BERLINALE RETROSPEKTIVE 2017 | Berlinale Retrospektive 2017
Filmische Qualität:   
Regie:
Darsteller:
Land, Jahr: 2017
Laufzeit: 0 Minuten
Genre:
Publikum:
Einschränkungen:



Foto: DEFA-Stiftung / Alexander Kühn

Heute beginnen die 67. Internationalen Filmfestspiele Berlin. Die Berlinale besteht jedoch nicht nur aus dem Wettbewerb, in dem über den Goldenen und die Silbernen Bären entschieden wird. Andere Sektionen zeigen eine schier unüberschaubare Zahl von Spiel-, Dokumentar- und Kurzfilmen aus aller Welt. Die "Retrospektive", die seit 1977 in Partnerschaft mit der Deutschen Kinemathek — Museum für Film und Fernsehen veranstaltet wird, widmet jedes Jahr ihr Programm bedeutenden Regisseuren oder einem filmhistorischen Thema. Im Jahr 2017 dreht sich die Berlinale-Retrospektive um den Science-Fiction-Film.

Seit jeher hat die Science-Fiction — ob in Roman- oder Filmform — nicht nur menschliche Träume thematisiert — von den Reisen eines Jule Verne bis hin zu den menschlichen Schöpfungen (Stichwort: der Golem oder auch Roboter und Androiden), die ein Eigenleben entwickeln. Darüber hinaus greift das Kino in Science-Fiction-Filmen Entwicklungen mit gesellschaftlicher Relevanz auf, um ihre Auswirkungen in künstlerischer Freiheit aufzuhellen. Dadurch warnt der Science-Fiction-Film vor gefährlichen Entwicklungen, ob es sich um einen Atomkrieg oder sonstige Formen der Zerstörung, um die Uniformierung der Gesellschaft und deren Überwachung oder etwa auch um genetische Eingriffe handelt.

Das Retrospektive-Programm der Berlinale 2017 umfasst 27 Lang- und zwei Kurzfilme aus den Jahren 1918 bis 1998, darunter Klassiker wie Byron Haskins "Kampf der Welten" (1953), Michael Andersons "1984" (1956), Don Siegels "Die Dämonischen" (1956) oder Stanley Kramers "Das letzte Ufer" (1959), Kultfilme (Ridley Scotts "Alien", 1979 und "Blade Runner, 1982) sowie weitgehend unbekannte Produktionen etwa aus Japan sowie Mittel- und Osteuropa, beispielsweise "Der Test des Piloten Pirx" von Marek Piestrak (1979) oder die Kurzfilme "Ölfresser" von Jan Sverak und "Ein Tag in 100 Jahren" von Shigeji Ogino. Zur Retrospektive erscheint die englischsprachige Publikation
Rainer Rother und Annika Schaefer (Hrsg.): "Future Imperfect. Science · Fiction · Film". Verlag Bertz und Fischer 2017, 160 Seiten, ISBN 978-3-86505-249-0, EUR 22,90


Gespräch mit Rainer Rother, Leiter der Berlinale-Sektion "Retrospektive"

Warum widmet die Berlinale gerade im Jahre 2017 dem Science-Fiction-Film eine Retrospektive?

Es gibt mehrere Gründe. Einmal weil wir hier im Museum für Film und Fernsehen Berlin die Ausstellung "Things To Come" über den Science-Fiction-Film haben. Dann wegen des erstaunlichen Faktums, dass der Science-Fiction-Film in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren einen enormen Aufschwung erfahren hat. Das haben wir zusammen mit den Kollegen vom "Museum of Modern Art" zum Anlass genommen, zurückzuschauen und die Geschichte des Science-Fiction-Filmes in 27 Beispielen zu erzählen.

Diese 27 Filme stammen aus verschiedenen Sparten. Wie haben Sie die Schwerpunkte gesetzt?

Zunächst haben wir uns auf zwei Themen konzentriert, die im Science-Fiction-Film immer wieder eine große Rolle spielen: das Bild der Gesellschaft der Zukunft und die Begegnung mit dem Fremden. Das Fremde ist nicht nur der "Alien". Es kann auch ein menschenähnlicher Android oder das eigene Ich sein, das fremd wird. Diese zwei Fragestellungen besitzen eine gewisse philosophische Tiefe.

Haben diese Themen zwei Seiten — die Gesellschaft der Zukunft als Utopie oder als Dystopie beziehungsweise der gute Alien, der die Erdbewohner warnt, gegenüber dem bösen Alien, der die Erde erobern will?

Bei der Gesellschaft der Zukunft überwiegen die Dystopien. Die Utopie ist eigentlich kein Filmgegenstand: Wenn etwas perfekt ist, dann gibt es keine Erzählung, weil es keinen Konflikt gibt. Bei der Begegnung mit dem Fremden gibt es hingegen durchaus zwei Seiten. Der dänische Film "Das Himmelsschiff" (1918) lässt uns auf friedliebende, vegetarische Marsianer treffen. In "Die Außerirdischen erscheinen über Tokio" (Japan, 1956) kommen sie als Retter und warnen die Erde. Dies hat auch mit Kommunikation zu tun. Ob sie gelingt oder nicht, entscheidet darüber, ob die Aliens feindlich oder freundlich sind. Dahinter verbirgt sich, wenn man so will, eine politische Botschaft: Wie Konflikte durch Kommunikation zu vermeiden oder wie sie zu lösen sind. Der Science-Fiction-Film bietet eine Reflexion auf den Zustand der gegenwärtigen Welt: In den neunziger Jahren glaubten wir, dass die Kommunikation alle Grenzen überwinden kann. Heute ist dies fraglich geworden.

Eine Form von Gegenbild zu positiven Utopien sind totalitäre Regime mit einer absoluten Überwachung, so in "1984" (1956) oder im Regiedebüt von George Lucas "THX 1138" (1971). Stellen Sie diesbezüglich eine Entwicklung über die Jahrzehnte hinweg fest?

Das Genre entwickelte sich schon. Die Gesellschaft der Zukunft wird mit Blick auf Tendenzen der Gegenwart entworfen. Die Tendenzen, die in der Gegenwart als bedrohlich entdeckt werden, werden im Science-Fiction-Film bis zur Kenntlichkeit übertrieben. So wird der Gegenwart ein Spiegel vorgehalten. In den 1920er Jahren überwiegt der Klassenkonflikt — so in "Algol. Tragödie der Macht" (1920), den wir zeigen, aber auch im Klassiker "Metropolis" (1927), den wir nicht noch einmal zeigen, weil er sehr bekannt ist. In den vierziger und fünfziger Jahren kommt einerseits die Angst vor einem Atomkrieg, vor der Auslöschung der Menschheit durch menschliches Handeln, andererseits die Angst vor der Uniformierung der Gesellschaft hinzu. In den siebziger Jahren gibt es die Öko-Dystopien aus der Sorge um den Zustand der Welt, so etwa "Soylent Green" ("...Jahr 2022 ... die überleben wollen", 1973). Immer wieder werden Uniformität und Kontrolle aufgegriffen. Ein Film wie "1984" ist heute aktueller als 1956, als er erschien. In einer Zeit, in der über "alternative Fakten" gesprochen wird, ist das "Wahrheitsministerium" auch nicht mehr weit.

Neben diesen apokalyptischen Filmen werden in letzter Zeit verstärkt postapokalyptische Filme produziert. Sind die so neu, dass sie nicht mehr in eine Retrospektive passen?

Ich glaube schon, dass sie in eine Retrospektive passen würden. Mit Piotr Szulkins "O-Bi, O-Ba: The End of Civilization" (1985) und Konstantin Lopuschanskis "Letter from a Dead Man" (1986) haben wir auch frühe Beispiele im Programm. Aber angesichts der hohen Zahl von extrem gut gemachten Science-Fiction-Filmen der letzten fünfzehn Jahre haben wir im Laufe des Kuratierens die Entscheidung getroffen, in der analogen Ära steckenzubleiben. Unser letzter Film kommt aus dem Jahre 1998 und ist ganz klassisch auf 35 Millimeter produziert. Er kennt noch nicht die computergenerierte Tricktechnik, die zur großen Glaubwürdigkeit und zur großen Faszination der gegenwärtigen Filme enorm beiträgt.

Postapokalyptische Filme sind gerade deshalb interessant, weil sie die Frage danach aufwerfen, welche Gesellschaft die wenigen Überlebenden nun aufbauen wollen — eine philosophisch interessante Frage ...
Ja, das stimmt. Die postapokalyptischen Filme, die in der Ära der analogen Kinematografie schon Vorläufer wie "The Day After" (1983) haben, machen heute einen beträchtlichen Teil der Science-Fiction-Filme aus. Ich glaube, das ist eine Reflexion auf neue gesellschaftliche Entwicklungen. Diese Filme sind eine radikale Warnung an die Gegenwart. Sie sind aber aus pragmatischen Gründen nicht mehr bei uns untergekommen.

Die Angst vor Eingriffen in die menschliche Genetik steht ebenso in vielen Filmen im Vordergrund. In der Publikation zur Retrospektive "Future Imperfect. Science · Fiction · Film" ist die Rede von "Gattaca" (1997). Von der Entstehungszeit hätte der Film auch in die Reihe gepasst ...

Es gibt eine Vorstufe, die in "Seconds" ("Der Mann, der zweimal lebte", 1996) von John Frankenheimer thematisiert wird. Er handelt von einem Mann in seinen nicht mehr besten Jahren, der in seinem Beruf sehr erfolgreich gewesen ist. Plötzlich erhält er die Chance, ein ganz anderer, junger Mann zu werden. Er verwandelt sich in den wunderbaren Rock Hudson, eine höchst attraktive Gestalt. Es ist das Spiel mit dem Gedanken, wir könnten uns neu erschaffen. Dass er aber mit der neuen Identität nicht zufrieden ist, dass er verzweifelt, finde ich großartig. Er ist für uns der Vorläufer der Geschichten um den genmanipulierten Menschen, die heute eine große Rolle spielen.
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