THE GIRL KING | The Girl King
Filmische Qualität:   
Regie: Mika Kaurismäki
Darsteller: Malin Buska, Sarah Gadon, Michael Nyqvist, François Arnaud, Hippolyte Girardot, Lucas Bryant, Laura Birn, Martina Gedeck, Peter Lohmeyer, Patrick Baucha, Jannis Niewöhner
Land, Jahr: Finnland, Deutschland, Kanada, Schweden 2015
Laufzeit: 106 Minuten
Genre:
Publikum: ab 16 Jahren
Einschränkungen: X
im Kino: 7/2016
Auf DVD: 3/2017


José Garcia
Foto: NFP

Kristina (oder Christina) von Schweden (1626-1689) galt zeit ihres Lebens als exzentrisch. Ihr Vater Gustav II. Adolf Wasa (1594-1632) ließ sie wie ein Junge erziehen - daher auch der Filmtitel des gerade angelaufenen Spielfilmes von Michel Marc Bouchard (Drehbuch) und Mika Kaurismäki (Regie) "The Girl King". Das von Ambivalenzen geprägte Leben der Tochter des größten protestantischen Fürsten im Dreißigjährigen Krieg, die zum Katholizismus konvertierte, der Frau, die stets in Männerkleidung auftrat und nie heiraten wollte, bietet fiktionalen Filmwerken ausreichenden Raum für Spekulationen.

Der Spielfilm "Königin Christina" (Rouben Mamoulian, 1933) mit Greta Garbo in der Hauptrolle begründete Kristinas Verzicht auf den schwedischen Thron mit ihrer Liebe zum Botschafter von Spanien. Wegen der Unmöglichkeit einer Ehe mit einem Katholiken habe sie auf den Thron verzichtet. In "The Abdication" (Anthony Harvey, 1974) steht die Liebesbeziehung der nach Thronverzicht und Konversion in Rom lebenden ehemaligen Königin Kristina (Liv Ullman) zu ihrem Gönner, dem Kardinal Azzolino (Peter Finch), im Mittelpunk - solche Mutmaßungen hegten tatsächlich Kristinas Zeitgenossen. In "The Girl King" konzentrieren sich Bouchard und Kaurismäki in Liebesdingen auf eine weitere Spekulation im Leben von Kristina von Schweden, auf ihre angebliche lesbische Neigung: "Du hast sie zum Mann erzogen, und wunderst Dich, dass sie Frauen mag", heißt es etwa an einer Stelle. Zeichnete 1933 Rouben Mamoulian das Verhältnis zwischen der Königin und ihrer Hofdame als eine Art schwärmerische Zuneigung, so schildert "The Girl King" das Verhältnis zwischen Kristina (Malin Buska) und Komtess Ebba Sparre (Sarah Gadon) unzweideutig als lesbische Beziehung. Der historische Kern geht auf das "Amt" des "königlichen Bettgefährten" zurück, der in "The Girl King" ausdrücklich erklärt wird: An kalten Tagen lässt die Königin das Bett durch die "königliche Bettgefährtin" wärmen, ehe sie sich ins Bett begibt. Eine besondere Zuneigung zu Ebba Sparre (1626-1662) ist allerdings wohl in Kristinas Korrespondenz dokumentiert.

"The Girl King" lässt sich indes nicht auf diesen Aspekt reduzieren. Der Film setzt im Jahre 1632 ein. Untermalt von Orgelmusik wird Gustav II. Adolf bei der Schlacht von Lützen tödlich getroffen. Noch nicht sechsjährig, wird Kristina zur Regentin erklärt. Um ihre Erziehung kümmert sich Reichskanzler Axel Oxenstierna (Michael Nyqvist), der sie ihrer Mutter Maria Elenora von Brandenburg (Martina Gedeck) entzieht. Denn um deren Geistesverfassung scheint es nicht besonders gut bestellt zu sein, nachdem der einbalsamiere Leichnam des Königs seit zwei Jahren auf ihrem Bett liegt. Der Reichskanzler erzieht Kristina gemäß dem väterlichen Willen wie einen Jungen und vor allem streng protestantisch, was in Kristina zunehmenden Widerwillen erzeugt - damit begründet "The Girl King" wenigstens teilweise ihre Konversion zum Katholizismus. Diesbezüglich ist eine Szene besonders aufschlussreich: Nachdem Königin Kristina René Descartes (Patrick Bauchau) zu philosophischen Gesprächen nach Stockholm geholt hat, seziert Descartes ein Gehirn, dem er die Zirbeldrüse entnimmt. Denn darin sei "der Sitz der Seele". Die Lutheraner, allen voran der Bischof von Stockholm (Peter Lohmeyer), halten es für Ketzerei. Kristina scheint diese Empörung eher zu amüsieren. Derweil arbeitet der französische Botschafter Pierre Hector Chanut (Hippolyte Girardot) auf Kristinas Konversion hin, und schreckt dabei auch nicht davor zurück, Descartes zu vergiften - was allerdings seitens der Filmemacher mehr als künstlerische Freiheit darstellt. Denn Descartes starb zwar 1650 in Stockholm, jedoch eines natürlichen Todes, womöglich an Kälte.

Zwar endet "The Girl King" mit Kristinas Abdankung und Abreise aus Schweden im Jahre 1654, womit die letzten 35 Jahre ihres vorwiegend in Rom zugebrachten Lebens ausgeblendet werden, die sicherlich auch viel Stoff für eine Verfilmung hätten liefern können - von ihrer skandalumwitterten Lebensführung bis zur Anregung zur Gründung der "Accademia dell Arcadia". Dazu führt der Film lediglich aus, dass Kristina als eine von nur drei Frauen in den Vatikanischen Grotten im Petersdom bestattet ist (die zwei anderen sind Markgräfin Mathilde von Canossa, gestorben 1115, und die polnische Prinzessin Maria Clementina Sobieska, gestorben 1735). Dennoch konzentriert sich der Film insbesondere auf zwei Leistungen der jungen Königin, die sie bereits bei einer Rede anlässlich ihrer Thronbesteigung 1644 anspricht: Die junge Monarchin, die nicht nur reiten, jagen und fechten gelernt hat, sondern sich auch für Bücher interessierte, wollte aus den schwedischen Bauern und Soldaten ein Volk von gebildeten Menschen, Stockholm "zum neuen Athen" machen. Dies erfordert allerdings Frieden, womit sie ihren Hofstaat brüskiert. Denn den Frieden suchen bedeutet auch, die Niederlage gegenüber den Katholiken einzugestehen. Dennoch bringt sie die Verhandlungen auf den Weg, die zum Westfälischen Frieden 1648 führten. "The Girl King" verschweigt andererseits nicht, dass die aus Prag für die Königin mitgebrachten literarischen Schätze - darunter die "Teufelsbibel", den Codex Gigas - Beutekunst sind.

In seinem Bestreben, "The Girl King" nicht zum Kostümfilm werden zu lassen, fällt Mika Kaurismäki eher ins andere Extrem. So unterstreicht der Regisseur moderne Elemente, etwa den Drang zur Freiheit und eine "sexuelle Orientierung", die sich geschichtlich als reine Spekulation erweist.
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