch er in einer der Kassetten vorkommt.

In ihrer ersten Staffel zeichnet sich "Tote Mädchen lügen nicht" durch ihre originelle Dramaturgie aus, jedem Kapitel die Begegnung mit einem anderen Menschen aus Hannahs Sicht zuzuordnen. Allerdings wirkt Manches repetitiv - eine kürzere Anzahl Folgen hätte die Handlung erzählerisch dichter und wohl auch stimmiger gemacht. Dazu kommt, dass etliche dramatische Wendungen konstruiert wirken. In der zweiten Staffel - die vom Rechtsstreit von Hannahs Eltern gegen die Schule handelt, der sie eine Verletzung ihrer Aufsichtspflicht vorwerfen - nimmt sich die Dramaturgie konventioneller aus. Die Handlung wirkt teilweise verschachtelt, vor allem deshalb, weil sie auf zwei Zeitebenen - die Zeit mit und die Zeit ohne Hannah - erzählt.

Zu den großen Stärken der Serie gehören die überragenden Darsteller - allen voran Katherine Langford und Dylan Minnette, aber auch eine ganze Reihe weiterer Jungdarsteller, etwa Alisha Boe (Jessica), Brandon Flynn (Justin), Miles Heizer (Alex) und viele weitere mehr -, die das für Jugendliche typische Wechselbad der Gefühle glaubwürdig verkörpern. Dazu zählen aber auch etliche, teilweise tiefgründige Dialoge. Dabei wird immer wieder auf die Sprachlosigkeit hingewiesen, die zwischen Jugendlichen auf der einen, den Eltern und Erziehern auf der anderen Seite herrscht. In den etwa 25-30 Jahren, die zwischen den beiden Generationen liegen, hat sich insbesondere eins verändert: Die sozialen Medien haben das Mobbing in eine neue Dimension überführt. "Tote Mädchen lügen nicht" verdeutlicht aber auch, dass der materielle Wohlstand keine Garantie für ein glückliches Leben ist.

Die Fernsehserie liefert Lehrern und Eltern einige bedenkenswerte Ansätze zur Mobbing-Prävention. Obwohl sie nicht an Gewalt- und Sexszenen spart, weshalb hin und wieder ein ausdrücklicher Hinweis vor Beginn der entsprechenden Folge erscheint, gilt dies auch für ältere Jugendliche, denen sie etwa die gegenseitige Achtung im Umgang miteinander als Grundlage für zwischenmenschliche Beziehungen nahebringen kann. Allerdings sorgte nach Ausstrahlung der Serie in den Vereinigten Staaten die schonungslose Darstellung des Selbstmords für Kritik. Die Szene verherrliche eine solche Verzweiflungstat, sie könne zur Nachahmung führen, hieß es. "Ihre eindringliche Erzählkunst könnte beeinflussbare Zuschauer dazu verführen, die Entscheidungen der Charaktere zu verklären oder Rachefantasien zu entwickeln", warnte etwa der US-Schulpsychologenverband NASP.

Darüber hinaus bleibt die Serie häufig an der Oberfläche haften. Es wird zwar bemängelt, dass in der Schule eine sexistische "Kultur" herrsche, die sich darin zeige, wie die Jungen die Mädchen behandelten. Der dort dominierenden Hypersexualisierung beziehungsweise Banalisierung der Sexualität wird kaum etwas entgegengesetzt. Wenn Eltern einfach zur Kenntnis nehmen, dass ihre noch minderjährigen Kinder "sexuell aktiv" sind, oder ein Sportlehrer lediglich darauf hinweist, dass sich ein Junge ausdrücklich die Zustimmung des Mädchens einholen muss, ehe er mit ihr verkehrt, geht dies an einer wirklich tragenden Sexualerziehung vorbei. In einer solch permissiven Umgebung, die durch den Alkohol- und auch Drogenkonsum noch verschärft wird, reichen politisch korrekte "Safe Sex"-Parolen kaum aus. Ein tiefergehendes Umdenken hätte "Tote Mädchen lügen nicht" gut zur Gesicht gestanden.

"Tote Mädchen lügen nicht". Zwei Staffeln zu je 13 Folgen, jede Folge 49-69 Minuten, auf Netflix.

 

Foto: Netflix