PATERSON | Paterson
Filmische Qualität:   
Regie: Jim Jarmusch
Darsteller: Adam Driver, Golshifteh Farahani, Bulldogge Nellie, Barry Shabaka Henley, Chasten Harmon, William Jackson Harper
Land, Jahr: USA 2016
Laufzeit: 117 Minuten
Genre:
Publikum: ab 12 Jahren
Einschränkungen: --
im Kino: 11/2016


José García
Foto: Weltkino/Mary Cybulski

Paterson (Adam Driver) arbeitet als Busfahrer in der Kleinstadt Paterson im Bundesstaat New Jersey. Die Redundanz setzt sich in Jim Jarmuschs Spielfilm "Paterson" auch an weiteren Stellen fort. Denn der nach Wochentagen eingeteilte Film setzt auf Wiederholungen, beispielsweise desselben Satzes, den Paterson nach dem Aufwachen zu seiner Frau Laura (Golshifteh Farahani) spricht. Vieles scheint sich in "Paterson" einfach zu wiederholen, so etwa das Zurechtrücken des Briefkasten-Pfostens: Wenn er nach Feierabend in sein schlichtes Reihenhaus zurückkehrt, findet Paterson einen schief stehenden Briefkasten-Pfeiler. Woher das kommt, weiß weder er noch der Zuschauer — der Zuschauer wird es allerdings gegen Ende in einem Bild erfahren, in dem sich der lakonische Humor des Filmes ausdrückt.

Ein solcher Humor steht darüber hinaus im Zusammenhang mit Lauras Faible für Schwarz/Weiß: Schwarzweiß in allen Variationen ist ihre Kleidung, schwarzweiß die Einrichtung und selbst das Geschirr. Schwarzweiß sind die Kekse, die sie backt und verkauft. Und nach einem Kinobesuch wird sie zu Paterson sagen: "Mir hat es gefallen, dass der Film schwarzweiß war". Wiederholung und doch nicht ganz Wiederholung, etwa bei den mindestens fünf Zwillingen, die im Laufe des Films ins Bild kommen. Dabei ist Patersons Alltag (fast) eine einzige Wiederholung: Ohne den Wecker stellen zu müssen, wacht der junge Mann jeden Tag an Lauras Seite auf. Nach dem Frühstück geht er zu seinem Bus der Linie 23. In den Pausen schreibt der junge Mann Gedichte.

Als Vorbild für die Gedichte, die Paterson verfasst, nennt der Busfahrer den Dichter William Carlos Williams, der von 1946 bis 1958 ein mehrbändiges poetisches Werk mit dem Titel "Paterson" schrieb. Was wiederum eine Art Selbstbezüglichkeit darstellt: Ein Mann namens Paterson schreibt nach der Art des Dichters, der der Stadt Paterson ein poetisches Denkmal setzte. Dass William Carlos Williams über die Grenzen New Jerseys, ja der Vereinigten Staaten hinaus bekannt ist, stellt die Begegnung Patersons mit einem Japaner unter Beweis, der die Stadt auf den Spuren des Dichters besucht.

Nach Feierabend — und nachdem er den Pfosten des Briefkastens gerade gerückt hat — dreht er mit Bulldogge Marvin eine Runde. Vor der Stammkneipe wartet Marvin, dass Paterson sein abendliches Bier ausgetrunken und mit dem Barmann ein Schwätzchen gehalten hat. Wenn er dann mit Marvin nach Hause kommt, schläft Laura schon. Und dann beginnt der Tag von neuem. Der Zuschauer könnte sich denken, Jim Jarmusch liefere mit "Paterson" eine aktualisierte Version von "... und täglich grüßt das Murmeltier" (Harold Ramis, 1993).

Doch so einfach ist es wiederum nicht. Das scheinbar Immergleiche lässt durchaus Variationen zu. Einmal ereignet sich ein Zwischenfall, der Laura dazu veranlasst, ihn zu bitten: "Leg dir doch endlich ein Handy zu". Der die Entschleunigung zelebrierende Paterson denkt natürlich nicht daran. Ein kleines Mädchen taucht auf einmal auf, das wie Paterson Gedichte schreibt. Manchmal sind es jedoch kleine Variationen — so etwa die immer ausführlicheren Antworten des Kollegen auf Patersons schlichte Frage "Wie geht´s?" oder die immer dramatischer werdenden Streitereien eines jungen Pärchens in der Kneipe.

Mit immer wiederkehrenden Kehrversen entfacht Jim Jarmusch ein Film-Gedicht, in das sich die kleinen Veränderungen harmonisch einfügen, und die von Kameramann Frederick Elmes in immer gleichen oder aber in leicht veränderten Einstellungen akribisch eingefangen werden. Mit dem leichten Verrücken einiger Ereignisse und Vorkommnisse harmoniert das minimalistische Spiel Adam Drivers, das freilich mit dem temperamentvollen Charakter Lauras kontrastiert, die Golshifteh Farahani ebenso großartig verkörpert. So sehr sie von der großen Zukunft Patersons als Dichter überzeugt ist, weshalb sie ihn dazu anhält, sein Notizbuch mit den Gedichten endlich zu fotokopieren, so sehr träumt sie auch von ihrer eigenen Karriere als Country-Sängerin ... oder auch als Bäckerin mit ausgefallenen Cupcake-Kreationen. Unterschiedlicher könnten die beiden nicht sein — und trotzdem oder gerade deshalb lieben sich Paterson und Laura innig. Zum Haushalt gehört noch Lauras Bulldogge Marvin, die ebenfalls eine wichtige Rolle spielt. Auch deshalb und nicht nur wegen des lakonischen Erzählrhythmus erinnert "Paterson" an die Filme des finnischen Regisseurs Aki Kaurismäki. Dass sich das Verhältnis zwischen Marvin und Paterson nicht so harmonisch ausnimmt wie zunächst gedacht, bringt die eine oder andere Pointe mit sich.

Jim Jarmuschs "Paterson" nimmt sich nicht nur als eine Hommage an die gleichnamige Stadt aus — neben William Carlos Williams und den ebenfalls aus New Jersey stammenden Dichter Allen Ginsberg nennt Paterson in diesem Zusammenhang weitere bekannte Persönlichkeiten wie den in Paterson geborenen Komiker und Schauspieler Lou Costello oder den Mittelgewichtsboxer Rubin "Hurricane" Carter, der 1966 wegen Mordes inhaftiert und erst 1985 nach Wiederaufnahme des Verfahrens freigesprochen wurde. Darüber hinaus liefert "Paterson" eine poetische Lobeshymne an die kleinen Dinge des Alltags, an das kleine Glück in der Familie und der Arbeit. Darin ähnelt er Mike Leighs "Another Year", der die kleinen Freuden des Alltags unaufgeregt zelebriert. In "Paterson" zeichnet Jim Jarmusch ein ungemein poetisches und auch visuell überzeugendes Bild der gleichnamigen Stadt und eines einfachen Mannes mit dichterischer Ader.
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