BOB, DER STREUNER | A Street Cat Named Bob
Filmische Qualität:   
Regie: Roger Spottiswoode
Darsteller: Luke Treadaway, Ruta Gedmintas, Joanne Froggatt, Anthony Head, Beth Goddard, Darren Evans, Caroline Goodall
Land, Jahr: Großbritannien, USA 2016
Laufzeit: 103 Minuten
Genre:
Publikum: ab 12 Jahren
Einschränkungen: --
im Kino: 1/2017


José García
Foto: Concorde

Die besten Drehbücher schreibt das Leben, heißt es. Hätte sich ein Drehbuchautor die Geschichte des James Bowen ausgedacht, wäre er wahrscheinlich von jeder Filmproduktionsfirma wegen Unglaubwürdigkeit abgewiesen worden. Und doch hat sich dies so oder so ähnlich 2008 tatsächlich ereignet. Der in Australien aufgewachsene Brite James Bowen brachte seine Geschichte 2010 als Buch "A Street Cat Named Bob: And How He Saved My Life" (Deutsch: "Bob, der Streuner: Die Katze, die mein Leben veränderte") heraus. Das Drehbuch von Tim John und Maria Nation basiert auf dem Tatsachenroman. Regie in "Bob, der Streuner" führt Roger Spottiswoode.

London. Auf der Straße versucht James (Luke Treadaway), sich mit Musik seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Leicht ist es nicht — manchmal muss er eben in Müllcontainern nach Essbarem suchen. Dank der Hilfe seiner engagierten Betreuerin Val (Joanne Froggat) kommt James von der Straße herunter. Nach einer Überdosis, die ihn beinah umgebracht hätte, vermittelt sie ihm eine Wohnung. Dafür muss er sich an das "Methadon-Programm" halten. Zwar ist die Wohnung ziemlich heruntergekommen, aber für James bedeutet so etwas wie warmes laufendes Wasser puren Luxus. Bereits am ersten Abend bekommt der junge Mann Besuch: Vor ihm steht eine verwahrlost aussehende, rothaarige Tigerkatze. James gewährt dem Kater Asyl für eine Nacht mit dem festen Vorsatz, am nächsten Morgen den Besitzer ausfindig zu machen. Da ihm dies nicht gelingt, bittet James seine Nachbarin Betty (Ruta Gedmintas), eine tierliebende Sozialarbeiterin, den offensichtlich verletzten "Bob" (so hat James inzwischen den Kater genannt) zu versorgen.

Nach und nach freunden sich James und Bob an. Da der Kater nicht gewillt ist, alleine in der Wohnung zu bleiben, während James als Straßenmusiker in Covent Garden etwas Geld erspielt, folgt er dem jungen Mann in den Bus. Schließlich springt Bob auf James´ Schulter. Dadurch lenkt das Duo die Aufmerksamkeit auf sich, so dass James erstmals richtig viel Geld verdient. Damit kann er sogar Betty Blumen kaufen, denn langsam beginnt er sich in die hübsche Nachbarin zu verlieben.

Alles könnte sich für den jungen Straßenmusikanten endlich zum Guten wenden. Die Konflikte lassen jedoch nicht auf sich warten: Sein mit Drogen vollgepumpter Dealer-Kumpel Baz (Darren Evans) wird von einem Krankenwagen abtransportiert. James erfährt, dass Bettys Bruder an einer Überdosis Heroin starb und sie seitdem nichts mit Junkies zu tun haben will. Ermuntert durch die positive Wendung in seinem Leben möchte James seine Beziehung zu seinem Vater Nigel (Anthony Head) ins Reine bringen, der einst die Familie verließ und nun mit einer neuen Frau und zwei süßen kleinen Töchtern in einem Bilderbuch-Haus in der Londoner Vorstadt lebt. Das Familientreffen endet allerdings in einem Desaster, zu dem Bob Einiges beiträgt. Am nächsten Morgen lässt sich James darüber hinaus in Covent Garden von einem Hundebesitzer provozieren. Es kommt zu einem Handgemenge und zu einem Auftrittsverbot. Selbst den Job, eine Obdachlosenzeitung zu verkaufen, verliert James. Das Geld wird immer knapper. Und zu allem Überfluss bekommt Betty mit, dass er auf Methadon ist ...

Die Filmemacher sparen nicht mit realistisch anmutenden, heftigen Details im Leben eines auf der Straße lebenden Drogenabhängigen. Was sich zu einem regelrechten Märchen hätte entwickeln können, wird von verschiedenen Schicksalsschlägen vereitelt. Die Kamera von Peter Wunstorf kann durchaus eigene Akzente setzen, so etwa in der Schuss-Gegenschuss-Szene zu Beginn, wobei der Gegenschuss die Dinge aus der Sicht der Katze wiedergibt. Dazu gehört aber auch eine gutgetimte, nicht in die Länge gezogene Verfolgungsjagd oder auch die schnellgeschnittene Sequenz, die das Knappwerden des Geldes verdeutlicht. Regisseur Roger Spottiswoode setzt ebenfalls wohldosierte komische Elemente ein, die etwa in der Schlussszene gipfeln, als der echte James Bowen eine Lesung des nun als Buchautor Gefeierten mit den Worten kommentiert: das sei sehr anschaulich erzählt, "als hätte ich das selbst erlebt".

Zur schwierigen Balance zwischen Komik und Tragik, zwischen Märchen und harter Realität, die dem Spielfilm "Bob, der Streuner" gelingt, gehört das authentisch wirkende Spiel von Luke Treadaway, der James Bowens unterschiedliche Gefühlslagen glaubwürdig verkörpert. Aber als eigentlicher Star des Filmes erweist sich natürlich Bob, der sich selbst spielt (auch wenn er von fünf weiteren Katzen Unterstützung bekam). Die Filmemacher führen dazu aus: "Bob hatte nicht damit gerechnet, sich selbst zu spielen, aber er war begeistert, sein Filmdebüt geben zu können und viele neue Freundschaften am Set zu schließen. Auch nach Drehende pflegt er den Kontakt zu seinen Katzen-Kollegen." Der Film lässt Bob genügend Raum, damit der geschätzt zehn Jahre alte Kater sein schauspielerisches Talent entfalten kann.

"Bob, der Streuner" ist eine Geschichte, die Hoffnung macht. Zwar verschweigt der Regisseur nicht, dass im Leben des James Bowen auch der Zufall eine nicht zu unterschätzende Rolle spielte. Aber er macht auch klar, dass die Begegnung mit Menschen wie Val und Betty und vor allem mit einer Katze dieses Leben ebenso nachhaltig veränderte. Denn Bob erkannte einerseits, dass James seine Hilfe brauchte. Andererseits bekommt der junge Straßenmusiker sein Leben gerade dadurch in den Griff, dass er Verantwortung für das Tier übernimmt. Eine wunderbar anrührende Geschichte, die wohl kaum je ein Drehbuchautor hätte erfinden können.
Diese Seite ausdrucken | Seite an einen Freund mailen | Newsletter abonnieren