FRÜHLING IM HERBST | Babí Letó
Filmische Qualität:   
Regie: Vladimír Michálek
Darsteller: Vlastimil Brodský, Stella Zázvorková, Stanislav Zindulka, Ondrej Vetchy, Zuzana Fialová
Land, Jahr: Tschechische Republik 2001
Laufzeit: 98 Minuten
Genre: Komödien/Liebeskomödien
Publikum: ab 16 Jahren
Einschränkungen: --


JOSÉ GARCÍA
Foto: MFA +

Einem erfüllten Leben im so genannten Ruhestand widmete sich zuletzt der US-amerikanische Spielfilm „About Schmidt“ (siehe Filmarchiv), der vor allem von der durch den Hauptdarsteller vermittelten Glaubwürdigkeit lebte. Dieser angesichts der demografischen Entwicklung in Europa immer aktueller werdenden Frage wendet sich nun der tschechische Regisseur Vladimír Michálek in seinem Film „Frühling im Herbst“ („Babí Letó“) zu, der zwar bereits aus dem Jahre 2001 stammt und mehrere Auszeichnungen – vier tschechische Löwen, den Großen Publikumspreis des Cleveland International Film Festival (2002) sowie eine Nominierung als Bester Europäischer Film beim Europäischen Filmpreis – gewann, im deutschen Kino aber erst am 29. Januar 2004 startet.

Im Mittelpunkt von „Frühling im Herbst“ steht Frantisek Hána, genannt „Fanda“, ein pensionierter Theaterschauspieler, der sich dem 80. Geburtstag nähert, und der sich hartnäckig weigert, das typische Rentnerdasein zu führen. Statt dessen treibt er zusammen mit seinem ehemaligen Theaterkollegen Eda allerlei Späße: einmal tritt er als pensionierter Dirigent der New Yorker Oper auf, der nach einer erfolgreichen Karriere einen Alterssitz in seiner tschechischen Heimat sucht, einmal spielt er in der Prager U-Bahn den Fahrkartenkontrolleur, der bei jungen Frauen für einen Kuss ein Auge zudrückt.

Fandas Leben könnte also ein fantastisches Abenteuer sein, wären da nicht der Immobilienmakler, der ihm auf die Schliche kommt und von ihm Schadensersatz fordert, seine Frau Emilie, die von Fandas Eskapaden genug hat und nach 44 Jahren Ehe so entfremdet zu sein meint, dass sie die Scheidung einreicht, oder sein Sohn Jára, der die Eltern ins Altersheim abschieben möchte, um die elterliche Wohnung beziehen zu können.

„Frühling im Herbst“ ist ein unscheinbarer Film, der von den einfachen Freuden des Alltags handelt, von der Weigerung, den Lebensabend mit Kreuzworträtseln oder mit dem Formulieren der eigenen Todesanzeige auszufüllen, regungslos vorm Fenster sitzend auf den Tod zu warten, oder sich von rücksichtslosen Kindern ins Altersheim abschieben zu lassen. Dieser kleine große tschechische Film erzählt aber auch von lebenslanger Freundschaft, eint die Theaterkollegen Fanda und Eda doch die wunderbarste Männerfreundschaft, die das Kino seit langem gesehen hat, sowie von lebenslanger Liebe. Mehr noch als in der Versöhnung der Eheleute vor der Familienrichterin, die eigentlich die Scheidung aussprechen sollte, kommt dies zum Ausdruck, als Emilie begreift, dass ihr Fanda in den vier Wänden ihrer Wohnung nicht glücklich werden kann und sich mit ihm zu einem letzten Streich aufmacht.

Die unaufgeregte Kameraführung, der ruhige Erzählfluss, der unaufdringliche Soundtrack lassen den Schauspielern genügend Raum, die drei zentralen Charaktere zu entwickeln. Dass sich der inzwischen verstorbene Schauspieler Vlastimil Brodský in der Rolle des Fanda sichtlich wohl fühlt, ist kein Zufall: Drehbuchautor Jirí Hubac hat die Rolle des ältlichen Herren dem in der Tschechischen Republik populären und im Westen durch seine bei der Berlinale 1975 ausgezeichnete Hauptrolle in Frank Beyers „Jakob der Lügner“ bekannt gewordenen Brodský auf den Leib geschnitten. Aber auch die hohe Schauspielkunst Stella Zázvorkovás als Emilie und Stanislav Zindulkas als Eda tragen entscheidend dazu bei, dass „Frühling im Herbst“ zu einer bewegenden Komödie mit vielen Zwischentönen über das Altern in Würde wird.
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