BÄRENBRÜDER | Brother Bear
Filmische Qualität:   
Regie: Aaron Blaise, Bob Walker
Darsteller: (dt. Stimmen): Daniel Brühl, Moritz Bleibtreu, Gedeon Burkhard, Johannes Bachmann
Land, Jahr: USA 2003
Laufzeit: 85 Minuten
Genre: Animation
Publikum: ab 6 Jahren
Einschränkungen: --


JOSÉ GARCÍA
Foto: Buena Vista International

Der letzte Disney-Film „Findet Nemo“ (siehe Filmarchiv), der nicht nur in den Kategorien „Animationsfilm“, „Musik“ und „Toneffektschnitt“, sondern darüber hinaus auch für das „Beste Originaldrehbuch“ für den Oscar nominiert wurde und die Statuette als „Bester Animationsfilm“ gewinnen konnte, legte für weitere Zeichentrickfilm-Projekte aus dem Hause Disney die Latte besonders hoch. Noch eins kam dazu: die letzten großen Erfolge des Disney-Studios waren die von der Animationsschmiede Pixar konzipierten Filme – darunter eben auch „Findet Nemo“. Nachdem Pixar den Vertrag mit Disney gekündigt und die Absicht erklärt hatte, eigenständig Animationsfilme zu produzieren, stellte sich die Frage, wie denn nun das traditionsreiche Mickey-Maus-Stammhaus darauf antworten würde.

Die Antwort heißt nun „Bärenbrüder“ („Brother Bear“). Obwohl er an den großen Erfolg von „Findet Nemo“ kaum wird anknüpfen können, wurde auch er in der Kategorie „Animationsfilm“ für den Oscar nominiert. Der gesamte Entstehungsprozess von „Bärenbrüder“ fand, wie bereits bei „Mulan“ (1998) und „Lilo & Stitch“ (2002) im Disney Florida Animation Studio statt. Dies erklärt die Ähnlichkeit einiger Figuren aus dem neuen Film mit der Lilo aus dem wunderbaren „Lilo & Stitch“.

„Bärenbrüder“ spielt in prähistorischer Zeit am Ende der letzten Eiszeit, als im Nordwesten der Vereinigten Staaten noch Mammuts lebten und die Ureinwohner vorwiegend Fischer und Jäger waren. Diese hängen einem animistisch-pantheistischen Glauben an, der von großen Naturgeistern beherrscht wird. Ein wichtiger Initiationsritus besteht in der Überreichung des „Totems“, eines von den Geistern auserwählten Symbols, durch die Schamanin des Stammes. Dieser Tag bedeutet auch für Kenai (deutsche Stimme: Daniel Brühl) den Übergang ins Erwachsenenalter. Als Kenai das Totem eines Bären als Symbol für Liebe erhält, zeigt er sich tief enttäuscht, zumal seine zwei älteren Brüder gewichtigere Totems tragen: der Älteste Sitka (deutsche Stimme: Gedeon Burkhard) erhielt bei seiner Initiation ein Adler-Totem, das ihn als Führer ausweist; der zweite, Denahi (deutsche Stimme: Moritz Bleibtreu), bekam ein Wolf-Totem als Symbol der Weisheit überreicht.

Die Geschichte der drei Brüder nimmt eine dramatische Wendung an, als Kenai die Fährte eines Bären aufnimmt, der seinen Korb voller frisch gefischter Fische stahl. Sein ältester Bruder Sitka rettet ihm das Leben, stirbt jedoch dabei. Kenai schwört Rache und tötet das Tier. Durch diese Störung im Gleichgewicht der Natur verwandeln die Naturgeister Kenai selbst in einen Bären. Um in einen Mensch zurückverwandelt zu werden, muss er den „Berg, wo das Licht die Erde berührt“ finden. Auf seiner langen Wanderung lernt er zu seinem Leidwesen den gesprächigen Bärenjungen Koda kennen, der ihn allerdings nach und nach in die ihm so verhasste Bärenwelt einführt. Auf den Fersen bleibt ihnen sein Bruder Denahi, der natürlich von der Verwandlung Kenais keine Ahnung hat, und Kenai in dessen neuer Gestalt für den Bären hält, der seinen Bruder getötet hat.

Die Geschichte um Schuld und Verantwortung, um Freundschaft, Bruderliebe und Toleranz für fremde Kulturen wird mit gewohnter zeichnerischer Perfektion entfaltet. In „Bärenbrüder“ wird jedoch darüber hinaus ein besonderer technischer Kunstgriff angewandt: nach der Verwandlung Kenais in den Bären wechselt das Bild vom herkömmlichen Kinoformat (1,85:1) auf ein Cinemascope-Breitwand-Format (2,35:1). Der durch die Verwandlung eingetretene Perspektivenwechsel macht sich auf der Leinwand bemerkbar; der Zuschauer nimmt durch Kenais Augen die Welt intensiver wahr: die Farben werden saturierter, die Kamera bewegt sich freier; auch der Ton wird kräftiger. Durch den Einsatz von dreidimensionalen Modellen gewinnt das Bild an Tiefenschärfe.

Das Thema des Filmes – Verbundenheit mit der Natur – wird bereits im ersten Lied („Great Spirits“) etabliert, das im Original von Tina Turner, in der deutschen Fassung („Götter der Ewigkeit“) von Gracia vorgetragen wird: „We are all the same. Brothers to all. In this world, we remain truly brothers all the same“ – wodurch „Bärenbrüder“ einen pantheistischen Unterton erhält. Ein epochaler Film ist „Bärenbrüder“ sicher nicht geworden, wohl aber eine adäquate Antwort in vorwiegend zweidimensionaler Animation auf die volldigitalisierten Pixar-Filme. Für Disney gibt es ein Leben nach Pixar.
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