PLÖTZLICH PAPA | Demain tout commence
Filmische Qualität:   
Regie: Hugo Gélin
Darsteller: Omar Sy, Gloria Colston, Clémence Poésy, Antoine Bertrand, Clémentine Célarié, Susan Fordham, Anna Cottis, Raquel Cassidy, Raphael von Blumenthal
Land, Jahr: Frankreich 2016
Laufzeit: 118 Minuten
Genre:
Publikum: ab 12 Jahren
Einschränkungen: S
im Kino: 1/2017


José García
Foto: Tobis

Die Côté Azur, wie sie im Buche steht: blauer Himmel und blaues Wasser, soweit das Auge reicht. Samuel (Omar Sy) genießt in Hugo Gélins "Plötzlich Papa" ("Demain tout commence") seinen Job an Bord einer Yacht, auf der er reiche Touristen herumführt. Obwohl seine Unzuverlässigkeit seine Chefin Samantha (Clémentine Célarie) immer wieder zur Weißglut treibt, schafft es der Charmeur ein ums andere Mal, sie um den Finger zu wickeln. Für Samuel ist das Leben eine einzige Party ohne jegliche Verantwortung.

Das Lotter-Leben ändert sich jedoch schlagartig, als urplötzlich eine junge Frau mit einem Baby in ihren Armen vor "seiner" Yacht steht. Sie stellt sich als Kristin (Clémence Poésy) aus London vor, und erinnert den Frauenheld an eine gemeinsame Nacht vor einem Jahr: Die drei Monate alte Gloria sei seine Tochter, sagt sie ihm. Sie fühle sich mit dem Kind überfordert, weshalb Gloria bei ihrem Vater besser aufgehoben sei. Während sich Samuel noch vom Schock zu erholen versucht, ergreift Kristin einfach die Flucht und lässt Gloria in Samuels Armen zurück. Samuel fliegt mit dem Kind spontan nach London, um Kristin zu finden und ihr Gloria zurückzugeben. Die einzige Spur von Kristin endet jedoch in einer Sackgasse. Ohne ein Wort Englisch zu können, steht Samuel in der fremden Stadt mit einem hungernden und schreienden Kind. Zufällig lernt er den französischen Filmproduzenten Bernie (Antoine Bertrand) kennen, der seit vielen Jahren in London arbeitet. Wie der Zufall so spielt: Der schwul-exzentrische Produzent sucht gerade verzweifelt nach einem Stuntman für eine beliebte Action-Fernsehserie. Als Bernie Samuels Action-Einlage auf einer Rolltreppe der Londoner U-Bahn erlebt, hat er eine Eingebung: Sein Landsmann ist der geborene Stuntman!

Acht Jahre später hat sich Samuel in London bestens eingerichtet. Er arbeitet weiterhin fürs Fernsehen, was ihm offensichtlich ein Leben ohne finanzielle Sorgen erlaubt. Gloria (Gloria Colston) besucht inzwischen eine zweisprachige Privatschule, in der sie sich prächtig entwickelt. Vater und Tochter leben in einem als Kinderspielplatz eingerichteten Loft, das an Joshs Apartment in Penny Marshalls "Big" (1988) erinnert, und das wie eine bekannte Spielzeug-Kaufhauskette sogar zwei Eingangstüren in unterschiedlicher Größe besitzt. Samuel hat sich ein kindliches Gemüt bewahrt, so dass er Gloria ein idealer Spielkamerad sein kann. Aber der Franzose, der noch immer nicht die englische Sprache beherrscht, hat gelernt, für seine Tochter Verantwortung zu übernehmen.

Gloria genießt es, für ihren Vater beispielsweise am Filmset zu dolmetschen. Aber sie vermisst ihre Mutter. So kommt Samuel auf den Gedanken, ihr von Kristins Tätigkeit als Geheimagentin zu erzählen. Weil sie auf Geheimaktionen überall auf der Welt eingesetzt sei, könne sie vorläufig nicht nach London. Samuel beginnt, Gloria in Kristins Namen jeden Abend eine Email zu schreiben — angeblich aus den unterschiedlichen Erdteilen. Das Motiv nimmt sich kaum originell aus: In Shona Auerbachs "Lieber Frankie" (2004) schrieb eine Mutter ihrem Sohn im Namen seines abwesenden, angeblich als Matrose arbeitenden Vaters etliche Briefe aus der ganzen Welt. In "Plötzlich Papa" haben sich Regisseur Hugo Gélin und seine Mit-Autoren Mathieu Oullion und Jean-André Yerles allerdings eine augenzwinkernde Referenz einfallen lassen: Der böse Gegenspieler von Glorias Mutter trägt den Namen des chinesischen Regisseurs Wong Kar-Wai.

Anders jedoch als in "Lieber Frankie" meldet sich in "Plötzlich Papa" Glorias Mutter aber genauso unerwartet wie damals, als sie verschwand. Eines Tages antwortet sie auf Samuels Anfragen auf "Facebook" und kündigt ihre Ankunft in London an. Bald fordert die inzwischen in New York in einer festen Beziehung lebende Kristin ihre Tochter zurück.

Omar Sy wurde weltweit bekannt mit dem Spielfilm "Ziemlich beste Freunde" ("Intouchables, 2011), der zum erfolgreichsten französischem Film aller Zeiten avancierte. Auch wenn die Verwandlung vom sorg- und verantwortungslosen Lebenskünstler zum sorgenden und verantwortlichen Vater etwas gekünstelt wirkt, gelingt es dem französischen Schauspieler mit mauretanisch-senegalesischen Wurzeln, die unterschiedlichen Tonlagen zu treffen, etwa auch gegen Ende, als sich in mehrerer Hinsicht ein Drama abzeichnet. Überzeugte in "Ziemlich beste Freunde" insbesondere auch die Zusammenarbeit zwischen Omar Sy und François Cluzet, so steht im Mittelpunkt von "Plötzlich Papa" das glaubwürdige Vater-Tochter-Verhältnis zwischen Omar Sy und der 2004 geborenen, in den Vereinigten Staaten lebenden Franko-Amerikanerin Gloria Colston. Regisseur Hugo Gélin setzt sie wunderbar in Szene, wenn sie sich etwa gegenseitig die Zähne putzen, auf der Straße Basketball spielen oder auch im Piratenkostüm zu Abend essen. Clémence Poésy gestaltet wiederum ihre Kristin mit einigen Nuancen, so dass der Zuschauer ihre unterschiedlichen Empfindungen von der Überforderung zu Beginn bis zum Wiederentdecken ihrer Muttergefühle nachvollziehen kann.

Das Gerichtsdrama, in das sich die Komödie zwischenzeitlich verwandelt, wird jedoch bald von einer weitaus dramatischeren Drehbuchwendung überschattet, die das eigentliche Thema des Filmes — wer nun das Recht auf das Kind hat — in den Hintergrund treten lässt. Auch wenn sich diese letzte Volte als arg konstruiert ausnimmt, erweist sich "Plötzlich Papa" als ein nachdenkenswerter Film über Elternschaft und die damit einhergehende Verantwortung.
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