texte zum film - Dr. phil. José Garcia - Aachen
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LEBEN DER ANDEREN, DAS - Kinofilm

(Das Leben der anderen) Deutschland, 2005
 
Filmische Qualität:   
Regie: Florian Henckel von Donnersmarck 
Darsteller: Ulrich Mühe, Martina Gedeck, Sebastian Koch, Ulrich Tukur, Thomas Thieme, Hans-Uwe Bauer, Volkmar Kleinert, Herbert Knaup 
Laufzeit: 137 Minuten
Genre: Historische Filme 
Publikum: ab 16 Jahren 
Einschränkungen:  
 

JOSÉ GARCÍA

 

In ihrem mit vier französischen Filmpreisen „César“ ausgezeichneten Spielfilmdebüt „Le goût des autres“ („Lust auf anderes“, 2000) erzählt die französische Regisseurin Agnès Jaoui vom Aufeinanderprallen zweier Welten, als sich ein Fabrikbesitzer in eine Theaterschauspielerin verliebt.

Für sein Spielfilmdebüt „Das Leben der anderen“ ging Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck zwar von einem ganz anderen Bild aus, wie er selbst im von Suhrkamp Verlag herausgegebenen, gleichnamigen Filmbuch darlegt. Zwischen beiden Spielfilmen fallen jedoch Parallelen ins Auge, zumal der Filmtitel „Das Leben der anderen“ an Jaouis Film „Le goût des autres“ (wörtlich: „Der Geschmack der anderen“) unweigerlich erinnert.

Sowohl in „Le goût des autres“ als auch in „Das Leben der anderen“ stellt ein Theaterbesuch den Kristallisationspunkt im Zusammenstoß zweier Lebenswirklichkeiten dar: Die Konfrontation zwischen der Theaterwelt und dem kapitalistischen Kulturbanausentum in „Le goût des autres“ wird in „Das Leben der anderen“ zum Zusammenprall zwischen dem Künstlermilieu der DDR und dem Überwachungsapparat der Staatssicherheit Mitte der achtziger Jahre.

In „Das Leben der anderen“ verliebt sich bei einem Theaterbesuch DDR-Minister Bruno Hempf (Thomas Thieme) in die Hauptdarstellerin Christa-Maria Sieland (Martina Gedeck). Um ihren Lebensgefährten aus dem Weg zu räumen, lässt der Minister den als linientreu geltenden Theaterregisseur Georg Dreyman (Sebastian Koch) überwachen. Oberstleutnant Anton Grubitz (Ulrich Tukur), Leiter der Abteilung Kultur bei der Staatssicherheit, beauftragt mit diesem „operativen Vorgang“ seinen früheren Studienfreund, den Stasi-Hauptmann Gerd Wiesler (Ulrich Mühe).

Sitz Wiesler zunächst teilnahmslos vor der Abhöranlage, so beginnt er allmählich in „das Leben der anderen“ einzutauchen. Der Kontrast zwischen seinem leeren Leben und einer von der Musik, der Literatur und der offenen Diskussion bestimmten, ihm bis dahin fremden Welt, zwischen seiner nur durch den gelegentlichen Besuch einer Prostituierten unterbrochenen Einsamkeit und dem privaten Glück des Liebespaares lässt ihn an seinen Prinzipien zweifeln. Der Stasischnüffler wird allmählich zum heimlichen Beschützer seiner Überwachungsobjekte.

Bis in die Nebenrollen prominent besetzt, besticht „Das Leben der anderen“ durch die schauspielerische Glanzleistung der Darsteller, allen voran Ulrich Mühe, dem es ohne jedes Pathos, vielmehr mit minimalem Mienenspiel gelingt, die tiefgreifende innere Wandlung darzustellen. Aber auch Martina Gedeck brilliert in der Rolle des Theaterstars, der in einem unmenschlichen System letztlich zerbricht.

„Das Leben der anderen“ ist darüber hinaus eine fein austarierte Mischung aus Politthriller, menschlichem Drama und DDR-Gesellschaftsgemälde, das einen höchst aufschlussreichen Kontrast zu DDR-Komödien wie „Good Bye, Lenin“ bildet. Für das Drehbuch recherchierte Florian Henckel von Donnersmarck vier Jahre lang. In einem Interview mit dem Bayerischen Fernsehen führt er dazu aus: „Die Recherchen erforderten viel Aufwand. Treffen mit Zeitzeugen, ehemaligen Stasi-Angehörigen und ihren Opfern, Dichtern aus der Zeit und sehr viel Theaterleuten, ein ganz bestimmtes Milieu, wo man keinen falschen Ton treffen darf.“ Über die Plausibilität der Filmfigur schreibt Manfred Wilke, Leiter der Abteilung Lankwitz des Forschungsverbundes SED-Staat an der Freien Universität Berlin, im erwähnten Filmbuch: „Mit der Figur Wiesler rückt der Film eine gebrochene Biografie aus der DDR in den Mittelpunkt und zeigt in überzeugender Weise die Mechanismen der Repression im SED-Staat und wie in seiner Endzeit ein Kommunist erkennt, dass er nicht für einen Menschheitstraum Feinde jagt, sondern im Interesse einer zynischen Clique an der Spitze von Partei und Staat Menschen verfolgt, die ihr eigenes Leben selbstbestimmt gestalten wollen.“

Um das DDR-typische Grau in Grau wiederzugeben, erarbeitete der Regisseur eine spezielle Farbskala: „Wir ließen bestimmte Farben ganz aus. Blau haben wir mit Grün substituiert, Rot durch Orange. Insgesamt eine Welt aus Braun, Beige, Orange. Und nicht viel Weiß oder Schwarz.“ Nur die Musik zeigt sich zuweilen eine Spur zu aufdringlich.

Beim diesjährigen Bayerischen Filmpreis wurde „Das Leben der anderen“ in vier Kategorien (darunter „Drehbuch“ und „Nachwuchsregie“ für Florian Henckel von Donnersmarck sowie „Bester Darsteller“ für Ulrich Mühe) ausgezeichnet. Für den Deutschen Filmpreis 2006, dessen Nominierungen am Donnerstag in Berlin bekannt gegeben werden sollen, gilt der Film als Favorit. Aber „Das Leben der anderen“ bedeutet noch mehr: Ähnlich Oliver Hirschbiegels „Der Untergang“ (siehe Filmarchiv) markiert er eine Zäsur in der filmischen Auseinandersetzung mit einem Kapitel deutscher Zeitgeschichte.

 

Foto: Buena Vista International