ÜBERGLÜCKLICHEN, DIE | La pazza gioia
Filmische Qualität:   
Regie: Paolo Virzì
Darsteller: Valeria Bruni Tedeschi, Micaela Ramazzotti, Valentina Carnelutti, Tommaso Ragno, Bob Messini, Sergio Albelli, Anna Galiena, Marisa Borini
Land, Jahr: Italien, Frankreich 2016
Laufzeit: 116 Minuten
Genre:
Publikum: ab 16 Jahren
Einschränkungen: S
im Kino: 12/2016


José García
Foto: Neue Visionen

Beatrice Morandini Valdirana (Valeria Bruni Tedeschi), eine vorlaute, gerne herumkommandierende und zum Schauspiel neigende angebliche Gräfin, und die in sich gekehrte, aber auch gelegentlich zu Wutausbrüchen tendierende, mit Tätowierungen übersäte Donatella Morelli (Micaela Ramazzotti) könnten unterschiedlicher kaum sein. Donatella fühlt sich unverstanden und unglücklich, nachdem ihr die Behörden ihr Kind weggenommen und zur Adoption freigegeben haben. Dennoch brechen sie gemeinsam aus der luxuriösen Nervenheilanstalt aus, wo sie untergebracht sind. Es folgt eine Odyssee durch die sonnendurchflutete Toskana auf der Suche nach Donatellas Sohn, aber auch nach dem Glück, das beiden Frauen bislang versagt blieb.

"Die Überglücklichen" verknüpft tragische und komische Elemente miteinander. Im Mittelpunkt des Films von Paolo Virzì und seiner Mit-Drehbuchautorin Francesca Archibugi steht aber die Frauenfreundschaft, die von den überragenden Schauspielerinnen glaubwürdig dargestellt wird. Die beiden so unterschiedlichen Charaktere ergänzen sich vortrefflich. Die unbändige Lebensfreude, mit der Valeria Bruni Tedeschi ihre adlige Figur ausstattet, und damit eine der besten schauspielerischen Leistungen ihrer bereits langen Karriere liefert, steckt nicht nur Donatella, sondern auch den Zuschauer an. Dadurch wird "Die Überglücklichen" zu einem überaus lebensbejahenden Film.


Interview mit Regisseur Paolo Virzì und Darstellerin Micaela Ramazzotti


Ihr Film "Die süße Gier" (2013) übt Kritik an der Finanzwelt. Möchten Sie nun mit "Die Überglücklichen" am Gesundheitssystem Kritik üben — oder an der Gesellschaft, die festzulegen meint, was normal ist?

Paolo Virzì (lacht): Ich freue mich, dass Sie "Die süße Gier" erwähnen. Beide Filme betrachten die Gesellschaft kritisch. Sie handeln aber auch vom Unglücklich-Sein, von der Schwierigkeit, sein Leben zu meistern. Von einer psychischen Erkrankung und davon zu sprechen, wie das Gesundheitssystem damit umgeht, ist aus soziologischen und politischen Gesichtspunkten heikel. Leicht könnte es zu einem filmischen Pamphlet verkommen. Der Film kann aber als befreiendes Medium, das Komisches, Dramatisches, Leidenschaftliches miteinander vereint, ein solch heikles Thema behandeln. Ich verstehe "Die Überglücklichen" als eine Hommage an die befreiende Kraft des Kinos.

Donatella hat schwerwiegende psychische Probleme. Wie haben Sie sich auf die Rolle vorbereitet?

Micaela Ramazzotti: Schon ein Jahr vor Beginn der Dreharbeiten habe ich Psychiatrische Kliniken besucht, um mit Ärzten und Patienten zu sprechen. Nach den Recherchen habe ich mich gefragt: Wer ist Donatella? Wie ist es zu dieser Situation gekommen? Sie wurde gedemütigt, ihr wurde jede Liebe versagt. Sie ist unglücklich. Eigentlich ist Donatella wie viele andere Frauen auch, aber sie hatte nicht das Glück, Menschen zu finden, die ihr Zuneigung schenkten, die sie ermutigten. Bei ihr hat dies dazu geführt, dass sie verrückt wurde. Das ist der Unterschied. Ich habe versucht, sie zu mögen, ihr die Gerechtigkeit zukommen zu lassen, die ihr der Staat verweigert hat.

Beatrice sorgt für viele komische Augenblicke. Aber Donatella ist eine tragische Figur, insbesondere weil ihr ihr Kind weggenommen wurde. Wie haben Sie beide Elemente zusammengebracht?

Paolo Virzì: Beide Charaktere besitzen tragische und komische Elemente. Beatrice ist anders, als sie zu sein glaubt: Sie ist einsam, niemand will sie ... Sie ist schwer psychisch gestört und lebt von ihrer Familie getrennt. Ihre Arroganz entspringt gerade ihrem mangelnden Selbstwertgefühl. Gleichzeitig ist sie eine Spaßmacherin — Beatrice könnte der Weißclown und Donatella der "August" sein — oder Don Quixote und Sancho Pansa. Als Donatella in die Anstalt kommt, besteht sie nur noch aus Haut, Knochen und Tätowierungen. Sie ist unfähig, mit den anderen zu kommunizieren. Die Beziehung zur aristokratischen, aufständischen Gräfin stellt eine Art Komödie dar. Allerdings handelt es sich nicht um eine echte Freundschaft, weil Freundschaft auf einer Beziehung auf Augenhöhe beruht. Beatrice ist eine Art "Patin", eine Chefin, die herumkommandiert, die Donatella wie ein Spielzeug benutzt.

Micaela Ramazzotti: Donatella findet eine Chefin, die ganz anders ist als sie. Sie weiß nicht, wohin sie Beatrice führen wird. Aber sie entscheidet sich, ihr zu folgen. Sie möchte von jemand geführt werden, sie mag keine Entscheidungen treffen, die Initiative ergreifen. Auch wenn Beatrice sie beispielsweise wegen der Tätowierungen kritisiert, spürt Donatella, dass Beatrice sie mag. Donatella hatte einmal versucht, in die Welt hinauszugehen. Weil sie aber damals Negatives erfahren hatte, versteckt sie sich lieber hinter ihren Kopfhörern. Von einer Sache ist sie jedoch besessen: Wenigstens einmal im Leben ihrem Kind sagen zu können "Ich liebe Dich".

Das passt offensichtlich zu ihrem Krankheitsbild des Borderline-Syndroms: Donatella ist verschlossen, hat obsessive Gedanken ...

Micaela Ramazzotti: Bei meinen Recherchen habe ich danach gefragt, wie sich ein Borderline-Syndrom äußert. Der Psychiater antwortete, dieses Syndrom entwickele sich auf der Grundlage des früheren Charakters. Deshalb habe ich sie mir vorgestellt, wie Donatella früher war. Erst danach habe ich sie in eine kranke Frau verwandelt. Aber es war mir wichtig zu wissen, wie sie davor war. Ich habe sie mir bei ihrer Familie vorgestellt: Die Mutter behandelte sie wie ein Aschenputtel, der Vater ignorierte sie ...

Dadurch, dass Beatrice Donatella durch ihre regelrechte Odyssee führt, lässt sie an Dantes Göttliche Komödie denken, bei der Dante im Paradies von Beatrice geführt wird ...

Paolo Virzì: Es freut mich, dass Sie Dante zitieren. Wenn wir von Dante oder auch von Cervantes sprechen, denken wir an literarische Archetypen. Obwohl wir mit der Recherche über die Behandlung psychischer Krankheiten ein Jahr verbrachten, musste der Film die narrativen Ausdrucksmittel der Literatur und des Kinos — Abenteuer, Komödie, Drama — verwenden.

Sie zeigen auch eine Art "Film im Film", weil Beatrices Mutter ihr Anwesen für Dreharbeiten vermietet. Es wirkt wie eine Karikatur des eigenen Berufes.

Paolo Virzì: Ja, es handelt sich um ein ironisches Element, insofern es um einen fiktiven Film von Francesca Archibugi geht, die ja Mit-Drehbuchautorin von "Die Überglücklichen" ist. Ironischerweise sagt Beatrices Mutter: "Wir sehen uns gezwungen, das Haus einem italienischen Filmteam zur Verfügung zu stellen". So machen wir uns lustig über die geringe Wertschätzung, die unserer Arbeit entgegengebracht wird.

Welche Szene war für Sie am emotionalsten, etwa die Begegnung Donatellas mit ihrem Kind?

Micaela Ramazzotti: Nein. Am schwierigsten war die Szene, als Beatrice und Donatella auf einer niedrigen Mauer sitzen und Donatella davon spricht, wie sie mit ihrem Sohn ins Wasser gesprungen ist. Es war schwierig, weil Paolo (Virzì) wollte, dass sie gleichsam unter Hypnose erzählt, ohne irgendwelche Regung. Als Mutter von zwei Kindern konnte ich es einfach nicht. Ich fing immer wieder an zu heulen. Im ganzen Film macht Donatella wenige Worte. Und nun kann sie endlich sprechen — so wie ein Indianer, der nie spricht und auf einmal redet.
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