SCHWESTER WEISS | Schwester Weiß
Filmische Qualität:   
Regie: Dennis Todorovic
Darsteller: Zeljka Preksavec, Lisa Martinek, Beatrice Richter, Tim Bergmann, Jana Lissovskaia, Eva-Maria Kurz
Land, Jahr: Deutschland 2015
Laufzeit: 97 Minuten
Genre:
Publikum: ab 16 Jahren
Einschränkungen: --
im Kino: 10/2016


José Garcia
Foto: W-film

Zwei ungleiche Schwestern: Schwester Martha (Zeljka Preksavec), mit bürgerlichem Namen Birgit Weiß, steht einem schwäbischen Kloster als Oberin vor. Die jüngere Helene (Lisa Martinek) ist dagegen überzeugte Atheistin. Wie sich das Leben der beiden Schwestern auseinanderentwickelt konnte, wird in Dennis Todorovics Spielfilm "Schwester Weiß" später anhand von Rückblenden plausibel erklärt. Die beiden liegen jedenfalls im Dauerstreit, vor allem um Helenes kleine Tochter Maja (Isabell Beck). Denn Martha lädt sie immer wieder ins Kloster ein, woran die kleine Maja durchaus Gefallen findet. Helene möchte jedoch vermeiden, dass ihre ältere Schwester insbesondere in Glaubensfragen einen zu großen Einfluss auf ihre Tochter ausübt.

Die Einführung in Todorovics Film fällt allerdings knapp aus. Kaum wird diese Grundkonstellation dem Zuschauer erläutert, geschieht ein Autounfall, der alles verändert: Ehemann (Tim Bergmann) und Tochter kommen dabei ums Leben. Als es die verletzte Helene im Krankenhaus erfährt, kann sie aber keine Trauer empfinden. Denn sie leidet an retrograder Amnesie: Sie kann sich nicht mehr an ihre eigene Familie erinnern, und kennt beispielsweise ihr Haus nicht mehr. Und: Sie weiß nicht einmal, dass sie nicht an Gott glaubt und sich deshalb mit Martha immer wieder stritt.

Weil Helene alleine nicht zurecht kommt, nimmt sie Martha mit ins Kloster. Diese kümmert sich rührend um ihre jüngere Schwester, gibt ihr einen echten Halt. Sie gibt sich darüber hinaus alle Mühe, damit Helene ihr Gedächtnis wieder erlangt. Aber: "Gras wächst auch nicht schneller, wenn man daran zieht". Helene braucht Zeit. In einer Frage läuft ihnen allerdings die Zeit davon: Wie soll Maja bestattet werden? Martha besteht auf ein christliches Begräbnis, Helenes Schwiegermutter Dolores Hagedorn (Beatrice Richter) weist sie jedoch darauf hin, dass sich Helene für eine Urnenbestattung im Wald entschieden hätte, wenn sie denn darüber zu entscheiden in der Lage gewesen wäre.

Obwohl es sich bei "Schwester Weiß" um ein Drama über existentielle Fragen wie Tod und Verlust und nicht zuletzt auch über den Glauben handelt, inszeniert es Dennis Todorovic leichtfüßig. Dazu gehören die manchmal komischen Dialoge ("Sind Sie eine Ordensschwester?" ? "Nein, ich bin die Schwester einer Ordensschwester"), vor allem aber die Entscheidung, dass der Film im (verständlichen) schwäbischen Dialekt gedreht wurde, was den Figuren nicht nur einen gewissen Charme, sondern vor allem Authentizität verleiht. Zu den eher abstrus-komischen Elementen des Filmes gehört etwa auch eine demente alte Frau, die selbst bei Schneetreiben auf einer Bank sitzt und auf den Bus wartet. Sie lebt noch in der Vergangenheit und macht sich wegen des Nationalsozialismus Sorgen. Ohne einen direkten Zusammenhang mit der eigentlichen Handlung zu haben, gehört dies offensichtlich zu den ? allerdings eher fragwürdigen ? humoristischen Zügen, die verhindern sollen, dass der Film ins Melodramatische kippt. Oder soll sie einfach ein Spiegelbild Helenes darstellen, die ja wegen retrograder Amnesie keine Vergangenheit mehr besitzt?

Ein solch humoristisches Element hätte "Schwester Weiß" jedenfalls nicht nötig gehabt. Die hervorragend gezeichneten Figuren, die von ebenso ausgezeichneten Schauspielerinnen verkörpert werden, lassen keine Klischees aufkommen. Dies ist besonders bei Schwester Martha zu begrüßen, denn Darstellungen von Ordensschwestern in Spielfilmen geraten leicht zum Klischee. Zeljka Preksavec gestaltet die Ordensoberin genauso glaubwürdig wie Lisa Martinek die leicht desorientierte Helene, die sich langsam an ihre Vergangenheit herantastet. Beatrice Richter als grantige Schwiegermutter setzt durchaus Akzente und trägt ebenfalls zur Glaubwürdigkeit bei.

Nach und nach verschiebt sich die Handlung. Stand zunächst die Frage im Raum, ob Helene durch den Gedächtnisverlust die Möglichkeit eines Neuanfangs bekommen könnte, so tritt die ältere Schwester immer mehr in den Mittelpunkt. Natürlich ist sie durch den Verlust ihrer geliebten Nichte zutiefst erschüttert. Dass sich nach einem solchen Verlust die Frage nach Gottes Liebe zu seinen Geschöpfen stellt, ist nur allzu verständlich. Dennoch lässt es Dennis Todorovic nicht bei allgemeinen Glaubenszweifeln bewenden. Denn allmählich beginnt Martha mit Gott über ihr Leben zu hadern, in dem eine äußerliche Pflichterfüllung zu sehr im Vordergrund stand. So beginnt sie auf das wilde Leben zu schielen, das ihre jüngere Schwester früher führte. Dadurch bietet "Schwester Weiß" eine moderne Version des Gleichnisses des verlorenen Sohnes beziehungsweise des barmherzigen Vaters, das ausdrücklich im Film zitiert wird. Schwester Martha erscheint als der ältere Bruder im Gleichnis: "So viele Jahre schon diene ich dir, und nie habe ich gegen deinen Willen gehandelt; mir aber hast du nie auch nur einen Ziegenbock geschenkt, damit ich mit meinen Freunden ein Fest feiern konnte" (Lukas 15, 29).

Vor zweieinhalb Jahren handelte Ida von der bewussten Entscheidung einer Novizin für ein Leben im Kloster, nachdem sie Schreckliches aus der Vergangenheit ihrer Familie, aber auch die "Verlockungen der Welt" kennengelernt hatte. Dieses Hadern mit einem scheinbar abwesenden Gott, aber auch die Sehnsucht nach ihm, die im Filmvorspann zitiert wird, bringt Dennis Todorovic äußerst einfühlsam zum Ausdruck. Die Tränen, die Martha endlich über den Tod ihrer Nichte vergießen kann, deuten auf ihre innere Läuterung hin.
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