JACKIE | Jackie
Filmische Qualität:   
Regie: Pablo Larraín
Darsteller: Natalie Portman, Peter Sarsgaard, Greta Gerwig, Billy Cudrup, John Hurt, Richard E. Grant
Land, Jahr: USA 2016
Laufzeit: 100 Minuten
Genre:
Publikum: ab 12 Jahren
Einschränkungen: --
im Kino: 1/2017


José Garcia
Foto: Tobis

Die Ermordung John F. Kennedys am 21. November 1963 stürzte nicht nur die Vereinigten Staaten und die ganze Welt in tiefe Trauer. Sie bedeutete auch ein Trauma für die gesamte Nation. Die Ungereimtheiten in der offiziellen Version des Einzeltäters Lee Harvey Oswald ließen Verschwörungstheorien aus dem Boden schießen, die Oliver Stone 1991 in "JFK —Tatort Dallas" als Spielfilm rekapitulierte. Im nun anlaufenden "Jackie" von Drehbuchautor Noah Oppenheim, der damit bei den Filmfestspielen von Venedig 2016 mit dem Preis für das beste Drehbuch ausgezeichnet wurde, und Regisseur Pablo Larraín, möchte die Witwe JFKs, Jacqueline Kennedy genannt "Jackie", (Natalie Portman) ihre eigene Version dazusteuern. Dies erklärt sie dem Life-Magazin-Journalisten Theodore H. White (Billy Crudup) bei einem Interview, das auf einem Landsitz geführt wird, und das die Rahmenhandlung für den Spielfilm "Jackie" bildet. Die Handlungszeit ist auf die wenigen Tage zwischen dem Tod des Präsidenten und dessen Beerdigung verdichtet, wenn auch einige Rückblenden das Leben des Ehepaars Kennedy im Weißen Haus beleuchten.

Den Filmemachern geht es nicht um die "große" Geschichte, obwohl ein paar Akzente nicht fehlen: Lyndon B. Johnson (John Carroll Lynch) wird noch im Flugzeug zum neuen Präsidenten vereidigt. Ein paar Szenen weiter stellt der Zuschauer aber fest, wer eigentlich das Sagen hat: Bobby Kennedy (Peter Sarsgaard), bei dem Jackie Zuflucht sucht, und der das Heft in die Hand nimmt. "Jackie" ist jedoch ein Porträt der First Lady aus nächster Nähe. Häufig zeigt die Kamera von Stéphane Fontaine sie allein. Bei diskordanter Musik wirken die Szenen, in denen die desorientierte Jackie in ihrem immer noch blutverschmierten Chanel-Kostüm auf den Gängen des Weißen Hauses umherirrt, ziemlich surreal. Eine Frage spielt für sie eine besondere Rolle: Wo soll ihr Mann beerdigt werden, wie soll die Beisetzungszeremonie aussehen? So fragt sie noch auf dem Weg vom Washingtoner Flughafen ins Bethesda Naval Hospital, wo Johns Leichnam obduziert werden soll, ihren Fahrer, ob er folgende Personen kennt: James A. Garfield, William McKinley, Abraham Lincoln. Es handelt sich dabei um die drei Präsidenten der Vereinigten Staaten, die während ihrer Amtszeit ermordet wurden. Der Fahrer kennt wie wohl die meisten lediglich Lincoln. Die Präsidentenwitwe möchte, dass JFK wie seinerzeit Abraham Lincoln in Prozession durch die Straßen Washingtons getragen wird. Deshalb lässt sie sich die Pläne von Lincolns Beisetzungszeremonie bringen. Das Vorhaben stößt aber auf den Widerstand der Sicherheitskräfte und des Präsidenten Lyndon B. Johnson, weil ein solcher Trauerzug mit Staatsoberhäuptern aus der ganzen Welt ein unkalkulierbares Risiko mit sich bringen würde. Ihr Argument gegenüber dem Sicherheitsbeamten Jack Valenti (Max Casella): "Sie sollen sehen, was sie getan haben". Sie sei bereit, zu Fuß zu gehen, auch wenn sie als Einzige hinter dem Sarg schreiten muss.

Breiten Raum nimmt ebenfalls Jackies Abschied vom Weißen Haus ein. Dabei lernt der Zuschauer ihre loyale Assistentin Nancy Tuckerman (Greta Gerwig) kennen. Jackie hört sich ein letztes Mal Johns (Caspar Phillipson) Lieblingsmusik — das Musical "Camelot" — an, wobei in einer schnellgeschnittenen Sequenz die rauschenden Feste Revue passieren, die zum Vergleich des Weißen Hauses mit König Arthurs Schloss Camelot führten.

Aufschlussreich nimmt sich ebenfalls ein Gespräch mit einem katholischen Priester (John Hurt) aus, der sie auf eine etwas ungewöhnliche Art tröstet: Nachdem er ihr vom Gleichnis des Blinden von Siloah erzählt hat, sagt er einen Satz, der von einem gläubigen Woody Allen stammen könnte: Nach dem Tod eines geliebten Menschen würden wir am liebsten ebenfalls sterben. Aber "dennoch kochen wir jeden Morgen Kaffee". Offensichtlich geht es Regisseur Pablo Larraín um die Traueraufarbeitung nach einem schweren Schicksalsschlag.

Larraín verwendet eigenwillige filmische Mittel, die Abwechslung in die Erzählung bringen. So spiegelt er die Rahmenhandlung, das Interview mit dem Life-Magazin-Journalisten, in einer Fernsehreportage, die offensichtlich Jahre zuvor gedreht und gesendet wurde. Darin begleitet Jacqueline Kennedy die Zuschauer durch die unterschiedlichen Räume des Weißen Hauses. Die in körnigem Schwarzweiß wiedergegebenen Bilder, um den Eindruck von alten Fernsehbildern zu vermitteln, werden wie das Interview immer wieder in die Haupthandlung eingestreut. Als durchaus übliches Mittel schneidet Pablo Larraín die Film- mit Dokumentarbildern zusammen, beispielsweise bei der Beisetzung des ermordeten Präsidenten.

Trotz der relativ kurzen Zeit, in der die Haupthandlung spielt, bietet "Jackie" ein beinah kammerspielartiges Porträt der Präsidentenwitwe: Die Kamera bleibt ihr so gut wie immer sehr nah. Selten öffnet Kameramann Stéphane Fontaine seinen Blick auf weiträumige Totale oder ändert seine Perspektive. Durch das nuancierte Spiel von Natalie Portman, die Jacqueline Kennedy in vielen Einstellungen erstaunlich ähnlich sieht, gelingt "Jackie" die Wandlung von ihrer eher dekorativen Stellung neben dem Präsidenten — noch bei der Ankunft in Dallas steht sie etwas verloren in der Menschenmenge — und der jungen "Präsidentengattin", die das Weiße Haus zu einem glamourösen Treffpunkt der High Society verwandelte, zur staatstragenden Präsidentenwitwe, die nicht nur ihre Kinder tröstet, sondern auch die private Trauer ihrer Familie mit der Trauer einer ganzen Nation verknüpft.
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