24 WOCHEN | 24 Wochen
Filmische Qualität:   
Regie: Anne Zohra Berrached
Darsteller: Julia Jentsch, Bjarne Mädel, Johanna Gastdorf, Emilia Pieske, Maria Dragus
Land, Jahr: Deutschland 2016
Laufzeit: 103 Minuten
Genre:
Publikum: Erwachsene
Einschränkungen: U, X+
im Kino: 9/2016


José Garcia
Foto: Neue Visionen

Von der Abtreibung handeln seit einem Jahrzehnt Kino- und Fernsehfilme vermehrt. Als Auslöser für diesen Trend kann der weltweite Erfolg von Jason Reitmans Spielfilm "Juno" (2007) angesehen werden, der unter vielen anderen Auszeichnungen auch den Oscar für das Beste Original-Drehbuch gewann. Im Mittelpunkt von "Juno" steht eine schwangere 16-Jährige, die zunächst eine Abtreibungsklinik aufsucht. Nachdem sie jedoch vor dem Eingang der Abtreibungspraxis von einer Mitschülerin, einer "Pro Life"-Aktivistin, darauf hingewiesen wird, dass der Fötus bereits über Fingernägel verfügt, sowie nach der Stimmung in der Praxis selbst, in der sie wie ein Objekt behandelt wird, entscheidet sich die 16-jährige Juno dafür, das Kind auszutragen und es zur Adoption freizugeben. Im Gefolge von "Juno" entstanden eine ganze Reihe Spielfilme, in denen entgegen der inzwischen in der Gesellschaft zum "Konsens" erhobenen Meinung, dass Abtreibung zwar schlimm, aber unvermeidlich sei, das Kino als Heldin die ungewollt schwanger gewordene junge Frau entdeckte, die sich allen Schwierigkeiten zum Trotz für ihr Kind entscheidet. Insbesondere in den Jahren nach "Juno" kamen sowohl Hollywood- als auch europäische Produktionen ins Kino, in denen sich die Mutter stets für das Kind entscheidet.

Auch die letzten deutschen Film- und Fernsehproduktionen, die sich des Themas annahmen, nahmen eindeutig Partei für die Austragung des Kindes. So etwa auch Am Himmel der Tag, Pola Becks Spielfilmdebüt, in dem eine partysüchtige 25-Jährige von ihrer Mutter zur Abtreibung gedrängt wird, aber das Kind als Chance ansieht, ein neues Leben zu beginnen. Dass in Becks Film das Kind im Mutterleib stirbt, ändert nichts an der Ausrichtung des Films. Zuletzt befasste sich mit der Frage nach einer Abtreibung der Fernseh-Spielfilm "Eine Handvoll Leben", den das Erste am 23. März ausstrahlte. In "Eine Handvoll Leben" stand insofern eine spezielle Situation im Mittelpunkt, als die Protagonistin in der 22. Schwangerschaftswoche erfährt, dass ihr ungeborenes Kind an "Trisomie 18" oder "Edward-Syndrom" leidet. Vom Spezialisten erfahren die werdenden Eltern, dass lediglich fünf Prozent dieser Kinder überhaupt die Geburt überleben. Und dann beträgt ihre Lebenserwartung höchstens 15 Tage. Deshalb raten die Ärzte zu einer Abtreibung. Die Mutter entscheidet sich jedoch für die Geburt der Tochter: "Willst Du mir erzählen, dass wir ihr etwas Gutes tun, wenn wir sie töten?", fragt die Mutter etwa ihren Mann, der sich dem Urteil der Ärzte angeschlossen hatte. Einen entscheidenden Aspekt in "Eine Handvoll Leben" stellt die Gläubigkeit der Eltern dar: Das Kind wird in der kurzen Spanne zwischen Geburt und Tod getauft, und die Taufe als richtiges Fest gefeiert. Dass sich auch hier die Mutter letztlich für ihr Kind entscheidet, obwohl es nur einige Tage leben wird, steht im Einklang mit so gut wie allen Spielfilmen, die im letzten Jahrzehnt von diesem Konflikt gehandelt haben.

Eine Ausnahme - und insofern schon ein "Tabubruch" - stellt nun "24 Wochen" von Anna Zohra Berrached dar, der als einziger deutscher Beitrag zum Wettbewerb der diesjährigen Berlinale eingeladen wurde, und nun im regulären Kinoprogramm startet. In "24 Wochen" freut sich Kabarettistin Astrid (Julia Jentsch) zusammen mit ihrem Lebensgefährten und Manager Markus (Bjarne Mädel) und der 9-jährigen Tochter Nele auf ihr zweites Kind. Im Laufe der Schwangerschaft stellt sich aber heraus, dass das Kind mit Down-Syndrom auf die Welt kommen wird. Das Paar will sich zunächst zuversichtlich der Herausforderung stellen. Als jedoch die Ärzte noch einen Herzfehler diagnostizieren, der mindestens eine Operation nötig machen wird, fängt Astrid an zu schwanken. Sie entscheidet sich für eine Spätabtreibung in der 24. Woche. Da das Kind außerhalb des Mutterleibes lebensfähig wäre, tötet es der Arzt mit einer Kaliumchlorid-Spritze, ehe die Geburt eingeleitet wird. Dies wird mit größtem, kaum erträglichem Realismus dargestellt, da der Abtreibungsarzt und auch das restliche Krankenhauspersonal nicht von Schauspielern verkörpert werden: Zwar wurden die Namen geändert, aber es handelt sich um Menschen, die im wirklichen Leben Abtreibungen vornehmen.

Astrid schiebt ethisch-moralische Bedenken schnell beiseite. Als ihr Mann Markus, der eigentlich noch immer gegen die Abtreibung ist, sie fragt, ob sie nicht Schuldgefühle haben werden, antwortet sie: "Wie kommst Du auf dieses christliche Schuld-Ding?" Nach der Abtreibung wird Astrid nur sagen: "Ob es richtig oder falsch war, weiß ich nicht - vielleicht ein bisschen beides".

In der Pressekonferenz anlässlich der Uraufführung von "24 Wochen" auf der Berlinale antwortete die aus Erfurt stammende Regisseurin Anne Zohra Berrached auf die Frage einer Journalistin, das Paar im Film seien keine Christen. "Religiöse Menschen haben es einfacher", führte sie aus. "Sie haben eine Bindung an Normen und Werte." Die 33-jährige Regisseurin bekennt, selbst einmal abgetrieben zu haben. Zu ihren Recherchen sagte sie, es sei ungemein schwierig gewesen, Frauen zum Sprechen zu bewegen, die eine Spätabtreibung vorgenommen hätten. Sie selbst könnte auch nach Jahren kaum darüber reden. Deshalb liegt die Frage nahe, warum "24 Wochen" mit der Abtreibung endet, warum der Film nicht zeigt, was in den Eltern die Tötung ihres Kindes auslöst. Daraus wäre sicher der interessantere Film geworden.
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