texte zum film - Dr. phil. José Garcia - Aachen
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SAFE

(Safe) Großbritannien, Frankreich, USA, 2018
 
Filmische Qualität:   
Regie: (Autoren): Harlan Coben, Danny Brocklehurst 
Darsteller: Michael C. Hall, Amanda Abbington, Amy James-Kelly, Freddie Thorp, Louis Greatorey, Audrey Fleurot, Hannah Arterton, India Fowler, Emmett J. Scanlan, Marc Warren 
Laufzeit: 330 Minuten
Genre:  
Publikum: ab 16 Jahren 
Einschränkungen:  
 

José García

 

"Gated Communities" heißen auf Neudeutsch abgeschlossene und gut bewachte Wohnquartiere für Besserverdienende. Solche geschlossene Wohnsiedlungen gibt es längst auch in Deutschland. In der "gated community" einer britischen Kleinstadt ist die Netflix-Serie "Safe" angesiedelt, die in Koproduktion mit dem französischen Sender Canal+ entstand.

Ein Barbecue, an dem die Siedlungsbewohner teilnehmen, gibt ein idyllisches Bild wieder: helle Fassaden, großzügig geschnittene und äußerlich ansprechende Häuser. Auf dem schönen Rasen spielen vorwiegend Kinder Fußball. Man ist unter sich, denn die ganze Siedlung ist eingezäunt. In die gated community führt eine Zufahrtsstraße hinter einem geschlossenen Tor, an dem in seinem Häuschen der Wachmann sitzt. Einige haben darüber hinaus noch eine codegesicherte Alarmanlage ins Haus eingebaut. Es scheint, dass sich die Siedlungsbewohner sicher fühlen dürfen. Aber der Schein trügt. Darauf weist ironischerweise der Serientitel "Safe" hin — denn "safe", sicher, sind sie trotz aller Sicherheitsvorkehrungen eben nicht.

Die eigentliche Handlung setzt ein, als die Neureichen Jojo (Nigel Lindsay) und Lauren Marshall (Laila Rouass) ein Wochenende auf dem Lande verbringen wollen, um ihren Hochzeitstag zu feiern. Tochter Sia (Amey-Leigh Hickman) soll auf das Haus aufpassen, und nur ja nicht eine Party veranstalten. Und was macht Sia? Natürlich alle möglichen Freunde zu einer Party einladen. Da wird nicht nur getanzt, sondern auch Alkohol und Drogen konsumiert, wobei Sia selbst den Verkauf der Drogen-Pillen in die Hand nimmt. Am nächsten Morgen sind zwei Jugendliche verschwunden. Als der Witwer und Kinderchirurg Tom Delaney (Michael C. Hall) feststellt, dass seine älteste Tochter, die 16-jährige Jenny (Amy-James Kelly), nicht nach Hause zurückgekommen und sie per Handy nicht erreichbar ist, wendet er sich an die Polizei. Die Ermittlungen leitet Kommissarin Sophie Mason (Amanda Abbington), die nicht nur in derselben Siedlung wohnt, sondern auch mit Tom eine Affäre hat.

Der andere Verschwundene ist Jennys 19-jähriger Freund Chris Chahal (Freddie Thorp), dessen Eltern Neil (Joplin Sibtain) und Zoe (Audrey Fleurot) kurz vor der Scheidung stehen. Chris´ Beziehung zu seinem Vater, der vom Verschwinden des Sohnes nicht sonderlich betroffen zu sein scheint, könnte schlechter kaum sein. Übrigens: Zoe Chahal wird später inmitten eines Skandals stehen — einer der Handlungsnebenstränge der achtteiligen Serie.

Weil die Polizei nicht besonders schnell vorankommt, ermittelt Tom Delaney mithilfe seines Freundes und Kollegen Pete Mayfield (Marc Warren) auf eigene Faust. Dabei findet er einige Ungereimtheiten, so etwa dass Überwachungskameras zeigen, wie Jenny nach der Party noch aus der Siedlung wieder herauskam.

Im Mittelpunkt stehen demnach vier Familien: der verwitwete Tom Delaney mit Jenny und der jüngeren Tochter Rachel (Katy Carmichael), Jennys Freund Chris mit seinen Eltern Neil und Zoe Chahal, die Marshalls: Jojo und Lauren mit Tochter Sia und dann noch Sophie Masons Familie, denn sie hat ebenfalls zwei halbwüchsige Kinder; deren von ihr getrennt lebender Mann Josh (Emmett J. Scanlan) haust im Wohnwagen vor ihrem Haus. Die Darstellerriege wird noch von Toms bereits erwähntem Kollege Pete sowie von Sophies neuer Polizeikollegin Emma (Hannah Arterton) vervollständigt. Für Spannung sorgt "Safe" auch deshalb, weil sich fast jeder von ihnen im Laufe der Serie verdächtig macht.

Zeichnete sich die "Netflix"-Serie "Tote Mädchen lügen nicht" durch ihre originelle Dramaturgie aus, jedem Kapitel die Begegnung mit einem anderen Menschen aus der Sicht der Hauptfigur zuzuordnen, so stellt die Dramaturgie von "Safe" fast in jeder Folge das Geheimnis eines Charakters in den Mittelpunkt — was allerdings auch die Schwäche der neuen "Netflix"-Serie ist: Die Dichte an Geheimnissen pro Quadratmeter ist einfach ziemlich unglaubwürdig. Dramaturgisch wird an den Anfang einer jeden der acht Folgen die Party aus je einer anderen Perspektive gestellt.

Mit "Tote Mädchen lügen nicht" hat aber "Safe" ungeachtet der unterschiedlichen Handlung noch etwas gemeinsam: Die Eltern haben im Grunde gar keine Ahnung, was in den Köpfen ihrer Kinder vorgeht, weil zwischen Jugendlichen auf der einen sowie den Eltern auf der anderen Seite Sprachlosigkeit herrscht. "Teenager können grausam sein", sagt verdutzt denn auch einmal eine Mutter.

Das eigentliche Sujet von "Safe" ist die Bedrohung der Familie, nicht nur der verschwundenen Jugendlichen, sondern einer jeden Familie, obwohl sie sich in ihrer geschlossenen Siedlung als "safe" ansahen. Ähnlich "Tote Mädchen lügen nicht" stellt "Safe" unangenehme Fragen zusammen mit der Einsicht, dass der materielle Wohlstand keine Garantie für ein glückliches Leben ist und dass "nichts ewig verborgen bleibt. Die Wahrheit kommt immer heraus".

Im Gegensatz zu anderen Serien, die am Ende einer Staffel einen Cliffhanger einbauen, der zur nächsten Staffel führen soll, sind bei "Safe" nach den acht Folgen alle Fragen beantwortet. Sollte es eine zweite Staffel geben, müsste eine neue Handlung entwickelt werden. Die endgültige Entscheidung darüber wird üblicherweise erst abhängig von den Einschaltquoten gefällt.

"Safe". Autoren: Harlan Coben, Danny Brocklehurst. Eine Staffel mit 8 Folgen, jede Folge 40—45 Minuten, auf "Netflix"

 

Foto: Netflix

Im Kino: 8/2018 - Auf DVD: 0/0.