TIMM THALER ODER DAS VERKAUFTE LACHEN | Timm Thaler oder das verkaufte Lachen
Filmische Qualität:   
Regie: Andreas Diesen
Darsteller: Arved Friese, Justus von Dohnányi, Axel Prahl, Andreas Schmidt, Jule Hermann, Charly Hübner, Nadja Uhl, Steffi Kühnert, Bjarne Mädel, Fritzi Haberlandt, Harald Schmidt
Land, Jahr: Deutschland 2016
Laufzeit: 102 Minuten
Genre:
Publikum: ohne Altersbeschränkung
Einschränkungen: --
im Kino: 1/2017


José Garcia
Foto: Constantin

Andreas Dresens "Timm Thaler oder das verkaufte Lachen" basiert auf dem gleichnamigen, 1962 erschienenen Roman von James Krüss, der sich wiederum von Adelbert von Chamissos "Peter Schlemihl" inspirieren ließ. Timm Thaler (Arved Friese) wächst in ärmlichen Verhältnissen auf. Sein Markenzeichen ist sein Lachen. Nach dem Unfalltod seines Vaters (Bjarne Mädel) schlägt ihm Baron Lefuet (Justus von Dohnányi) einen Pakt vor: Wenn der Junge ihm sein Lachen verkauft, wird Timm jede noch so absurde Wette gewinnen. Durch die Pferde- und sonstige Wetten kommt Timm zwar zum Wohlstand, lachen kann er aber nicht mehr. Vom Pakt mit dem Lefuet (spiegelverkehrt: Teufel) darf er nicht einmal seiner besten Freundin Ida (Jule Hermann) erzählen. Barkeeper Kreschimir (Charly Hübner) kommt allerdings dahinter. Er möchte Timm helfen, aus dem Pakt herauszukommen, der von den Unterteufeln Behemoth (Axel Prahl) und Belial (Andreas Schmidt), wenn auch eher amateurhaft, überwacht wird.

Regisseur Andreas Dresen und Drehbuchautor Alexander Adolph siedeln zwar die Geschichte äußerlich in den 1920er Jahren an, wohl aber eher in einer zeitlosen Vergangenheit. Ein großzügiges Budget erlaubt, großartige Kulissen und Kostüme zu entwerfen, vor allem aber ein aus zahlreichen deutschen Stars bestehendes Ensemble zu engagieren. Dass sich die Kinderdarsteller Jule Hermann und vor allem Arved Friese, der in so gut wie jeder Szene zu sehen ist, dagegen schauspielerisch behaupten können, gehört zu den Pluspunkten einer Inszenierung, die trotz einiger unverständlicher Entscheidungen — Stichwort Andreas Schmidt in Frauenkleidern — insgesamt als gelungen bezeichnet werden kann. Besonders geglückt nimmt sich aber die kindergerechte Darstellung des faustischen Paktes mit dem Teufel aus.


Interview mit Regisseur Andreas Dresen und Darsteller Justus von Dohnányi

Wie kam es, dass Sie erstmals einen Kinderfilm gedreht und gerade "Timm Thaler oder das verkaufte Lachen" verfilmt haben?

Andreas Dresen: Ich habe "Timm Thaler" Anfang der siebziger Jahre als Zehnjähriger gelesen. Das Buch faszinierte mich, wahrscheinlich weil es etwas gruselig ist. Schon damals habe ich gedacht: "Das muss ein toller Film sein." Da hatte ich noch keine Ahnung, dass ich selbst mal Regisseur sein würde. Anfang der 2000er Jahre habe ich mit einer Autorin und mit Bernd Eichinger an einem Projekt gearbeitet, das aber nicht realisiert werden konnte. Bernd Eichinger stellte mir dann die Frage, die Produzenten viel zu selten stellen: "Worauf hättest Du Lust?" Ich antwortete, ich würde wahnsinnig gerne etwas für Kinder machen. Und dass ich mich wundere, dass Timm Thaler von James Krüss noch nie fürs Kino adaptiert wurde. Darauf Bernd Eichinger: "Wir haben die Rechte." Bernd Eichinger ist leider viel zu früh gestorben, aber ich habe den Stoff dann mit Oliver Berben und der Constantin entwickelt.

Justus von Dohnányi: Ich kannte das Buch als Kind nicht. Gelesen habe ich es erst ein paar Monate vor Drehbeginn sozusagen als Arbeitslektüre. Ich fand es aber so klasse, dass ich nicht lange überlegen musste, um die Rolle zu übernehmen. Ich habe sogar ein anderes Projekt abgesagt und um Verständnis gebeten, dass ich bei "Timm Thaler" mitspielen möchte.


Was hat Sie an der Geschichte so fasziniert?

Andreas Dresen: Als Kind fand ich spannend, dass jemand sein Lachen verkauft, und dass man mittels Wetten alles bekommen kann, was man will. Darüber hinaus steckt darin etwas Urdeutsches, diese Faust-Geschichte. Man geht einen Pakt mit dem Bösen ein, um etwas zu bekommen. Dahinter stecken ja moralische Fragen unseres Lebens. Besonders interessant ist es, dass hier ein Kind diesen Pakt eingeht. Und die Auflösung finde ich sehr originell.


Spielt Ihr Film in einer bestimmten Zeit oder handelt es sich um ein zeitloses Märchen?

Andreas Dresen: Wir wollten ein zeitloses Märchen erzählen und fangen dafür in der Ausstattungs- und Kostümwelt der 20er Jahre an, ohne dass es sich um die historischen zwanziger Jahre handelt. Je mehr der Teufel ins Spiel kommt, desto mehr wird es eine fantastische Geschichte. Denn der Teufel ist nicht zu greifen, er passt sich chamäleonartig den anderen Figuren an. Das gab uns die Freiheit, mit Kostümen und Zeit zu spielen. Was technische Spielereien betrifft, hat ein Teufel natürlich alle Möglichkeiten!

Justus von Dohnányi: Ich hatte den Eindruck, dass die Kostüme geschickt den jeweiligen Gefühlszustand des Barons charakterisieren. In dem Moment, in dem er lässig den Dämonen sagt: "Wir wollen in Zukunft lächeln", da hat er ein amerikanisches Käppi auf, und gibt sich wie ein Computer vorstellender Silicon-Valley-Typ. Es gibt andere Momente, wo er historischer, wie ein Baron wirkt.


Wie haben Sie selbst die Rolle des Baron Lefuet angelegt?

Justus von Dohnányi: Vieles gibt schon das Drehbuch vor, das Mephistohafte, das Verführerische. Dann schaut man sich die einzelnen Szenen und die Entwicklung der Figur an. Man erinnert sich an ähnliche Figuren, die man bereits am Theater oder in anderen Filmen gespielt hat. Für jede Szene habe ich natürlich auch meine eigene Vorstellung angeboten. Der Schauspieler muss jedoch offen sein: Er kann etwas anbieten, aber die Entscheidungen trifft letztlich der Regisseur.

Andreas Dresen: Neben dem Bösen, Diabolischen war mir für die Figur auch der Humor wichtig. Das kann Justus wunderbar bedienen! Ich mag die Slapstick-Elemente: Wenn der Teufel besonders diabolisch sein will, geht meist etwas schief. Manchmal kann er einem direkt leid tun: Er möchte wie die Menschen sein, lachen können, geliebt werden. Deshalb sollte er ambivalent sein.


Der Film hat auch eine politische Dimension mit seiner Kapitalismuskritik ...

Andreas Dresen: Das ist bereits im Buch enthalten. Ich fand diesen Aspekt richtig und wichtig, weil es in der Geschichte letztlich um Werte geht: Was ist wichtig im Leben — der reichste Mann der Welt zu sein? Oder sind es doch menschliche Werte? Letztlich sind es seine Freunde, die Timm aus der Patsche helfen. Man kann Kindern ohne erhobenen Zeigefinger ruhig solche Dinge vermitteln. Ich halte nichts davon, sie mit irgendwelchen Albernheiten im Kino zu unterfordern.

Justus von Dohnányi: In jedem Familien- oder Kinderfilm gibt es eine moralische Komponente, denn die Geschichte funktioniert so besser. "Timm Thaler" zeichnet aber aus, dass er mit dem Gedanken angereichert ist, was das Leben lebenswert und wichtig macht, worauf wir am ehesten verzichten können, Kommerz oder Gefühle. Das macht den Film nachdenkenswerter und ernster als wir bei Familienfilmen gewohnt sind.


Und das Mephisto-Element macht auch den Film außergewöhnlich. Verstehen das auch die Kinder?

Justus von Dohnányi: Ja, das Verführerische ist für die Kinder über das Gewinnen am Anfang zu spüren. Sehr stark ist das subtile teuflische Element ebenfalls in der Szene, in der Lefuet dem Mädchen die Augen abschwatzen möchte. Über diese Beispiele glaube ich schon, dass die Kinder es verstehen. An einer Einstellung könnte man denken, Lefuet würde das Evangelium zitieren: "Das alles will ich dir geben, wenn du dich vor mir niederwirfst und mich anbetest."

Andreas Dresen: Er sagt: "Hier lernst Du, wie man die Welt lenkt" und schenkt Timm eine große Modelleisenbahn, die unsere Filmwelt als Miniaturlandschaft widerspiegelt. Unser Drehbuchautor Alexander Adolph hat die Weltreise aus dem Roman ja verdichtet: Da gibt es Timms Gasse, die Welt der Armen, für die Reichen das Grand Hotel und dazwischen mit der Pferderennbahn den Ort, wo man eben reich oder arm werden kann. Über all dem thront der Baron. In der Modellbahnlandschaft kann man all das sehen — im Kleinen spiegelt sich das Große, so wie die Welt sich in diesem Märchen spiegelt.
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