texte zum film - Dr. phil. José Garcia - Aachen
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PIANIST, DER

(The Pianist) Polen/Deutschland/Frankreich/Großbritannien, 2002
 
Filmische Qualität:   
Regie: Roman Polanski 
Darsteller: Adrien Brody, Thomas Kretschmann, Frank Finlay 
Laufzeit: 148 Minuten
Genre: Zwischenmenschliche Beziehungen 
Publikum: ab 12 Jahren 
Einschränkungen:  
 

JOSÉ GARCÍA

 

Kunstwerke schärfen den Blick für Dinge, die uns eigentlich geläufig sind. Mögen wir etwa Sonnenblumen oder Seerosen tausendmal gesehen haben: Wenn wir die Sonnenblumen Van Goghs oder die Seerosen Monets betrachten, sehen wir diese Blumen mit neuen Augen. Wer Imre Kertész’ „Roman eines Schicksallosen“ liest – der übrigens, nachdem der Autor mit dem Literatur-Nobelpreis 2002 ausgezeichnet wurde, nun verfilmt werden soll –, macht eine ähnliche Erfahrung: So oft er vom Holocaust gehört und gesehen haben mag, nach der Lektüre des Romans wird er ganz neue Aspekte entdeckt haben.

Die neue Regiearbeit Roman Polanskis „Der Pianist“ schärft ebenfalls unseren Blick für ein Kapitel deutscher Geschichte, von dem wir tausendmal gehört haben, im Geschichtsunterricht, in den Medien und nicht zuletzt in dessen Aufarbeitung im Kino, etwa in Steven Spielbergs „Schindlers Liste“ (1993). Sie lässt uns jedoch dieses Kapitel ebenfalls mit neuen Augen sehen.

„Der Pianist“ erzählt basierend auf dem Erinnerungsbuch „Das wunderbare Überleben“ (1998, Econ Verlag) von Wladyslaw Szpilman die unglaubliche, aber dennoch wahre Geschichte vom Überleben des polnisch-jüdischen Pianisten im Warschau des Zweiten Weltkrieges. Wladyslaw Szpilman starb am 6. Juli 2000 im Alter von 88 Jahren in Warschau, schrieb seine Erlebnisse allerdings kurz nach dem Krieg.

Der Film setzt 1939 mit dem deutschen Angriff auf Warschau ein, der Szpilmans Radio-Klaviervortrag abbricht. Die gebildete und wohlhabende Familie Szpilman erlebt die schrittweise Erniedrigung der jüdischen Bevölkerung durch die deutschen Besatzer: Geld und Besitztümer werden konfisziert, das Tragen einer Armbinde mit dem blauen Davidstern verordnet. Demütigungen, Schläge und Exekutionen auf den Straßen gehören zum Alltag. Bald müssen sie sich wie alle anderen Juden in einen engen und durch eine Mauer vom Rest der Stadt abgetrennten Bezirk begeben, das Warschauer Ghetto.

Die ersten Transporte in die Konzentrationslager beginnen im Frühjahr 1942. Der Einsatz eines jüdischen Ghettopolizisten rettet den Pianisten in letzter Sekunde. Doch seine Familie muss in den Zug einsteigen, Szpilman wird sie nie wieder sehen. Ihm gelingt die Flucht aus dem Ghetto. Für den Rest des Krieges wird er nun vom Versteck zum Versteck wandern, immer in der Ungewißheit, in jedem Augenblick entdeckt zu werden.

Roman Polanski überlebte selbst das Krakauer Ghetto und die Bombennächte in Warschau und verlor seine Mutter in Auschwitz. In seiner vierzigjährigen Regisseurkarriere hatte er sich nie mit diesem Kapitel polnischer Geschichte auseinander gesetzt, weil er keine filmische Autobiografie liefern wollte. Erst die Memoiren Wladyslaw Szpilmans ermöglichten ihm, eine Lebensgeschichte zu verfilmen, die zwar nicht die seine ist, in der er jedoch seine Kindheitserinnerungen wiederaufleben lassen konnte. Ohne sich der Hollywood-Machart anzunähern, legte Polanski großen Wert auf Authentizität, wie Marek Edelman, letzter noch lebender Anführer des Ghettoaufstandes, bescheinigt: „Das ist ein sehr wahrhaftiger Film: authentisch in seinen Bildern, im Verhalten der Leute und in dem, was sie durchmachten. Und das Ghetto wirkt, als wäre es lebendig, als würde man heute durch seine Straßen gehen.“

Polanski erzählt unaufdringlich, ohne auf Effekthascherei zu setzen. Dies hängt zum größten Teil damit zusammen, dass der Film die Perspektive Wladyslaw Szpilmans übernimmt. So sind etwa die einzigen Bilder, die wir im Zusammenhang mit Konzentrationslagern sehen, das Besteigen des Zuges durch die Familie Szpilman. Das Niederwalzen des Ghettoaufstandes erlebt der Zuschauer vom Fenster eines Verstecks aus, in dem sich der Pianist verborgen hält. Aber auch weitere Gräueltaten wie spontane Erschießungen werden mit geradezu verstörender Lakonie inszeniert.

„Der Pianist“ ist ein ergreifender Film, niemals aber eine Anklage und schon gar keine Schwarzweißmalerei. Darin kommen gute und böse Polen vor, genauso wie gute und böse Juden und gute und böse Deutsche: der polnische Arzt, der sein Leben aufs Spiel setzt, um den erkrankten Szpilman in seinem Versteck zu behandeln, oder die vielen Freunde, die ihm Unterschlupf bieten, der jüdische Kollaborateur, der bei der Deportation den Pianisten aus der Reihe zerrt und hinter seinem Rücken versteckt, aber auch der Wehrmachtsoffizier, der nicht erst mit der Niederlage der Deutschen die Menschlichkeit entdeckt und den Pianisten in den letzten Wochen des Kriegs mit Nahrungsmitteln versorgt und ihm sogar seinen Offiziersmantel schenkt.

Polanski trägt niemals dick auf. Wie ein Kunstmaler komponiert er mit wunderbar feinen Pinselstrichen ein erschütterndes Bild über Dinge, die wir zu kennen glaubten. „Der Pianist“ gewann die Goldene Palme bei den diesjährigen Filmfestspielen in Cannes. Die größte Anerkennung für einen Film können ihm indes nur die Zuschauer zusprechen: Wer „Der Pianist“ gesehen hat, wird die Welt neu wahrnehmen. Und gerade dies zeichnet Meisterwerke aus.