REISE MIT VATER, DIE | Die Reise mit Vater
Filmische Qualität:   
Regie: Anca Miruna Lazarescu
Darsteller: Alex Margineau, Razvan Enciu, Ovidiu Schumacher, Susanne Bormann, Manuel Klein, Doru Ana, Lutz Blochberger
Land, Jahr: Deutschland 2016
Laufzeit: 111 Minuten
Genre:
Publikum: ab 16 Jahren
Einschränkungen: X
im Kino: 11/2016


José Garcia
Foto: movienet

Rumänien im Jahre 1968. Nicolae Ceausescu (1918—1989) ist gerade seit einem Jahr an der Macht. In der Frühzeit seiner Herrschaft trifft der Diktator Maßnahmen, die ihm zusammen mit dem aufkommenden Wohlstand infolge der Industrialisierungspolitik Popularität verschaffen: Er distanziert sich vom Führungsanspruch der Sowjetunion, und sorgt dafür, dass Rumänien das erste Land des sowjetischen Einflussbereichs wird, das diplomatische Beziehungen zur Bundesrepublik Deutschland aufnimmt, sehr zum Verdruss der DDR-Führung. Im August 1968 verweigert Ceausescu die Teilnahme rumänischer Truppen an der militärischen Niederschlagung des Prager Frühlings und verurteilte die Besetzung der Tschechoslowakei scharf. Vor diesem Hintergrund entwickelt Drehbuchautorin und Regisseurin Anca Miruna Lazarescu ihren Spielfilm "Die Reise mit Vater", der auf dem Filmfest München Premiere feierte und nun im regulären Kinoprogramm startet.

In der westrumänischen Kleinstadt Arad lebt die rumänischdeutsche Familie Reinholtz, der verwitwete Vater William (Ovidiu Schumacher) und seine zwei ungleichen Söhne Mihai (Alex Margineau) und Emil (Razvan Enciu). Der verantwortungsbewusste Mihai arbeitet als Arzt. Der deutlich jüngere Emil ist noch Schüler. Seine rebellische Art bringt ihn immer wieder in Konflikt mit dem Regime, dessen Unterdrückung Lazarescu anhand einiger Repressalien darstellt. Vom eingangs erwähnten Wohlstand ist in Arad auch nicht viel zu sehen — eher zerstörte Häuser.

Auf Mihais Drängen soll sich der langsam erblindende und leicht demente Vater einem lebensrettenden Eingriff in der DDR unterziehen. Ceausescu hatte 1968 als "Internationales Tourismusjahr" ausgerufen und die Reisebestimmungen gelockert, so dass eine Reise in ein anderes sozialistisches Land möglich wurde. Kaum sind die drei in die DDR eingereist, marschieren die Truppen des Warschauer Paktes in die Tschechoslowakei ein. Weil aber Ceausescu eine Beteiligung Rumäniens abgelehnt hatte, werden die Rumänen in der DDR festgesetzt. Neben Mihai, Emil und ihrem Vater sind dabei einige weitere rumänische Familien und auch die Münchner Studentin Ullrike von Syberg (Susanne Bormann), eine junge Adlige, die aber für den Sozialismus schwärmt, weshalb sie sich auch auf Entdeckungsreise im sozialistischen Deutschland befindet. Nachdem sich der rumänische Botschafter einschaltet, dürfen die Rumänen ausreisen. Allerdings dürfen sie nur mit einem Transitvisum durch die Bundesrepublik, Österreich und Jugoslawien nach Rumänien zurückfahren. Was natürlich einer Einladung gleichkommt, im Westen zu bleiben. Mihai, der sich inzwischen in Ullrike verliebt hat, wird von ihr eingeladen, in München in ihrer WG zu bleiben, in der eine naive Begeisterung für den Sozialismus herrscht. Die drei Familienmitglieder stehen vor einer Lebensentscheidung.

Zwar hört sich das, was Anca Miruna Lazarescu in "Die Reise mit Vater" erzählt, ziemlich unwahrscheinlich an. Die Story basiert jedoch auf einer wahren Begebenheit, die Lazarescus Vater als 18-Jähriger erlebte. Zusammen mit 50 weiteren Familien wurden Lazarescus Vater mit dessen Eltern in einem Auffanglager nahe Dresden festgehalten. Weil die Grenze zur Tschechoslowakei geschlossen war, "geschah das eigentlich Unmögliche: Mitten im Kalten Krieg rollten 51 rumänische Familien in ihren staubigen Autos über die innerdeutsche Grenze und landeten in der BRD", erläutert dazu Anca Miruna Lazarescu. "Die zwei Tage im Westen wurden für meine Familie zur Zerreißprobe. Alle drei spürten, dass sie gerade die Chance in den Händen hielten, ihr Leben komplett und unwiderruflich zu ändern. Und alle waren damit heillos überfordert."

Um diese innere Zerreißprobe bildlich darzustellen, greift die Drehbuchautorin und Regisseurin auf einen dramaturgischen Kniff zurück: Statt ein Alter Ego ihres Vaters als Hauptfigur darzustellen, macht sie aus den gegensätzlichen Empfindungen, die er damals fühlte, zwei Figuren, die zwei Brüder, die sich — wenigstens vorerst — auch unterschiedlich entscheiden. Was die beiden vereint, ist der Kulturschock, den sie erleben. Allerdings betrifft dies nicht so sehr die Konsumgesellschaft — hier beispielsweise durch die Fülle an Rolling-Stones-Schallplatten dargestellt. In der Münchener WG prallen auch zwei Welten aufeinander: Mihai, sein Vater und sein Bruder kennen den Sozialismus in der Praxis, Ullrike und ihre Mitbewohner nur dessen Theorie. Auch wenn die 68er-Studenten arg klischeehaft dargestellt werden, bringt die Gegenüberstellung einige lustige Momente mit sich. Dass eigentlich die Bundesrepublik nicht nur paradiesische Zustände bietet, legt die Regisseurin dadurch dar, dass Mihai vom Bundesnachrichtendienst das Angebot angetragen wird, Ullrike und deren Mit-Bewohner zu bespitzeln.

Mihais Entscheidung greift allerdings tiefer. Bei ihm geht es nicht nur um die Wahl für das eine oder andere politisch-gesellschaftliche System. In seiner Heimatstadt hatte er nach dem Tod der Mutter die Familie zusammengehalten. Er kümmerte sich um den Vater, aber auch um den rebellischen Bruder. Die Möglichkeit, in der Bundesrepublik zu bleiben, würde für ihn auch bedeuten, sich aus dieser Situation zu befreien, und ein eigenes Leben zu führen.

In "Die Reise mit Vater" gelingt es, die Rahmenbedingungen der Zeit wieder lebendig zu machen. Lazarescu verknüpft die zwei Ebenen miteinander, die gesellschaftspolitische und die persönliche, auch dank der beschwingten Musik und einer gutdosierten Prise Humor.
Diese Seite ausdrucken | Seite an einen Freund mailen | Newsletter abonnieren