texte zum film - Dr. phil. José Garcia - Aachen
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PARADISE NOW

(Paradise Now) Niederlande / Frankreich / Deutschland, 2005
 
Filmische Qualität:   
Regie: Hany Abu-Assad 
Darsteller: Kais Nashef, Ali Suliman, Lubna Azabal, Amer Hlehel, Hiam Abbass 
Laufzeit: 90 Minuten
Genre: Dramen 
Publikum: ab 16 Jahren 
Einschränkungen:  
 

JOSÉ GARCÍA

 

In „"Rannas Wedding" näherte sich Hany Abu-Assad dem israelisch-palästinensischen Konflikt aus palästinensischer Sicht. Einen Schritt radikaler geht es im neuen Film Abu-Assads „Paradise Now“ zu, einem Spielfilm, der mit ähnlich dokumentarischem Grundton konsequent aus dem Blickwinkel von palästinensischen Selbstmordattentätern von einem schier ausweglosen Konflikt handelt.

In Nablus im Westjordanland sind militärische Straßensperren an der Tagesordnung. Die Bevölkerung fühlt sich gedemütigt und hilflos, etwa wenn sie die Grenze zwischen Israel und dem Westjordanland passieren will. Viel zu verlieren haben dort die Freunde Sa?d (Kais Nashef) und Khaled (Ali Suliman) nicht, die sich von Radikalen haben anwerben lassen, in Tel Aviv am Körper mitführenden Sprengstoff detonieren zu lassen. In der mit dem Publikumspreis, dem „Blauen Engel für den besten europäischen Film“ sowie mit dem „Friedenspreis von Amnesty International“ auf den Filmfestspielen Berlin 2005 ausgezeichneten deutsch-französisch- niederländischen Produktion „Paradise Now“ zeigt Regisseur Abu-Assad mit kühler Distanziertheit die Vorbereitungen zum Selbstmordanschlag, die rituellen Waschungen, die Videoaufnahmen mit dem politischen Bekenntnis, den Haarschnitt sowie das Anbringen der Sprengladungen am Leib der „Auserwählten“.

Als Sa?d und Khaled jedoch bereits beim Grenzübertritt von einer israelischen Militärpatrouille entdeckt werden, müssen sie voneinander getrennt fliehen. Für sie beginnt eine Irrfahrt auf der Suche nach den Hamasleuten, mit einer Bombe um den Bauch, die sie nicht selbstständig entschärfen können. Die beiden fangen an, an der Richtigkeit ihres Tuns zu zweifeln. Sa?d, der als Sohn eines Kollaborateurs gegen die Verachtung seiner Umwelt kämpfen musste und etwas von der Schuld seines Vaters wiedergutmachen will, indem er sein Leben für ein Selbstmordattentat zur Verfügung stellt, wird auf seiner Suche nach den Auftraggebern von Angst und Schuldgefühlen geplagt. Dabei trifft er auf Suha (Lubna Azaba), die Tochter eines verehrten „Hamasmärtyrers“, die noch nicht lange im Westjordanland lebt. Selbst aktiv in einer Menschenrechtsorganisation, weckt sie bei ihm Zweifel an dem Sinn und der moralischen Rechtfertigung von Selbstmordattentaten.

Schnörkellos erzählt, schockiert der Film den Zuschauer mit seinen einfachen Mitteln und seiner klaren Filmsprache. Selbstverständlich zeigt er eine einseitige Sicht. Denn „Paradise Now“ beleuchtet nur die Seite der Palästinenser. Trotz des Themas zeichnet sich „Paradise Now“ durch hintergründigen Humor aus, etwa wenn beim Dreh des Bekennervideos mehrmals die Kamera versagt.

Wie werden Menschen zu Selbstmord-Attentätern? Das Verstörende an Hany Abu-Assads „Paradise Now“ (2005) besteht gerade darin, dass seine Protagonisten offensichtlich ganz durchschnittlich junge Männer sind. Der Zuschauer beginnt allmählich zu verstehen, warum diese Menschen eine solche Entscheidung treffen, ohne dass er dieselbe Sichtweise einzunehmen gezwungen wird. Denn Abu-Assad enthält sich jeglicher Schuldzuweisung an die eine oder die andere Partei im Nahost-Konflikt. Dadurch, dass der Regisseur Distanz zu den Figuren entwickelt, gelingt ihm der Spagat, Verständnis für die Handlungen dieser jungen Männer zu wecken, und sich gleichzeitig von den verbrecherischen Aktionen zu distanzieren. Dazu tragen in nicht unerheblichem Maße auch die interessanten Nebenrollen bei, vor allem Frauenfiguren wie die von Lubna Azaba dargestellte, emanzipierte Suha, oder die von Hiam Abbas verkörperte Mutter Sa?ds.

 

Foto: Constantin