texte zum film - Dr. phil. José Garcia - Aachen
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MENASHE

(Menashe) USA, 2017
 
Filmische Qualität:   
Regie: Joshua Z. Weinstein  
Darsteller: Menashe Lustig, Ruben Niborski, Yoel Weisshaus, Meyer Schwartz 
Laufzeit: 83 Minuten
Genre:  
Publikum: ab 12 Jahren 
Einschränkungen:  
 

José García

 

Von einem Sorgerechtskampf erzählte erst kürzlich das französische Drama"Nach dem Urteil". Um das Sorgerecht für ein Kind geht es ebenfalls in dem Spielfilm "Menashe" von Joshua Z. Weinstein — allerdings unter ganz anderen Vorzeichen. Denn in dem nahezu ausschließlich auf jiddisch gedrehten und in Brooklyn, New York angesiedelten Film fällt diese Entscheidung kein weltliches Gericht, sondern der Ruv (der Rabbi). Der alleinerziehende Vater Menashe (Menashe Lustig) lebt in Borough Park, einem Stadtviertel im Südwesten von Brooklyn, das sich durch die streng orthodoxe jüdische Gemeinde auszeichnet. Laut New York Times ist die Gegend ein Zentrum des chassidischen jüdischen Lebens mit etwa 200 Synagogen. Sie gilt als die größte chassidische Gemeinschaft außerhalb Israels. Einen Eindruck des von streng orthodoxen "Chassidim" geprägten Stadtbildes gibt die Kamera von Yoni Brook und Joshua Z Weinstein bereits in der ersten dokumentarisch anmutenden Filmsequenz: Überall Männer mit hohen Hüten und langen Mänteln und noch längeren Schaufäden des Gebetsmantels.

Nachdem seine Ehefrau gestorben ist, kann Menashe seinen elfjährigen Sohn Rieven (Ruben Niborski) nur noch zeitweise sehen. Da die Tradition gebietet, dass chassidische Kinder nicht in einem Haushalt ohne Mutter aufwachsen dürfen, lebt Rieven seitdem bei seinem Onkel Eizik (Yoel Wiesshaus). Als Immobilienmakler wohnt dieser in einer schönen Wohnung zusammen mit Frau und Kindern. Seinem Schwager Menashe gegenüber unterstreicht Eizik immer wieder, dass dies für Rieven das Beste sei. Möchte Menashe, dass sein Sohn wieder zu ihm zieht, so soll er wieder heiraten. Dafür gibt es in der Gemeinde sogar einen Heiratsvermittler, der für Menashe Treffen mit verwitweten chassidischen Frauen arrangiert. Aber der korpulente Mann hat es nicht eilig, ja es sieht sogar so aus, dass er überhaupt kein Interesse an einer erneuten Heirat hat. Solange regelt eben der Ruv (Rabbi) (Meyer Schwartz) den Umgang Menashes mit dessen Sohn Rieven.

Der Junge selbst ist hin- und hergerissen: Das Leben bei seinem ordnungsliebenden Onkel kann so einfach sein. Auf der anderen Seite hat Rieven viel Spaß bei seinem etwas chaotischen Vater. Denn Menashe ist ein sprichwörtlicher Shlimazel (Pechvogel), der immer abgehetzt und stets zu spät kommt. Er weigert sich sogar, Hut und Mantel zu tragen. Unter der Weste und dem Hemd trägt er lediglich ein kleines Gebetsunterhemd oder "Tallit katan". Obwohl er sich redlich bemüht, kann er es seinem jüngeren Chef im koscheren Supermarkt nie recht machen. Menashe tritt nicht nur in alle möglichen Fettnäpfchen, Geldprobleme hat er auch noch.

Aber seinen Sohn Rieven liebt er über alles. Und seinem hochnäsigen Schwager will er es doch noch zeigen. Deshalb will Menashe die Jahres-Gedenkfeier für seine verstorbene Frau unbedingt selbst ausrichten, und lehnt das diesbezügliche Angebot Eiziks entschieden ab. Gar nicht so einfach für den tollpatschigen Mann, dem nichts, aber wirklich nichts zu gelingen scheint. Dennoch: Menashe hat sich in den Kopf gesetzt, die traditionelle "Kugl"-Speise selbst zu bereiten.

In seinem ersten abendfüllenden Spielfilm gewährt Dokumentarfilmer Joshua Z. Weinstein einen Einblick in das meist auf ein rabbinisches Oberhaupt ausgerichtetes Leben abseits der Mainstream-Gesellschaft der streng orthodoxen "Charedim". Er hält mit dokumentarischer Präzision das Leben in einer Art Insel mitten in New York fest. Die Kamera geht häufig sehr nah an die Gesichter, sie bewegt sich ebenfalls durch alle Winkel der Wohnungen. Dazu kommen Feste und Rituale: "Menashe" liefert eine Dokumentation über die Lebensumstände und die Sitten einer chassidischen Gemeinde, die sich von ihrer Umgebung abzuschotten scheint.

Zur Authentizität trägt wesentlich bei, dass Regisseur Joshua Z. Weinstein alle tragenden Rollen mit orthodoxen Juden besetzte. Dazu führt Regisseur Weinstein aus: "Andere Schauspieler hätte ich gar nicht nehmen können, außer den Orthodoxen spricht ja niemand Jiddisch." So ist der Schauspieler Menashe Lustig auch in Wirklichkeit Supermarktverkäufer, Witwer, Vater und Chasside. Er spielt sich selbst.

Auch wenn der Regisseur New Yorker ist, blieb ihm die Welt der streng orthodoxen Gemeinde in Borough Park fremd. Obwohl er selbst kein Jiddisch kann, ließ er der Glaubwürdigkeit wegen seine Schauspieler auf jiddisch sprechen. Die Dreharbeiten fanden unter schwierigen Bedingungen an den Originalschauplätzen der Chassidischen Gemeinde statt, in der (zumindest offiziell) niemand einen Fernseher besitzt oder geschweige denn Schauspieler leben.

"Menashe" verknüpft eine universale Geschichte, die der Liebe zwischen Vater und Sohn, mit dem dokumentarischen Blick auf die außergewöhnliche Umgebung. Auch wenn diese Verbindung dem Regisseur Joshua Z. Weinstein und seinen Mit-Drehbuchautoren Alex Lipschultz und Musa Syeed nicht immer ganz glückt, überzeugen die schauspielerischen Leistungen sowohl von Menashe Lustig als auch von Ruben Niborski, der den Sohn mit großem Einfühlungsvermögen darstellt.

So ist "Menashe" ein ganz ungewöhnlicher Film, ein Zeitdokument, das einen Blick auf eine fast in sich geschlossene Welt ermöglicht, vor allem aber ein warmherziger, außerdem mit Situationskomik gespickter Film über die Liebe eines Vaters zu seinem Sohn.

 

Foto: mindjazz / Federica Valabrega

Im Kino: 9/2018 - Auf DVD: 0/0.