texte zum film - Dr. phil. José Garcia - Aachen
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FRANZ VON ASSISI UND SEINE BRÜDER

(L´ami - François d´Assise et ses frères) Frankreich/Italien/Belgien, 2016
 
Filmische Qualität:   
Regie: Renaud Fély, Arnaud Louvet 
Darsteller: Elio Germano, Jérémie Renier, Yannick Renier, Éric Caravaca, Marcello Mazzarella, Stefano Cassetti, Thomas Doret, Olivier Gourmet, Alba Rohrwacher 
Laufzeit: 87 Minuten
Genre:  
Publikum: ab 12 Jahren 
Einschränkungen:  
 

José Garcia

 

Im Jahre 1209 reist Franz von Assisi nach Rom, um von Papst Innozenz III. die Bestätigung seiner Ordensregel zu erhalten. Begleitet wird Franz laut der um 1246 verfassten, sogenannten Dreigefährtenlegende von seinen ersten zwölf Gefährten - eine Anspielung auf die zwölf Apostel. Die Bitte um Bestätigung der Regel hat Giotto in einem Fresko festgehalten, das zum Freskenzyklus in der Oberkirche der Basilika San Francesco gehört. Mit dieser Szene setzt auch der italienisch-französisch-belgische Spielfilm "Franz von Assisi und seine Brüder" ein, der nun auf DVD veröffentlicht wurde.

Der Spielfilm von Renaud Fély und Arnaud Louvet sowie ihrer Mit-Drehbuchautoren konzentriert sich auf die Auseinandersetzung um die Ordensregel, die von Franz (Elio Germano) und seinem Vikar und späteren Nachfolger Elias von Cortona (Jérémie Renier) ausgefochten wird. Aus dessen Perspektive erzählt denn auch der Film ? bereits zu Beginn ist seine Off-Stimme ("Wir sind Francesco gefolgt") zu hören.

Obwohl Innozenz III. ein großer Förderer der Franziskaner werden sollte, wurden zu Beginn des 13. Jahrhundert gerade Armutsbewegungen seitens der Kurie mit großer Skepsis betrachtet. Sie betrachtete einige von ihnen gar als häretisch. So schickte sich Innozenz III. im selben Jahre 1209 an, einen Kreuzzug gegen die Katharer oder Albigenser auszurufen. Ohne den historischen Hintergrund näher zu beleuchten, verdichten die Regisseure den Konflikt in der Ablehnung der ursprünglichen, aus Evangelien-Zitaten zusammengestellten Ordensregel. Stein des Anstoßes sind einerseits ein Leben ohne jegliche Besitztümer und andererseits eine Relativierung des unbedingten Gehorsams gegenüber den Oberen.

Kurie und Papst fordern eine Änderung der Regel. Kardinal Ugolino (Olivier Gourmet) plädiert als Franziskaner-Kardinalprotektor für eine Änderung beziehungsweise Abmilderung der Regel. Da Franz nicht dazu bereit ist, versucht es der Kardinal über Elias. Damit ist der Hauptkonflikt in "Franz von Assisi und seine Brüder" skizziert. Profan handelt es sich um eine Freundschaft, die auf den Prüfstand gestellt wird. Für die Kirchengeschichte ist dies eine Frage des Gleichgewichts zwischen der Radikalität des ursprünglichen Charismas und dessen pragmatischer Einbettung in die katholische Kirche. Dazu führen die Regisseure aus: "Die Darstellung des Konflikts um die Urregel, das heißt der Grundsätze des Lebens, nach denen die Mönche leben würden, erlaubte es uns, die ersten Jahre einer radikalen Bewegung in einem Moment zu erzählen, in dem ihr Weiterbestehen in Frage gestellt wurde."

"Franz von Assisi und seine Brüder" verdeutlicht das an mehreren Szenen, in denen es um die von Franz von Assisi angestrebte radikale Armut geht. Elias plädiert dafür, nicht nur vom wilden Ertrag der Natur zu leben, sondern selbst Gemüse anzupflanzen, um Bedürftigen etwas zu essen zu geben und so "die Armut zu bekämpfen". Worauf Franz antwortet: "Die Armut bekämpfen? Man muss die Armut lieben. Den Reichtum muss man bekämpfen."

Elias von Cortona war eine widersprüchliche Gestalt: Er wurde im Jahre 1238 von Gregor IX., dem früheren Kardinal Ugolino, wegen seiner Parteinahme für den exkommunizierten Kaiser Friedrich II. aus dem Orden ausgeschlossen und exkommuniziert, lehnte 1247 eine Versöhnung mit dem Orden ab. Der belgische Schauspieler Jérémie Renier - der wie Olivier Gourmet insbesondere aus den Filmen der Dardenne-Brüder bekannt ist - gestaltet ihn mit einer Vielzahl an Nuancen, die Elias eindeutig zur Hauptfigur im Film macht.

Demgegenüber bleibt der Italiener Elio Germano - in Deutschland bekannt vor allem aus "Mein Bruder ist ein Einzelkind" (2007) und "Das ganze Leben liegt vor Dir" (2008) - etwas eindimensional, wenn auch er die Überzeugungskraft und die Glaubwürdigkeit eines Franz von Assisi darstellen kann. Elio Germano gestaltet Franz von Assisi als jemand, der lebt, wovon er predigt. In ihren wenigen Szenen stellt die italienische Schauspielerin Alba Rohrwacher Klara von Assisi mit bemerkenswerter Zurückhaltung dar, die mit ihrer letzten Rolle in "Meine Tochter - Figlia mia" ganz schön kontrastiert.

Unterstützt von einer schönen, sich nicht in den Vordergrund drängenden Musik zeigt der Film Franz von Assisis Nähe zu den an den Rand der Gesellschaft Gedrängten und insbesondere auch zu den Kindern. Kameramann Léo Hinstin wechselt weite Naturaufnahmen mit Nahaufnahmen der Gesichter ab. Er stellt aber auch einen Gegensatz zwischen der lichten Natur und den klaustrophobischen Innenräumen etwa in der päpstlichen Kurie und dem bischöflichen Palais von Kardinal Ugolino heraus ? dadurch erwecken die Filmemacher den Eindruck, dass die Amtskirche eine charismatische Bewegung einengt. Diese wird nicht nur im Einsatz für die Armen dargestellt, sondern genauso in der Liturgie und insbesondere im Singen von Hymnen ausgedrückt. "Franz von Assisi und seine Brüder" bietet einen gelungenen Einblick in eine komplexe Geschichte, in der christlicher Glaube und eine von Gott empfangene Berufung eine wichtige Rolle spielen.

"Franz von Assisi und seine Brüder". Regie: Renaud Fély und Arnaud Louvet, Frankreich/Italien/Belgien 2016, 87 Minuten, EAN 4009750237496, EUR 12,99

 

Foto: Aeternam Films