MARIE CURIE | Marie Curie
Filmische Qualität:   
Regie: Marie Noëlle
Darsteller: Karolina Gruszka, Arieh Worthalter, Charles Berling, André Wilms, Samuel Finzi, Iza Kuna, Malik Zidi, Marie Denaarnaud, Sabin Tambrea
Land, Jahr: Deutschland, Polen, Frankreich 2016
Laufzeit: 95 Minuten
Genre:
Publikum: ab 16 Jahren
Einschränkungen: X-
im Kino: 12/2016


José García
Foto: NFP

Marie Curie, 1867 in Warschau als Marie Salomea Sklodowska geboren, war die erste Frau, die in der Pariser Sorbonne-Universität Vorlesungen hielt sowie die erste Frau, die den Nobelpreis gewann. 1903 erhielt sie zusammen mit ihrem Mann Pierre Curie den Nobelpreis für Physik. Im Jahre 1911 wurde sie in Chemie ausgezeichnet. Die Regisseurin Maria Noëlle und ihre Mit-Drehbuchautorin Andrea Stoll setzen der Entdeckerin der Radioaktivität mit dem Spielfilm "Marie Curie" ein filmisches Denkmal.

"Marie Curie" beginnt mit alten Fotos und Aufnahmen von Paris, um dann nach Stockholm zur Nobelpreisverleihung an Marie (Karolina Gruszka) und Pierre Curie (Charles Berling) zu wechseln. Die Auszeichnung hatte ihnen die Akademie für ihre Entdeckung der Radioaktivität bereits 1903 verliehen. Wegen ihrer beruflichen Verpflichtungen konnten sie damals jedoch nicht nach Schweden reisen. Dies holen Pierre und Marie Curie im Juni 1905 nach. Ein halbes Jahr zuvor hatte sie ihre zweite Tochter zur Welt gebracht.

Das gemeinsame Familien- und Forscherleben — sie arbeiten gemeinsam an einer Radiumtherapie zur Krebsbehandlung — erfährt ein jähes Ende, als Pierre am 19. April 1906 bei einem tragischen Unfall ums Leben kommt. Trotz der Trauer, die der Film auch durch eine sehr emotionale Musik betont, setzt Marie Curie ihre gemeinsame Arbeit fort. Eine große Stütze findet sie in ihrem Schwiegervater Eugene Curie (André Willms). Die naturwissenschaftliche Fakultät schreibt Pierres Lehrstuhl für allgemeine Physik neu aus. Schließlich überträgt sie Marie Curie die Kursverantwortung. Dadurch wird sie die erste Frau, die an der Sorbonne lehrt. Daher die große öffentliche Anteilnahme, als sie im November 1906 ihre Antrittsvorlesung hält. Zum Vergleich: Noch im Jahre 1919 wird Edith Steins Habilitationsschrift nicht angenommen, weil sie eine Frau ist. Die erste Frau, die beispielsweise an der RWTH Aachen lehrt, ist Maria Lipp (1938 außerordentliche Professorin, erst 1943 erhält sie einen ordentlichen Lehrstuhl).

Maria Noëlles Film zeichnet weitere Stationen im Leben Marie Curies nach, so etwa die Schulkooperative, die sie mit befreundeten Wissenschaftlern an der Sorbonne gründet und in der die Mitglieder ihre Kinder selbst unterrichten, ihr Erfolg bei der Isolierung von Radium, ihre Teilnahme an einer Konferenz mit den bedeutendsten Physikern der Welt, darunter auch Albert Einstein, ihr Scheitern bei der Aufnahme in die Académie des sciences ... Besonderes Augenmerk gilt jedoch der Liebesbeziehung zwischen der Forscherin und ihrem Kollegen Paul Langevin (Arieh Worthalter), der in einer unglücklichen Ehe mit der streitsüchtigen Jeanne (Marie Denarnaud) lebt. Als dieses Verhältnis von der Presse zu einem Skandal aufgebauscht wird und insbesondere Journalist Gustave Téry (Samuel Finzi) in seiner Boulevardzeitschrift einige Liebesbriefe veröffentlicht, die ihm von Jeanne Langevin zugespielt wurden, bedrängt der schwedische Botschafter August Gyldenstolpe (Sabin Tambrea) die Forscherin, auf den Nobelpreis für Chemie zu verzichten, die ihr die schwedische Akademie der Wissenschaften verliehen hat.

Dass der Film sich nur mit einem Ausschnitt ihres Lebens beschäftigt, kann Maria Noëlle nicht als Vorwurf gemacht werden. Ähnlich verfährt etwa auch Stephen Frears im kürzlich angelaufenen "Florence Foster Jenkins". Schwerer wiegt der sprunghafte Umgang mit Curies Leben, der sich im elliptischen Schnitt ausdrückt und vor allem die besondere Fokussierung auf die Liebesaffäre zwischen den beiden Forschern.

Dies ist ein Herzensanliegen der Drehbuchautorin und Regisseurin. Dazu führt Maria Noëlle aus, eigentlich habe sie gedacht, alles über Marie Curie zu wissen. Aber vor einigen Jahren habe sie erstmals in einem Artikel von ihrer Liebesaffäre mit dem Physiker Paul Langevin erfahren: "Nun musste ich in jenem Artikel plötzlich von der ,Affäre Langevin? lesen, die 1911 einen riesigen Skandal auslöste und fast verhindert hätte, dass Marie Curie mit ihrem zweiten Nobelpreis ausgezeichnet wurde. Paul Langevin war verheiratet und hatte diverse Liebschaften — doch die Presse machte ihm deswegen nie einen Vorwurf, während die verwitwete Marie Curie als Hure und Ehebrecherin gebrandmarkt wurde. Das hat mich wirklich wütend gemacht: Wie konnte es sein, dass man ausgerechnet diese brillante Wissenschaftlerin, diese integre Idealistin, die nie auf ihren eigenen Vorteil bedacht war, in der Öffentlichkeit so behandelt hat? Und wie konnte es sein, dass dieser skandalöse Umgang mit ihr jahrzehntelang unter den Teppich gekehrt und in keiner Biografie erwähnt wurde?" Maria Noëlles Empörung darüber, dass Paul Langevin nicht ebenso als Ehebrecher angeprangert wurde, ist nur zu verständlich. Schließlich brach er seine Ehe. Aber: Rechtfertigt die Empörung ein solches Übergewicht in einem Film über eine so bedeutende Forscherin, über die einzige Person, die den Nobelpreis auf zwei Gebieten erhalten hat? Ist es nicht geradezu paradox, dass die Regisseurin die Bedeutung der Affäre in der Öffentlichkeit anprangert, um sie dann in den Mittelpunkt ihres Filmes zu stellen?

Obwohl Karolina Gruszka Marie Curie als entschlossene Forscherin und gleichzeitig als verletzliche Frau und zweifache Mutter überzeugend verkörpert, mutet deren Darstellung als frühe Feministin etwas anachronistisch an, auch wenn Marie Curie von der polnischen Frauenbewegung vereinnahmt wurde, denn sie setzte sich nie für deren Ziele ein.
Diese Seite ausdrucken | Seite an einen Freund mailen | Newsletter abonnieren