HANNAS SCHLAFENDE HUNDE | Hannas schlafende Hunde
Filmische Qualität:   
Regie: Andreas Gruber
Darsteller: Hannelore Elsner, Franziska Weisz, Nike Seitz, Rainer Egger, Christian Wolff, Johannes Silberschneider
Land, Jahr: Deutschland, Österreich 2015
Laufzeit: 0 Minuten
Genre:
Publikum: ab 12 Jahren
Einschränkungen: --
im Kino: 6/2016


José García
Foto: Alpenrepublik

Wels, Oberösterreich, 1967. Der nach dem gleichnamigen, offenbar autobiografischen Roman von Elisabeth Escher entstandene Spielfilm "Hannas schlafende Hunde" beginnt mit einer Familie, die sich auf den Weg zur Kirche macht. Familie Berger gehört zu den eifrigen Gottesdienstbesuchern der katholischen Gemeinde von Pfarrer Angerer (Johannes Silberschneider). Die neunjährige Johanna (Nike Seitz) fühlt sich in der Kirche wohl. Nicht so sehr jedoch in der Schule, wo sie von einem Klassenkameraden hören muss: "Meine Mutter hat Recht. Am besten hat man nichts mit Euch zu tun". Auch die Religionslehrerin Frau Doringer (Michaela Rosen) behandelt sie besonders streng, und fragt Johanna über ihre Großmutter aus: "Woher kommt Deine Oma?" Auf eine solche Frage bekommt die Neunjährige zu Hause keine Antwort. Denn ihre Mutter Katharina (Franziska Weisz) zeigt sich verschlossen. Die Familie soll vor allem eins: Nicht auffallen! Fügt sich ihr Ehemann Franz (Rainer Egger) dem Diktum seiner Frau, so stemmt sich Johannas erblindete Großmutter Ruth (Hannelore Elsner) dem Schweigen ihrer Tochter entgegen. ?Eines Tages kommt alles raus und fliegt dir um die Ohren?.

Was herauskommen soll, wird dem Zuschauer von Anfang an deutlich, auch wenn es eine Stunde Filmzeit braucht, bis es die kleine Johanna erfährt: Ihre Großmutter Ruth ist Jüdin. Deshalb sind es auch ihre Mutter Katharina und sie selbst. Die Einzelheiten, wie Ruth und ihre damals kleinen Töchter Katharina und Lisbeth (Seraphine Rastl) den Krieg überlebten, und sie selbst dabei erblindete, werden zwar erst nach und nach bekannt. Aber dass Ruth ihre Enkelin nicht Johanna, sondern Hanna nennt, spricht aber schon dafür. Auf die Frage, warum sie weiterhin Sonntag für Sonntag in die katholische Kirche geht, antwortet die alte Dame: "Die einzigen, die uns damals geholfen haben, waren der junge Kaplan und Frau Leeb. Ich gehe zur Kirche aus Dankbarkeit."

Diese Aussage bezieht sich zwar auf das Kriegsende. Aber auch jetzt, 22 Jahre danach, ist die Stimmung im Dorf nicht anders. Drehbuchautor und Regisseur Andreas Gruber zeigt dies überdeutlich, beispielsweise dadurch, dass die "alten Kameraden" bei einer Gedenkfeier, bei der das "Horst Wessel-Lied" gesungen wird, verkünden: "Der 8. Mai war für uns kein Tag der Befreiung, sondern der Niederlage". Zu den Immer-Noch-Nazis gehört nicht nur Lisbeths Mann Wolfgang (Paul Matic), sondern insbesondere auch Hausmeister Herr Leitinger (Christian Hoening), der Familie Berger von oben herab behandelt. Die Art, wie Leitinger Maulwürfe bekämpft - er leitet die Auspuffgase seines Mopeds in den Maulwurfshügel - verweist auf die Gaskammern. Ähnlich lässt sich seinen Ausruf deuten, als eine alte Bombe entdeckt und bei der Explosion sein kleiner Hund getötet wird: "Diese Kriegsverbrecher, diese Unmenschen!". Und selbstverständlich schläft der Hund hinter dem Zaun im Nachbargarten - als überdeutliches Symbol für die schlafende Hunde, die eine aufgeweckte Neunjährige mit ihrer bohrenden Neugier weckt.

Derweil schweigt Katharina gegenüber den Übergriffen des Trunkenboldes Leitinger auf ihre Tochter, den Gewalttätigkeiten ihres Schwagers oder auch den freundlichen Annährungen des Bankdirektors a.D. Öllinger (Christian Wolff), obwohl sie jedes Mal buchstäblich Brechreiz bekommt, wenn sie Direktor Öllinger begegnet. Doch all das soll anders werden, als Johanna ihre jüdische Identität entdeckt. Auf die Frage, ob sie Jüdin sei, antwortet ihre Großmutter: "Natürlich, aber kein Grund, solch einen Zirkus zu veranstalten. Jeder soll sein, was er ist".

Einen "Zirkus" aber macht der Film beispielsweise um den Bankdirektor a.D. Was zwischen ihm und Katharina vorgefallen sein mag, kann sich der Zuschauer von Anfang an denken. Warum es als ein großes Geheimnis darstellen, das erst nach zwei Drittel der Filmzeit "enthüllt" wird? Demgegenüber lässt der Film "Hannas schlafende Hunde" den Zuschauer in anderen, wesentlichen Fragen im Unklaren: Wenn der "Blockwart" während des Kriegs eine andere, gegenüber wohnende jüdische Familie der Gestapo denunzierte, warum tat er das nicht mit Ruth und ihren Töchtern? Wenn in der Kleinstadt die Hitler-Anhänger immer noch ein solches Gewicht haben, warum zog Ruth mit ihren Töchtern nach dem Krieg nicht in eine andere, in eine Großstadt?

In seiner unterschwelligen Kritik des katholischen Milieus, in dem "Hannas schlafende Hunde" angesiedelt ist, greift Autor und Regisseur Andreas Gruber außerdem etwas daneben. So etwa, wenn er Ruth zu seiner Tochter sagen lässt: "Typisch katholisch. Da kannst du schön leiden, und die anderen sollen es gefälligst auch." Denn katholisch ist diese Haltung gerade nicht. Katholisch wäre es vielmehr, Leiden gerne auf sich zu nehmen, damit die anderen eben nicht leiden.

Nach den Auseinandersetzungen der letzten Jahrzehnte um die so genannte Karfreitagsfürbitte wird wohl kaum jemand behaupten wollen, "die Juden" seien am Kreuzestod Christi schuld. Nachdenklich stimmt dennoch die Aussage des Pfarrers "Die Juden, das waren die erste große Liebe vom lieben Gott, aber dann haben sie unseren Herrn Jesus Christus kreuzigen lassen" insofern, als die Frage, warum die (meisten) Juden Jesus nicht als Messias anerkannten, zu den grundlegenden Geheimnissen der Weltgeschichte gehört.

Diese Unstimmigkeiten belasten einen Film, der mit einer überaus natürlich spielenden Nike Seitz den latenten oder gar offenen Antisemitismus nach dem Krieg anprangert.
Diese Seite ausdrucken | Seite an einen Freund mailen | Newsletter abonnieren