REMEMBER - VERGISS NICHT, DICH ZU ERINNERN | Remember
Filmische Qualität:   
Regie: Atom Egoyan
Darsteller: Christopher Plummer, Martin Landau, Jürgen Prochnow, Bruno Ganz, Dean Norris, Heinz Lieven
Land, Jahr: Deutschland / Kanada 2015
Laufzeit: 90 Minuten
Genre:
Publikum: ab 16 Jahren
Einschränkungen: --
Auf DVD: 6/2016


José Garcia
Foto: Tiberius Film

Der 90-jährige Zev (Christopher Plummer) gehört zu den wenigen noch lebenden Holocaust-Überlebenden. Auch 70 Jahre nach der Befreiung des KZ Auschwitz können viele nicht vergessen, dass ihre Angehörigen dort ermordet wurden, so etwa Zevs Freund Max (Martin Landau). Bei Zev ist es allerdings komplizierter. Denn inzwischen ist er schwer dement. Zu Beginn von Atom Egoyans "Remember - Vergiss nicht, dich zu erinnern", der nun als DVD veröffentlicht wird, wirkt er desorientiert: Als er wach wird, ruft er nach seiner Frau Ruth. Sie ist jedoch bereits vor zwei Wochen gestorben. Zev und Max leben seit Jahrzehnten in den Vereinigten Staaten, zuletzt in einem Altenheim. Offen bleibt es in Egoyans Film, ob sich die beiden vorher kannten, ob sie sich nach Jahren im Altenheim wieder getroffen oder aber erst hier kennengelernt haben. Jedenfalls haben sie offensichtlich gemeinsam einen Plan ausgeheckt, der nun nach Ruths Tod ausgeführt werden soll. Denn Max hat erfahren, dass der KZ-Blockführer, der für die Ermordung ihrer Familien verantwortlich war, seit Kriegsende unter dem Namen Rudy Kurlander in den Vereinigten Staaten lebt. Max würde gerne selbst "Kurlander" suchen und ihn umbringen. Aber er ist nicht nur an den Rollstuhl gefesselt, sondern braucht auch noch künstliche Sauerstoffzufuhr. An eine Reise ist in dieser Verfassung gar nicht zu denken.

Nicht so Zev. Körperlich ist er für sein Alter erstaunlich rüstig. Wenn nicht die Demenz wäre... Damit er zurechtkommt, hat ihm Max einen ausführlichen Brief mit bis in die Details durchdachten Anweisungen geschrieben, so etwa, wo Zev eine Waffe kaufen kann. Max hat offenbar alles generalstabmäßig vorbereitet. Und damit nichts schiefläuft, ruft er Zev immer wieder in den verschiedenen, vorher gebuchten Unterkünften an. Max hat auch daran gedacht, dass Zev nicht vergessen darf, den Brief zu lesen. Denn jeden Morgen, wenn er aufwacht, ruft er nicht nur nach seiner Frau Ruth. Er hat darüber hinaus vergessen, wo und warum er sich gerade befindet. Deshalb schreibt er sich auf den Arm nah an der KZ-Tätowierung gerade diesen Satz: "Brief lesen". So macht sich Zev mitten in der Nacht auf den Weg, um den Peiniger seiner Familie zu finden. Allerdings stellt sich bald heraus, dass unter den Namen Rudy Kurlander noch vier Menschen in den Vereinigten Staaten beziehungsweise Kanada leben. Nun muss Zev den richtigen Kurlander finden und dafür eventuell durch das ganze Land kreuz und quer reisen.

Bei der Suche stößt er auf einen Altnazi, der allerdings nicht in Auschwitz gewesen ist - was er auch nachweisen kann. Ein zweiter war zwar in Auschwitz, nur eben als Inhaftierter. Der dritte ist schon vor drei Monaten gestorben. Aber sein Sohn erweist sich ebenso als Hitler-Bewunderer wie sein Vater. Nur dass dieser nicht in einem KZ, sondern als Koch in der Wehrmacht tätig war. Geradezu grotesk mutet es an, dass ausgerechnet er zeit seines Lebens darauf stolz gewesen ist, als Zehnjähriger in der Reichspogromnacht Scheiben von jüdischen Geschäften eingeworfen zu haben. Erst beim vierten Kurlander wird Zev fündig.

Der Film spart einerseits mit grotesken Momenten nicht, die beispielsweise mit der Pistole zusammenhängen, die Zev in einem Kulturbeutel ständig bei sich trägt. Darüber hinaus betont Atom Egoyan Einiges überdeutlich, nicht nur durch die penetrante Filmmusik von Mychael Danna. So ist eine Szene bezeichnend, in der Kaffee über den Brief geschüttet wird, so dass Zev ihn neu schreiben muss - damit auch der letzte Zuschauer dessen Inhalt mitbekommt.
Auf den ersten Blick kann "Remember - Vergiss nicht, Dich zu erinnern" wohl kaum als ein Film über die Holocaust-Aufarbeitung bezeichnet werden. Oberflächlich betrachtet ist Egoyans neuer Film eher ein Roadmovie- oder Rachethriller, dessen genreüblichen Regeln in der Dramaturgie samt detailreicher Schilderung und überraschenden Wendungen er auch folgt. Dadurch, dass Zev sich jeden Morgen neu vergewissern muss, wer er ist und was er tun will, erinnert Egoyans Film an Christopher Nolans "Memento" (2000): In Nolans Film leidet die Hauptfigur Leonard nach einem traumatischen Ereignis am Verlust des Kurzzeitgedächtnisses. Um sich auf der Suche nach einem Mörder an wichtige Dinge zu erinnern, macht Leonard nicht nur Polaroid-Fotos und schreibet sich Notizen. Darüber hinaus tätowiert er sich wichtige Hinweise.

Allerdings geht es in "Remember - Vergiss nicht, Dich zu erinnern" mehr als lediglich um die Suche eines Mörders. Insbesondere durch die hervorragende schauspielerische Leistung des inzwischen 86-jährigen Christopher Plummer, aber auch des fast 88-jährigen Martin Landau sowie durch die kurzen Auftritte von Bruno Ganz, Heinz Lieven und Jürgen Prochnow erhält der Film des armenisch-stämmigen Regisseurs Atom Egoyan eine besondere Tiefe. "Remember - Vergiss nicht, Dich zu erinnern" stellt allgemein gültige Fragen nach dem Fortwirken geschichtlicher Ereignisse und konkret des eigenen Handelns. Der Rachegedanke, der auch in anderen Filmen von Atom Egoyan ("Das süße Jenseits" 1991, "Ararat" 2002) eine zentrale Rolle spielt und unerwartet zum Verhängnis wird, steht ebenfalls im Mittelpunkt seines aktuellen Films - nun im Zusammenhang mit dem Holocaust. Unter der äußeren Thriller-Handlung stellt er Fragen nach Verdrängung und Erinnerung sowie nach Schuld und Sühne.
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