texte zum film - Dr. phil. José Garcia - Aachen
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DON´T WORRY, WEGLAUFEN GEHT NICHT

(Don´t Worry, He Won´t Get Far on Foot) USA, 2018
 
Filmische Qualität:   
Regie: Gus Van Sant 
Darsteller: Joaquin Phoenix, Jonah Hill, Rooney Mara, Jack Black, Udo Kier, Tony Greenhand, Beth Ditto, Kim Gordon 
Laufzeit: 95 Minuten
Genre:  
Publikum: ab 16 Jahren 
Einschränkungen:  
 

José García

 

John Callahan (1951-2010) wurde ein berühmter Zeichner von frechen, häufig bitterbösen, manchmal auch zynischen Comics. Seine unverwechselbare, etwas zittrige Linienführung hängt damit zusammen, dass Callahan gelähmt war, nachdem er mit 21 Jahren in betrunkenem Zustand einen Verkehrsunfall baute. Callahan veröffentlichte seine Zeichnungen in mehr als 50 Zeitschriften. Dabei bestand die größte Schwierigkeit, die er überwinden musste, nicht in seiner Behinderung, sondern eher im Alkoholismus - so der Zeichner selbst in seiner 1989 veröffentlichten Autobiographie "Don´t worry, He won´t get far on foot".

Der Buchtitel geht auf eine Comiczeichnung Callahans zurück, auf der drei Sheriffs zu sehen sind, die in der Wüste vor einem leeren Rollstuhl stehen. Diese Worte - wörtlich übersetzt: "Keine Sorge, weit wird er zu Fuß nicht kommen" - sagt einer der Sheriffs. Genau dieser schwarze Humor prägt ebenfalls den Spielfilm von Gus Van Sant mit demselben Originaltitel, der in Deutschland allerdings unter dem Verleihtitel "Don´t worry, weglaufen geht nicht" diese Woche in den Kinos startet.

Das Drehbuch von Gus Van Sant, Jack Gibson und William Andrew Eatman beschränkt sich jedoch auf einen Ausschnitt im Leben des John Callahan, auf die Überwindung der Trunksucht und auf den Beginn seiner Arbeit als Zeichner. Die Handlung beginnt an dem letzten Tag, an dem John (Joaquin Phoenix) laufen kann. Er wacht in Portland, Oregon, noch von der Nacht davor betrunken auf. Bei einer wilden Party lernt er den Witzbold Dexter (Jack Black) kennen, der nicht nur genauso viel wie er selbst trinkt, sondern ihn dazu überredet, zu einer noch wilderen Party zu fahren. Auf dem Weg dorthin schläft Dexter am Steuer ein: Der Fahrer kommt mit leichten Verletzungen davon.

John bleibt aber ab dieser Nacht an den Rollstuhl gefesselt, an den Beinen und teils an den Armen gelähmt. Bald beginnt er mit der Krankengymnastik im Krankenhaus, wo er die Therapeutin Annu (Rooney Mara) kennen und lieben lernt. Sie ermuntert ihn, am Zwölf-Stufen-Programm der Anonymen Alkoholiker sowie an den exklusiven AA-Sitzungen beim exzentrischen Millionär Donnie (Jonah Hill) teilzunehmen. Dank der Schwedin Annu, die später als Stewardess arbeitet, entdeckt John auch sein Talent fürs Zeichnen politisch unkorrekter Cartoons.

Nimmt sich die Geschichte einer schier übermenschlichen Selbstbehauptung schon an sich anregend aus, so ist die Art und Weise, wie sie der Regie-Altmeister Gus Van Sant erzählt, besonders interessant. Im Unterschied zu ähnlichen Filmen - etwa "Ziemlich beste Freunde", mit einem querschnittsgelähmten Hauptcharakter - folgt Van Sant keiner linearen Erzählstruktur, in die einige Rückblenden eingefügt werden. "Don´t worry, weglaufen geht nicht" springt vielmehr ständig von einer Zeitebene in die andere: Von den Sitzungen im gediegenen Haus des Millionär-Hippies Donnie schneidet der Film zu einem Vortrag, den John Callahan vor einem großen Publikum hält, sowie zu den Spazierfahrten hin und her, die John auf seinem motorisierten Rollstuhl durch seine Heimatstadt Portland unternimmt, und die vom Kameramann Christopher Blauvet mit halbdokumentarischem Gestus verfolgt werden, unterstützt von der sensiblen Musik von Danny Elfman. Auf einer dieser Spazierfahrten trifft John auf jugendliche Skateboard-Fahrer, die ihm helfen, als sein Rollstuhl einmal kippt und er auf den Boden fällt. John kommt mit den Jungs ins Gespräch, und zeigt ihnen ein Heft mit seinen Zeichnungen.

Die drei Erzählstränge bilden eine Art Matrjoschka oder Matruschka, diese bunt bemalten, ineinander schachtelbaren russischen Puppen: Die Handlungsstränge sind ineinander verschachtelt, ohne dass es ganz deutlich wird, welcher Strang den äußersten Rahmen darstellt, in den sich die anderen einfügen. Letztendlich spielt dies freilich keine große Rolle. Denn die unterschiedlichen Zeitebenen, zu der auch noch die kurzen Rückblenden über Callahans Leben vor dem Verkehrsunfall zu rechnen sind, geben Momentaufnahmen wieder, die seine Persönlichkeit verdeutlichen. Die Zeitsprünge behindern keineswegs die flüssige Erzählung. Sie geben ihr vielmehr eine besondere Dynamik. Ähnliches gilt für die teils animierten Comiczeichnungen von John Callahan, die Gus Van Sant ebenfalls in die Handlung einbaut. Der Regisseur liefert lediglich einige Beispiele, die aber auch deutlich machen, dass Callahans bitterböser Humor nicht jedermanns Sache waren: Auch wenn er auf eine große Fangemeinde zählen konnte, lehnten auch einige Zeitschriften die Zeichnungen ab. Darüber hinaus erhielt er auch ziemlich giftige Leserbriefe.

Joaquin Phoenix liefert eine herausragende Darstellung des John Callahan, nicht nur wegen der körperlichen Einschränkungen, die es darzustellen gilt. Besonders besticht die Verknüpfung des harten Kampfes gegen die Alkoholsucht mit einem frechen, ja rebellierenden Charakter, den die Krankheit nicht zu brechen vermag. Kann Rooney Mara in ihrem kurzen Auftreten als Annu kaum Eindruck hinterlassen, so bleibt Jonah Hill besonders in Erinnerung: Er verkörpert den manierierten homosexuellen Hippie zurückgenommen, ohne wie bei etlichen von ihm gespielten Rollen ins Chargieren zu verfallen.

 

Foto: NFP

Im Kino: 8/2018 - Auf DVD: 0/0.